Kultur

Drei Frauen holen ihr Idol nach Norderstedt

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Andreas Burgmayer

Foto: Karin Lohmeier / BGZ

Am 3. März tritt Patricia Kelly mit ihrer Band im Albert-Schweitzer-Haus auf. Organisiert haben den Auftritt Norderstedter Fans.

Norderstedt.  Wenn Paddy im Fernsehen kommt, sitzt Michaela Borgeest (31) mucksmäuschenstill davor und schwelgt in jenem Gefühl, das sich am ehesten mit Kindheitserinnerung umschreiben lässt. Da ist viel Wärme, da ist viel Pathos, Geborgenheit und, ja, echte Liebe im Spiel. „Erst kürzlich habe ich Paddy bei seinem Comeback-Konzert getroffen und nach 21 Jahren des Fans-Seins endlich ein Selfie mit ihm gemacht. Und meine Knie haben gezittert.“

Am liebsten wäre Michaela auch eine Kelly. Und wenn sie es sich aussuchen dürfte, dann wäre sie Paddys Schwester Patricia Kelly. „Weil sie so hübsch ist, weil sie so schön singen kann und einfach ein ganz fantastischer Mensch ist.“

Das Kelly-Family-Phänomen. Die musizierende Hippie-Großfamilie, die lange Zeit im Doppeldeckerbus durch Europa tourte, Straßenmusik machte und den alternativen Lebensstil propagierte, wurde schließlich in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu einem bestaunten Pop-Ereignis. 1994 kam das Album „Over the hump“ heraus, verkaufte sich in Deutschland 2,5 Millionen Mal, der von Paddy geschriebene Hit „An Angel“ war über Monate im öffentlichen Raum so allgegenwärtig wie heute das „Atemlos“ von Helene Fischer. Die Kellys spielten schließlich nicht mehr auf der Straße, sondern in ausverkauften Arenen vor bis zu 250.000 Menschen oder vor dem Papst und seinen Schäfchen. Es waren die Zeiten, in denen die Kellys dafür sorgten, dass Millionen von Menschen sie liebten – und ebenso viele sie hassten. Aber dazwischen gab es nichts.

Den Gewinn teilt die Künstlerin mit den Fans

„Wir mussten uns wegen unserem Fan-Sein auch einiges anhören“, sagt Julia Reiners (29). „Aber das härtet ab. Und wir Kelly-Fans lassen uns nicht so schnell unterkriegen.“ Julia Reiners und Michaela Borgeest sind gute Freundinnen. Kelly-Seelenverwandte, die sich im vergangenen Jahr im Team mit drei weiteren Kelly-Freunden in ein großes Abenteuer gestürzt haben. Sie holen sich eine echte Kelly für ein Konzert vor die eigene Haustür, in den Gemeindesaal der Albert-Schweitzer-Kirche in Harksheide. Am 3. März wird Patricia Kelly dort mit ihrer Band Songs aus ihrem Solo-Album „Grace & Kelly“ präsentieren. Ein Album, das Patrica Kelly mit 30.000 Euro alleinverantwortlich abseits der Musikindustrie produziert hat – das Geld hatten Fans für sie zusammengelegt.

Vom Wirken eines Konzertveranstalters haben die Krankenschwester Julia, die pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte Michaela, aber auch ihre Mitstreiter, die Krankenschwestern Claudia Schumann (26) und Nina Castells (33) sowie der Friseur Jens Plön (30) keinen blassen Schimmer. „Das mussten wir uns alles im letzten Jahr selbst erarbeiten“, sagt Julia Reiners. Lernen konnten sie von anderen Kelly-Fans, die das auch schon mal durchgezogen haben. Denn Patricia Kelly organisiert ihre komplette Tour nach diesem Modell. Fans organisieren den Auftritt komplett in Eigenregie, der Gewinn des Abends wird zwischen der Künstlerin und den Fans geteilt.

