Norderstedt
Bargteheider Autoren

Neues Buch: 111 weitere Gründe, Lehrer zu sein

Hein-Dirk Stünitz (l.) und Dietrich von Horn bei einem Austausch vor dem Café Papillon im Kleinen Theater Bargteheide

Hein-Dirk Stünitz (l.) und Dietrich von Horn bei einem Austausch vor dem Café Papillon im Kleinen Theater Bargteheide

Foto: Lutz Wendler / HA

Die Bargteheider Dietrich von Horn und Hein-Dirk Stünitz haben „111 weitere Gründe, Lehrer zu sein vor“ in einem Buch zusammengefasst.

Bargteheide.  Schule ist Teamwork. Deshalb ist es verständlich, dass Dietrich von Horn sich für die Fortsetzung seines Bestsellers „111 Gründe, Lehrer zu sein“ aus dem Jahr 2013, inzwischen in der siebten Auflage, nicht länger als Alleinunterhalter betätigen wollte, sondern sich mit Hein-Dirk Stünitz einen erfahrenen Kollegen an seine Seite geholt hat – und zwar einen, der doppelt dafür qualifiziert ist: als Lehrer und Autor.

Dietrich von Horn (72) und Hein-Dirk Stünitz (68) haben gemeinsam, dass sie leidenschaftliche Lehrer waren und mehr als 35 Jahre lang an Grund, Haupt- und Gemeinschaftsschulen in Bargteheide unterrichteten. Beide entdeckten nach ihrer Pensionierung die Lust am Schreiben. Initialzündung war der Abendblatt-Roman-Wettbewerb 2011, bei dem Dietrich von Horn für sein Debüt „Aber sonst ist eigentlich nicht viel passiert“, das reich an lakonisch-skurril erzählten Episoden aus der Provinz ist, den ersten Platz erhielt. Es folgten nicht ganz ernste, unterhaltsame Ratgeber zu so verschiedenen Themen wie Schule, Mallorca und Ruhestand. Und von Horn empfahl seinem Verlag Hein-Dirk Stünitz, den Kollegen und sportbegeisterten Kumpel aus Jugendtagen in Eckernförde und Studienzeiten in Kiel, als Golf-Ratgeber und gewann ihn zudem als Ko-Autor.

Rankings wie die Pisa-Studie nerven die ehemaligen Lehrer

Ein erprobtes Duo, dem trotzdem beim neuen Auftrag etwas bange zumute war. „Der Verlag wünschte sich wegen der guten Verkaufszahlen meines Lehrer-Buches eine Fortsetzung, und wir hatten leichtsinnig sofort zugesagt. Doch als wir das Projekt ,111 weitere Gründe, Lehrer zu sein’ starteten, waren wir plötzlich im Zweifel, ob sich noch genug Stoff zum Thema finden ließe“, erzählt Dietrich von Horn. Hein-Dirk Stünitz ergänzt: „Als dann aber jeder für sich angefangen hatte und wir wieder zusammenkamen, stellten wir fest, dass es kein Problem ist, rasch weitere 111 Gründe für den Lehrerberuf zu finden.“

Die beiden merkten aber auch, dass Schule eine so ernste Sache ist, dass sie sich nicht so witzig präsentieren lässt wie ihr in diesem Frühjahr erschienener Ruhestand-Ratgeber. Und sie erlebten beim Schreiben, was sie aus der Praxis längst wussten: dass sich Schule schlecht in standardisierte Formate pressen lässt. Man sollte ihr Buch weniger als eine durchnummerierte Liste lesen, sondern eher als etwas sprunghaftes Plädoyer für ihren Beruf – und als praxisnahes Nachdenken darüber, was nach ihrer Meinung gute von schlechter Schule unterscheidet. Wer dabei sofort an Pisa denkt, liegt nicht schief. Denn der Popanz internationalen Rankings, an dem Politiker und Medien in Deutschland von Jahr zu Jahr den Erfolg des deutschen Bildungssystems glauben ablesen zu können, nervt auch die leidenschaftlichen Ex-Lehrer.

