Norderstedt
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Untreue-Skandal um Musischen Jugendkreis

Justitia über dem Eingang zum Strafjustizgebäude Hamburg

Justitia über dem Eingang zum Strafjustizgebäude Hamburg

Foto: Michael Rauhe

Nach dem Gerichtsprozess um den Vorsitzenden des Jugendkreises legt die Norderstedter Verwaltung den geplanten Kita-Neubau auf Eis.

Norderstedt.  An Eindeutigkeit sind die Worte des Norderstedter Sozialausschussvorsitzender Thomas Jäger nicht mehr zu überbieten: „Mit verurteilten Betrügern machen wir keine Geschäfte“, sagt Jäger. „So lange Ulrich E. und seine Unterstützer beim Musischen Jugendkreis noch irgendetwas zu sagen haben, wird es keine Kooperation geben.“

Es ist ein beispielloser Skandal, der sich in diesen Tagen um den Verein entwickelt, der seit nahezu 50 Jahren in Norderstedt Kinder in Spiel- und Vorschulgruppen in seinen Räumlichkeiten an der Ochsenzoller Straße 134 und in Norderstedter Grundschulen betreut. Ulrich E., Vereinsvorsitzender seit 2012, wurde gerade vor dem Amtsgericht zu zwei Jahren Haft auf drei Jahre Bewährung verurteilt – weil er über 40.000 Euro aus der Kasse des Vereins gestohlen hat. Trotzdem nannte ihn der zweite Vorsitzende des Vereins vor Gericht „einen Leistungsträger und geistigen Anführer“. E. bleibt im Amt – und in der Politik und im Rathaus ist die Empörung groß.

Der „Fuchsbau“ soll in einem Ex-Restaurant entstehen

Denn E. versucht gerade in Kooperation mit der Stadt, den mittlerweile angeblich stark überschuldeten Verein zur Ganztags-Kita auszubauen. Im ehemaligen Evento-Restaurant in der Moorbekpassage an der Rathausallee plant er eine Kita für drei Krippen- und Elementargruppen, den sogenannten Fuchsbau für 70 Kinder, die zwischen 7 und 17 Uhr von 15 pädagogischen Vollzeitkräften betreut werden sollen. Für über 300.000 Euro soll das Evento von der Grundstücksgesellschaft Moorbekpassage umgebaut werden. Und wenn es nach E. geht, soll die Stadt für die Dauer des Mietvertrages bis 2031 schon jetzt den Blankoscheck ausstellen und die Monats-Warmmiete von mehr als 10.548 Euro übernehmen.

Doch Sozialdezernentin Anette Reinders hat die Vorlage der Verwaltung für das Projekt von der Tagesordnung des Jugendhilfeausschusses am Donnerstag nehmen lassen. „Wir ziehen das zunächst zurück“, sagt Reinders. „Wie es weitergeht, wissen wir aber auch noch nicht. Das müssen wir nun mit der Politik besprechen.“

Auch bei der Stadt möchte offenbar niemand mehr mit E. zusammenarbeiten. „Aufgrund der Erfahrungen in den letzten Jahren gibt es Zweifel an der Zuverlässigkeit und Integrität des Trägers“ heißt es in der Vorlage. Die in Aussicht gestellte Schaffung von 30 Krippen- und 40 Elementarplätzen hingegen wird als richtig und wichtig beurteilt. Ohne den „Fuchsbau“ dürfte es um die Zukunft des Vereins nicht gut bestellt sein. „Es darf aber nicht sein, dass das von der Person E. abhängt“, sagt Jäger. „Politik und Verwaltung müssen sicherstellen, dass es im Fall einer Vereinsauflösung für alle Kinder in der Einrichtung in anderen Kitas Plätze gibt.“

Eine ehemaliger Vorstand des Vereins erhebt Vorwürfe

Das Ende des Vereins steht schon seit Jahren zur Debatte. Im Jahr 2012 hatte der damals amtierende Vorstand unter dem Vorsitzenden Henner Kuhtz die „geordnete Auflösung“ bei der Jahreshauptversammlung beantragt. Eltern und Mitarbeiter lehnten die Auflösung ab, und der Vorstand trat daraufhin zurück. „Wir haben den Verein mit 62.000 Euro in der Kasse übergeben“, sagt Kuhtz. „Und gleich danach begann E., in die Kasse zu greifen, um seine privaten Finanzlöcher zu stopfen.“ Wie im Prozess gegen E. aufgedeckt wurde, hatte der ehemalige Unternehmensberater mit dem Geld des Musischen Jugendkreises unter anderem zwielichtige Darlehensgeber befriedigt, die Schulden bei ihm eintreiben wollten.

„Der Vorstand hat alles unternommen, um die Unregelmäßigkeiten zu kaschieren“, sagt Kuhtz. „Durch allerlei Vorwände wurde die Kassenprüfung verzögert. Mehrfach wurden den Kassenprüfern unvollständige Unterlagen vorgelegt. Bis eine Prüferin genug hatte und E. anzeigte und so alles aufdeckte.“ Unter anderem auch, dass E. laut Kuhtz Software für die Vereinsverwaltung für über 100.000 Euro gekauft hat. Kuhtz: „Durch diese finanziellen Verpflichtungen kommt der Verein jetzt in die Schieflage.“

Dass der Verein in dieser Situation keinen neuen Vorsitzenden findet, ist für Kuhtz logisch. „Die müssten doch für die eingegangenen, finanziellen Risiken haften. Deshalb muss der Jugendkreis jetzt an E. festhalten.“ Der Bau einer Kita an der Rathausallee, die laut der von E. bei der Stadt vorgelegten Kalkulation in den kommenden Jahren mehr als 860.000 Euro jährlich an Umsatz machen würde, erscheint vor diesem Hintergrund in einem anderen Licht. „E. hat selbst ein großes Interesse daran, dass der Musische Jugendkreis weitergeführt wird, da er sonst persönlich für die weiteren finanziellen Verpflichtungen haftbar gemacht würde, die den Verein noch immer belasten.“ Laut Henner Kuhtz wurde der Vorstand des Musischen Jugendkreises während seiner ganzen Amtszeit seit November 2012 kein einziges Mal von der Mitgliederversammlung entlastet.

E. war am Donnerstag für eine Stellungnahme nicht erreichbar.