Norderstedt
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Immer mehr alte Menschen sind verschuldet

Der Anteil der Älteren, die sich bei der Schuldnerberatung melden, nimmt zu

Der Anteil der Älteren, die sich bei der Schuldnerberatung melden, nimmt zu

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Das sagen die Insolvenz-Experten in der Region. Häufige Ursachen für Schulden sind Spielsucht, Arbeitslosigkeit und Trennung.

Norderstedt.  Immer mehr Rentner sind überschuldet. „Der Anteil der Älteren, die sich bei uns Hilfe holen nimmt zu“, sagt Maria Bergs von der Schuldner- und Insolvenzberatung des Diakonischen Werks in der Stadt Norderstedt. 45 der 381 Klienten, die im Jahr 2015 in die Beratungsstelle an der Ochsenzoller Straße kamen, waren 61 und älter. Maria Bergs sieht darin erste Folgen der Altersarmut. Das Rentenniveau sei in den vergangenen Jahren gesunken, von 52 Prozent des durchschnittlichen Jahresentgeltes im Jahr 2009 auf aktuell 47,8 Prozent. Und die Höhe der Altersbezüge wird weiter sinken, nach aktuellen Berechnungen von Bundessozialministerin Andrea Nahles auf 41,6 Prozent im Jahr 2045 – wenn der Staat nicht gegensteuert. „Wenn die Rente schon nicht reicht, um die Miete zu bezahlen und sich zu versorgen, ist erst recht kein Geld für die viel beschworene private Altersvorsorge da“, sagt Maria Bergs.

Ihr Kollege Wolfgang Stein von der Schuldner- und Insolvenzberatung der Verbraucherzentrale in Kaltenkirchen bestätigt den Trend: „Auch bei uns verschiebt sich der Altersschnitt deutlich nach oben.“ Jeder Zehnte der rund 500 Klienten im Jahr sei 60 und älter. Allerdings sieht Stein die Ursache noch nicht in der Altersarmut, sondern in gescheiterter Selbstständigkeit und Schulden, die die Älteren in den Ruhestand mitbringen. Dazu zählten Immobilienkredite, die sie nun nicht mehr bedienen können, weil die Rente deutlich geringer ausfällt als das Einkommen. Oder Trennungen und Scheidungen nachwirken – nach Arbeitslosigkeit nach wie vor eine der Hauptursachen für Schulden, die die Existenz gefährden.

Auch eine zweite Gruppe wächst: Die Menschen, die nicht aus der Schuldenfalle finden, weil sie krank sind, psychisch angeschlagen durch hohen Druck im Job oder die Angst, ihre Existenz zu verlieren. „Schulden machen krank, und durch Krankheit nimmt die Überschuldung zu“, sagt Maria Bergs. Ihr Kaltenkirchener Kollege Stein spricht von zunehmender „Mehrfachproblematik“. Depressionen und Schulden, Drogenabhängigkeit und Schulden, Spielsucht und Schulden – solche Persönlichkeitsbilder erforderten eine intensive Beratung. „Bevor wir darüber reden, wie die Menschen finanziell wieder auf die Beine kommen, muss eine Therapie vorgeschaltet werden“, sagt der Leiter der Kaltenkirchener Beratungsstelle.

Er und sein Team haben noch ein Phänomen ausgemacht, das zum dramatischen Minus im persönlichen Budget führen kann: Fehlende „finanzielle Allgemeinbildung“ nennen die Experten das, was im normalen Sprachgebrauch heißt: Der oder die kann nicht mit Geld umgehen. „Früher hatten wir 100 Mark im Portemonnaie und mussten damit eine Woche auskommen. Heute werden selbst Centbeträge per Karte bezahlt. Da verliert man schnell den Überblick“, sagt Stein. So manchem fehle auch die Vorstellung, was 1000 Euro bedeuten, wie lange man davon leben, was man davon kaufen kann. Rechenfertigkeit fehle, in der Prävention seien die Schulen stärker gefordert.

„Drohen die Gläubiger, den Lohn oder das Konto zu pfänden oder praktizieren sie das schon, wachse die Existenzangst enorm“, sagt Andreas Ruth von der Awo-Schuldnerberatung in Norderstedt. Seit 2015 ist die Einrichtung die erste Anlaufstelle für Menschen, denen die Schulden über den Kopf wachsen. Geht es um die Privatinsolvenz, ist die Schuldner- und Insolvenzberatung der Diakonie die richtige Adresse. Ruth verwiest auf das Schuldner-Schutzsystem. Danach verbleiben Schuldnern monatlich 1080 Euro, besteht Unterhaltspflicht, erhöht sich der Betrag. Diesen Betrag können sich Schuldner sichern, indem sie ihr Girokonto mit Pfändungsschutz versehen lassen. „Jeder sollte ein eigenes Guthaben-Konto ohne Dispo-Kredit bei einer Sparkasse oder Bank haben, bei der er keine Schulden bzw. Kredite hat“, rät Ruth.

In Norderstedt finden Menschen Rat bei der Schuldnerberatung der Awo, Friedrichsgaber Weg 370, Telefon 040/533 09 98 00, offene Sprechstunden donnerstags von 14 bis 16 Uhr, in Kaltenkirchen bei der Schuldner- und Insolvenzberatung der Verbraucherzentrale, Flottkamp 13, Telefon 04191/72 27 40, E-Mail kaltenkirchen@vzsh.de, und in Bad Segeberg bei der Schuldner- und Insolvenzberatung der Verbraucherzentrale, Kirchplatz 1, Telefon 04551/90 84 40, E-Mail segeberg@vzsh.de.