Bildungs- und Erziehungsziele deutscher Schulen sind hoch

„Es ist merkwürdig, welche Ziele mit solch einem Länderranking, über dessen Sinn man streiten kann, verfolgt werden“, sagt Dietrich von Horn. „Überprüft werden dabei kognitive Fähigkeiten, also die Fortschritte des Lernens und der Aufbau von Wissen. Doch die Bildungs- und Erziehungsziele deutscher Schulen sind vielfältiger und die Ansprüche trotzdem hoch“, fügt Stünitz hinzu und verweist auf die 22 Punkte, die er im Buch aufgelistet hat, darunter Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt, Achtung vor der Würde des Menschen, Hilfsbereitschaft, Toleranz, soziales Handeln, Selbstbestimmung und Kritikfähigkeit, die Bestandteil eines Programms sein können, das sich eine Schule selbst gibt.

„Selbstverständlich ist die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten ein wichtiges Ziel der Schule, aber nicht das einzige Kriterium für Qualität“, sagt Stünitz, dem Fixierung und Aktionismus in der Bildungspolitik missfallen.

Respekt und Disziplin halten die Autoren für unverzichtbar

„Es wird zu viel die Systemfrage gestellt, aber die allein gibt keine Antworten über notwendige Inhalte.“ Nicht das Messen kurzfristig wirksamer Veränderungen, deren Nachhaltigkeit fraglich ist, wünscht sich Stünitz, sondern gewissermaßen eine Langzeit-Evaluation. „Es wird oft erst viele Jahre später erkennbar, was Schule beim einzelnen Schüler bewirkt hat – im Positiven wie im Negativen.“ Stünitz hat deshalb für das Buch einige ehemalige Schüler befragt, die erzählten, wie sie sich entwickelt haben und ob Schule oder Lehrer dabei prägend Einfluss genommen haben. System hin, Schulprogramm her. Noch immer kommt es wesentlich auf den einzelnen Lehrer selbst an. Von Horn und Stünitz entwerfen eine Art Profil des wünschenswerten Pädagogen in verschiedenen Facetten.

„Ein Lehrer sollte authentisch sein. Und er muss das vorleben, was er vermitteln will“, sagt Hein-Dirk Stünitz. Und das, so sagt er, beginne bei der Disziplin: Lehrer, die Pünktlichkeit im Unterricht verlangten dürften nicht selbst regelmäßig zu spät erscheinen. Unglaubwürdig werde ein Lehrer auch, wenn er strikt auf Abgabetermine für die Hausaufgaben achte, aber sich für die Korrektur einer Klassenarbeit wochenlang Zeit lasse. „Lehrer sollten verlässliche Partner der Schüler sein und nicht unberechenbar“, sagt Stünitz. Und dann fügt er noch hinzu: „Es geht auch darum, ein Klima gegenseitigen Respekts zu schaffen.“ Disziplin an der Schule sei ebenso unumgänglich wie ein Schulprogramm, an das sich alle Lehrer verbindlich halten sollten, weil das Schülern bei der Orientierung helfe. Es sollte nicht bei dem einen Pädagogen erlaubt sein, was der andere verbietet. Stünitz: „Es muss immer eine Situation hergestellt werden, in der Lernen möglich wird.“

Schwäche zu zeigen, kann für Lehrer hilfreich sein

Im übrigen sei es Lehrern nicht nur erlaubt, sondern könne sogar hilfreich sein, wenn sie Schwächen zeigten. „Lehrer sind keine vollkommenen Menschen“, sagt Dietrich von Horn. Entscheidend sei es, wie man als Lehrer mit eigenen Fehlern umgehe. Eine Entschuldigung könne mehr Größe beweisen und Respekt bewirken als der Versuch, eine Ungerechtigkeit durch die eigene Machtposition zu kaschieren. Hein-Dirk Stünitz fordert auch in diesem Zusammenhang Zivilcourage im Kollegium: „Wenn ein Lehrer Kritik von Schülern an einem Lehrer hört, sollte er das ernst nehmen. Dann muss er sich vielleicht sogar gerade machen und dem nachgehen, auch wenn das unbequem ist, wenn man sich mit Kollegen gut stellen will.“

