Norderstedt
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Saturn schwatzt Seniorin einen Vertrag auf

Hildegard Brückner (79) wollte nur ein Tablet kaufen, doch der Verkäufer schwatzte der Norderstedterin auch noch einen Mobilfunkvertrag auf

Hildegard Brückner (79) wollte nur ein Tablet kaufen, doch der Verkäufer schwatzte der Norderstedterin auch noch einen Mobilfunkvertrag auf

Foto: Michael Schick

79-Jährige kauft beim Elektronikmarkt ein Tablet und muss Mobilfunkvertrag abschließen. Geschäftsführung bedauert das und storniert.

Norderstedt.  Sie wollte es bequemer haben, vom Sessel aus im Internet surfen und E-Mails beantworten. Ein tragbarer Computer musste her. Hildegard Brückner macht sich auf den Weg zu Saturn in Norderstedt, um einen Tablet-PC zu kaufen. Gemeinsam mit dem Verkäufer sucht sie ein Gerät aus, doch dabei bleibt es nicht: Der Mitarbeiter schwatzt der 79-Jährigen auch noch einen Mobilfunkvertrag auf. „Dabei habe ich ihm gesagt, dass ich den Vertrag nicht brauche“, sagt die Seniorin. Sie will das Tablet nur zu Hause nutzen – und da könne sie via WLAN auf wilhelm.tel zurückgreifen.

Doch letztlich kann sich die Norderstedterin nicht durchsetzen. Der Verkäufer sei auf ihren Einwand nicht eingegangen und habe ihr den Vertrag zur Unterschrift hingelegt. Sie habe unterschrieben, damit sie den handlichen Klein-Computer mitnehmen konnte. Zu Hause stellte sie fest: So einfach wie gedacht lässt sich das Gerät nicht in Betrieb nehmen. Hildegard Brückner schaltete ihren Sohn ein.

Richard Koch fiel aus allen Wolken, als er sah, was seine Mutter abgeschlossen hatte: Der Vertrag mit dem Provider Mobilcom-Debitel kostete 9,99 Euro Grundgebühr im Monat. Hinzu kamen 1,99 für ein Sicherheitspaket und 8,99 Euro für eine „Juke Music Flat“. Die erlaubte Hildegard Brückner, 40 Millionen Songs via Internet zu hören – ein Angebot, das Mutter und Sohn für komplett überflüssig halten. „Meine Mutter hat ihr Radio, und das reicht völlig aus“, sagt Richard Koch.

Der 59-Jährige will den Norderstedter Elektronikmarkt dazu bringen, den Mobilfunkvertrag zurückzunehmen – ein Projekt, das sich als äußerst kompliziert erweist und zunächst misslingt. Er fährt zu Saturn, spricht mit dem Verkäufer. Er habe nur unterschrieben, verantwortlich für den Vertrag seien die Mitarbeiter des Mobilfunkanbieters, die im Elektronikmarkt ihre Produkte anbieten und verkaufen, sagt der Mitarbeiter. Koch meldet sich, wie vom Saturn-Mitarbeiter empfohlen, über die Hotline bei Mobilcom-Debitel und wird gebeten, eine E-Mail zu schreiben. „Wir melden uns“, lautet die Antwort.

Der Sohn meldet sich bei Saturn – doch nichts passiert

Nichts passiert, wieder vergeht Zeit. Koch wendet sich wieder an Saturn. Der Verkäufer ist krank, meldet sich dann doch. Saturn würde den Vertrag zurücknehmen und auf die Provision des Mobilfunkanbieters verzichten. Koch fordert den Provisionsverzicht wie gefordert per E-Mail ein – und bekommt wieder keine Resonanz.

Schließlich teilt ihm der Mitarbeiter, der seiner Mutter das Tablet verkauft hat, mit: Leider sei es doch nicht möglich, den Vertrag zu stornieren. Der Vertrieb habe ihm mitgeteilt, dass der Elektronikkonzern in diesem Fall eine hohe Storno-Gebühr an das Mobilfunk-Unternehmen zahlen müsste.

„Rechtlich ist Saturn wahrscheinlich auf der sicheren Seite, da bis zu meinem Widerruf des Vertrages fast ein Monat vergangen und damit die Widerspruchsfrist längst abgelaufen war“, sagt der Sohn. Tatsächlich gibt es bei Verträgen, die in Geschäftsräumen geschlossen werden, überhaupt keine Widerspruchsfrist. „Es sei denn, der Verkäufer zeigt sich kulant und gewährt ein Umtausch- oder Rückgaberecht“, sagt Vivien Rehder, Sprecherin der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Bei anderen Vertriebsformen und Verträgen, die beispielsweise im Internet oder am Telefon geschlossen werden, könne der Kunde hingegen innerhalb von 14 Tagen widersprechen (siehe Info-Kasten).

Obwohl Saturn rechtlich unangreifbar sei, wollte der Sohn nicht hinnehmen, was seiner Mutter widerfahren war. „Es ist doch moralisch und vom Servicegedanken her alles andere als in Ordnung, wenn sich das Unternehmen weigert, den Vertrag zurückzunehmen, zumal er meiner Mutter ja geradezu aufgenötigt wurde.“ Koch wendet sich an das Hamburger Abendblatt, der Autor wiederum an Saturn. Es dauert nur wenige Stunden, bis die Geschäftsführung der Norderstedter Filiale auf die Nachfrage reagiert und mitteilt, seinem und dem Wunsch seiner Mutter nachzukommen.

„Wir bedauern den Vorgang sehr und möchten Ihnen versichern, dass dieser nicht unseren üblichen hohen Servicestandards entspricht“, lautet die Antwort von Sandra Giebelstein, die den Elektronikfachmarkt in Norderstedt leitet. Das Unternehmen werde selbstverständlich umgehend das Gerät der Kundin zurücknehmen und den Vertrag stornieren. Darüber hinaus sagte die Geschäftsführerin zu, die Kundin so zu beraten, dass sie ein alternatives, für sie passendes Gerät findet. Kundenzufriedenheit habe für das Unternehmen höchste Priorität.

So können sich Hildegard Brückner und ihr Sohn doch noch auf ein ungetrübtes Weihnachtsfest mit finanzieller Entlastung freuen: Immerhin müsste die Seniorin jeden Monat knapp 21 Euro für einen Vertrag bezahlen, den sie nicht braucht.