„Wir mussten zunächst eine Location suchen, bevor wir einen konkreten Tour-Termin von Patricias Management bekommen haben“, sagt Julia Reiners und demonstriert, dass sie in den vergangenen Monaten gut dazugelernt hat, denn sie beherrscht zumindest schon die Fachtermini einer versierten Tour-Managerin. Zunächst versuchten die Kelly-Fans erfolglos, in Hamburg einen Auftrittsort zu finden. Dann erinnerte sich Julia Reiners an den Ort ihrer Firmung in der Schweitzer-Gemeinde. „Dort waren sofort alle Feuer und Flamme für die Idee.“

Nun unterschrieben die Konzert-Amateure einen richtigen Vertrag mit ihrem Idol. Darin verpflichteten sie sich, die komplette Abwicklung für das Konzert zu übernehmen. Also: Plakate kleben, Flyer auslegen, Pressearbeit und natürlich die Buchung von Unterkünften für Patricia Kelly und ihren Tourtross, das Catering für die Show hinter der Bühne und alles sonst noch denkbare. „Wir sind da natürlich nicht ganz blauäugig hineingestolpert“, sagt Julia Reiners. Die Kelly-Fans mussten finanziell in nicht unbeträchtlicher Höhe in Vorleistung treten. Die Suche nach Sponsoren für die Gegenfinanzierung war schwer und erbrachte nur bescheidene Zuschüsse. Und sie fragten sich natürlich auch, was passiert, wenn die Sache schiefgeht, keiner zum Konzert käme (quasi undenkbar) und sie auf Kosten und fälligen Steuern und Abgaben sitzen bleiben. „Wir haben soweit alles geprüft und sind in jedem Fall sicher“, sagt Julia Reiners. Das Kelly-Management lässt die Fans nicht im Regen stehen. „Das könnten die sich auch kaum leisten, wenn an jedem Spielort Fans mit Schulden zurückbleiben würden“, sagt Reiners. Und überhaupt: Ihrem Idol Patricia Kelly traut sie so eine Gemeinheit noch nicht mal im Ansatz zu. „Patricia ist sehr authentisch.“

Wenn 300 Leute kommen, sind die Kosten gedeckt

Allerdings geht das nicht so weit, dass die heute zweifache Mutter noch so spontan ist wie zu besten Hippie-Zeiten. „Was die Unterkunft angeht, da habe ich natürlich nachgefragt, ob ein Matratzenlager in einer privaten Unterkunft okay wäre“, sagt Julia Reiners. Nein, wäre es nicht. Sechs Hotelzimmer in Norderstedt mussten es dann schon sein, für die Patricia-Kelly-Family samt Musikern und Technikern. „Die Kategorie war ihr egal.“ Okay waren auch selbst gemachter Nudelsalat und Schnittchen als Catering, wenngleich Patricia Kelly zur Stärkung für den Auftritt gerne immer etwas Pute isst.

Wenn 300 Leute zum Konzert am Freitag, 3. März, ins Albert-Schweitzer-Haus kommen, dann wären die Kelly-Fans nicht nur aufgrund der Musik von Patricia Kelly beseelt, sondern auch durch den Kassensturz. Mit 33 Euro Abendkasse und 29 Euro im Vorverkauf sind die Kelly-Tickets kalkuliert. Julia Reiners und Michaela Borgeest reagieren irritiert auf die Nachfrage, ob das nicht etwas üppig sei. „So viel kosten doch heute alle großen Acts. Und wenn ich zu Mariah Carey gehe, muss ich 300 Euro zahlen“, sagt Julia Reiners. Man spürt: Für die Kelly-Fans sind die Patricia und ihre Geschwister immer noch A-Klasse-Promis. Und die Fakten geben ihnen recht. Die Kellys machen im Mai drei Konzerte in der Dortmunder Westfahlenhalle. Alle drei Termine mit insgesamt 27.000 Tickets waren innerhalb von wenigen Minuten ratzeputz ausverkauft.

Patrica Kelly & Band, Freitag, 3. März,
Albert-Schweitzer-Haus, Schulweg 30. Tickets im Vorverkauf gibt es unter reservix.de oder per E-Mail an patricia.kelly@gmail.com

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