Norderstedt
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Vater prügelt die Tochter krankenhausreif

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Ein Vater wurde zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Aber nur wenige Fälle prügelnder Eltern enden vor Gericht.

Norderstedt.  Die 14-jährige Tochter will zum Rockkonzert. Der Vater sagt Nein. Die 14-Jährige pfeift auf das Verbot, stiehlt sich unerkannt aus dem Haus und geht trotzdem zum Konzert, kommt – leicht angetrunken – spätabends nach Hause zurück. Ein Fall, wie er tausendfach in deutschen Familien mit pubertären Teenagern vorkommen könnte. Und dort in der Regel mit eindringlichen Standpauken, Hausarresten oder dem Entzug des Smartphones geahndet wird.

Ein 37 Jahre alter Vater verlor jetzt allerdings komplett die Fassung und schlug seine 14-jährige Tochter nach ihrer Rückkehr im Kinderzimmer krankenhausreif. Der Fall Tochter gegen Vater landete vor dem Norderstedter Amtsgericht. Das Urteil: zehn Monate Haft auf Bewährung. Die Jugendrichterin Claudia Neumann wertete die Tat als eine qualifizierte Körperverletzung, begangen vom Vater in „gefühlloser Gesinnung“.

Der Norderstedter Fall ist einer der wenigen Misshandlungen von Schutzbefohlenen, die jährlich vor deutschen Gerichten landen. 4508 Fälle verzeichnete das Bundeskriminalamt 2015. „Dabei handelte es sich in 1070 Fällen um Jugendliche über 14 Jahren“, sagt Irene Johns, Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes Schleswig-Holstein. „Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher liegen.“ Denn 15 Prozent aller Eltern in Deutschland schlagen regelmäßig zu, wenn sie bei der Erziehung nicht weiter wissen. 48 Prozent halten leichte Körperstrafen wie Ohrfeigen für zulässig. Dabei sind sämtliche Züchtigungen des Nachwuchses seit 16 Jahren durch das Bürgerliche Gesetzbuch (Paragraf 1631 II) verboten und strafbar – selbst die Ohrfeige.

30 Schläge gegen den Kopf, bis die Mutter einschritt

Der aggressive Vater ging allerdings sehr viel weiter. Der Mann, der vier Töchter im Alter zwischen sieben und 16 Jahren hat, bezeichnete die 14-Jährige vor dem Norderstedter Amtsgericht als „pampig, rotzig und frech“. Im Streit habe ein Wort das andere gegeben. Im Affekt, wie er aussagte, habe er ihr dann mit beiden Händen mehrere Ohrfeigen verpasst, etwa ein Dutzend. Eine mehr als unzureichende Beschreibung dessen, was wirklich passiert war. Das Opfer berichtete der Polizei später von 30 Schlägen. Von der Wucht der Schläge sei sie schließlich gegen die Wand geprallt. Die Ärzte der Asklepios-Klinik Nord attestierten dem Mädchen eine Gehirnerschütterung, ein angebrochenes Jochbein und Sehstörungen. Eine Woche lang musste das Mädchen zur Beobachtung in der Klinik bleiben. Die Mutter hatte den Vater in der Tatnacht schließlich zurückgerissen und davon abgehalten, noch Schlimmeres anzurichten.

Eine Art Unfall sei das gewesen, sagte der Angeklagte, keine böse Absicht. „Wutausbrüche habe ich öfters“, gestand er, „dann werde ich laut und haue auf den Tisch.“ Bei keinem seiner Kinder sei er bislang handgreiflich geworden – bislang.

Bei Misshandlungen dieser Art sei es immer eine ganze Reihe Faktoren, die zusammenspielen würden, sagt Irene Johns. Da ist die Überforderung der Eltern, die Unverschämtheit der pubertären Kinder. „Aber auch die wirtschaftliche und soziale Situation der Familie spielt eine Rolle“, sagt Johns.

Der Vater gab an, mit vier Kindern und Ehefrau in einer Drei-Zimmer-Wohnung zu leben. Als Bauhelfer sei er derzeit arbeitslos. Es sei sehr schwer, sich in der Wohnung aus dem Weg zu gehen.

Ob er seine Tochter am Krankenbett besucht habe, wollte die Richterin vom Vater wissen. „Ja, natürlich. Es war eine komische Situation. Ich habe mir doch tierische Sorgen um sie gemacht. Wir haben beide geheult“. Das Verhältnis zur Tochter bezeichnete er als angespannt. Man habe sich irgendwie arrangiert. Eine Aggressionsberatung, wie ihm die Richterin vorschlug, lehnte er ab. Doch die Richterin kam der Forderung der Staatsanwaltschaft nach, dass Vater und Tochter an einem Täter-Opfer-Ausgleich teilnehmen müssen, um sich unter professioneller Begleitung auszusprechen. Außerdem muss der Vater 250 Euro an den Kinderschutzbund zahlen.

„Wir setzen in der Prävention auch auf die Elternarbeit“, sagt Irene Johns. Je früher man Konflikte in den Familien erkenne und Hilfe anbiete, desto eher ließen sich Eskalationen vermeiden. „Viele Kinder und Jugendliche schweigen aus Scham über das Erlebte. Wir brauchen auch ein funktionierendes Miteinander, wachsame Nachbarn, Lehrer und Freunde, die den Betroffenen helfen.“

Anzeigen kann eine Misshandlung jedermann. „Wenn jemand mit solchen Verletzungen in unsere Klinik eingeliefert wird, erstattet die Rechtsmedizin nach der Diagnose sofort Anzeige bei der Polizei“, sagt Franz Jürgen Schell, Sprecher der Asklepios-Kliniken in Hamburg. „Gegebenenfalls wird durch die Klinik auch das Jugendamt eingeschaltet.“

Betroffene finden Hilfe und Rat unter 11 61 11, der Nummer gegen Kummer, dem Kinder- und Jugendtelefon (montags bis sonnabends, 14 bis 20 Uhr). Unter www.nummergegenkummer.de gibt es auch eine E-Mail-Beratung. Mütter, Väter oder Großeltern und anderen Erziehenden steht mit dem Elterntelefon unter 0800/111 05 50 ebenfalls ein qualifiziertes Beratungsangebot zur Verfügung.