Auch Stünitz und von Horn, die als 68er an die Schule kamen – Stünitz: „mit selbstgenähtem Lederbeutel und langen Haaren“ – und vieles anders machen wollten, machten am Anfang vor allem eines: Fehler. Aber sie seien sich dessen bewusst gewesen und deshalb immer wachsam geblieben. „Und wir hatten einen großen Vorteil: Wir waren beide bei der Bundeswehr und hatten Erfahrungen in der Jugendausbildung. Wir sind also nicht lax gestartet“, sagt Stünitz und grinst. Beide sehen Defizite in der Lehrerausbildung – zum Beispiel den Nachteil, dass Nichteignung für die Praxis im Referendariat viel zu spät offenbar werde. Besser wäre eine Laborsituation zu Beginn des Studiums: Praktika, in denen der Student sich ausprobieren kann und nicht nur er, sondern auch Ausbilder und Schüler sehen, ob er von seiner Persönlichkeit her dem Job gewachsen ist – denn das Handwerkszeug von Methodik, Didaktik und theoretischer Pädagogik sei zwar unerlässlich, aber eben im Alltag nicht alles. Ein Irrweg sei auch der Glaube, so sagen die beiden, dass Fachkompetenz das Entscheidende sei. „Ich habe oft hoch qualifizierte Quereinsteiger scheitern sehen, zum Beispiel Physiker und Ingenieure“, erzählt Stünitz dem Abendblatt.

Schüler sollten für Fächer begeistert werden

„Ein Lehrer sollte immer wieder neu versuchen, Schüler für sein Fach zu begeistern – auch durch fantasievolle Querbezüge zum Alltäglichen, die auf den ersten Blick nichts mit den zu vermittelnden Inhalten zu tun haben“, sagt Stünitz. Von Horn erzählt, dass er ein Programm hatte, das Standard war, weil er zeigen wollte, was er für bereichernd im Leben hält, nämlich Kultur, historisches Bewusstsein und Sport: „Ich bin mit jeder meiner Klassen in der Kunsthalle, im Theater, in der Gedenkstätte Neuengamme, im Fotolabor, auf dem Squash-Court gewesen. Bei einigen hat die Anregung Früchte getragen.“

Beide Lehrer finden, dass viel Kraft vergeudet werde, wenn zu viel auf Schule zukomme. Stünitz: „Es gibt zum Beispiel immer neue Vorschläge, was alles Schulfach werden soll. Da bleibt oft wenig Zeit für normalen Unterricht in elementaren Fächern.“ Lehrer sollten eher dazu angehalten werden, neuen – oder auch neumodischen – Stoff durch Querbeziehungen fantasievoll in den Unterricht klassischer Fächer zu integrieren.

„Upgraden“ der Hauptschule sei ein Etikettenschwindel

Auch der Aktionismus der Bildungspolitik, der nicht selten ideologischen Bildungszielen folge oder kurzfristig evaluierte Erfolgsergebnisse produziere, nerve, weil er bisherige Arbeit infrage stelle. Das „Upgraden“ der Hauptschule auf eine andere Schulform und vermeintlich höheres Bildungsniveau sei eine Art Etikettenschwindel. Beide meinen, dass die Hauptschule, an der sie lange unterrichteten, zu Unrecht verunglimpft worden sei: „Auch unsere Hauptschüler hatten ihren Stolz. Sie wussten um ihre Fähigkeiten und wurden im intellektuellen Bereich nicht ständig vorgeführt. Außerdem harmonierte diese Schulform gut mit dem dualen System in den entsprechenden Handwerksberufen.“

Dietrich von Horn und Hein-Dirk Stünitz halten ihren Beruf für einen der besten überhaupt, weil er dazu beitragen kann, dass junge Menschen sich selbstbestimmt ihren Fähigkeiten entsprechend entwickeln. Der Erfolg der Erziehungsarbeit lässt sich erst im Nachhinein erkennen: „Jeder Schüler ist ein offenes Ende“, sagt Stünitz. Und von Horn erzählt im Buch von einem besonders beglückenden Moment, als ihm ein Mann, den er nicht kannte, zu Hause eine Flasche Rotwein vorbeibrachte. Er stellte sich als Vater eines Schülers vor, von dem er sagte, der Junge habe vor 15 Jahren nichts gebacken gekriegt und habe inzwischen seine Meisterausbildung als bundesweit Jahrgangsbester absolviert. Und der Vater richtete vom Sohn aus, dass die Schule und von Horn für ihn von großer Wichtigkeit gewesen seien: „Sie waren der Anstoß, etwas aus sich zu machen, weil Sie an ihn geglaubt haben. Sie haben ihm Mut gemacht.“

Weitere 111 Gründe, Lehrer zu sein, Dietrich von Horn und Hein-Dirk Stünitz, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 259 Seiten, 9,99 Euro