Norderstedt
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Grete Pierrets wird heute 109 Jahre alt

Grete Pierrets und ihre Nichte Edith Burmester plauschen im Zimmer der Seniorin im Haus Lütjenmoor über vergangene Zeiten

Grete Pierrets und ihre Nichte Edith Burmester plauschen im Zimmer der Seniorin im Haus Lütjenmoor über vergangene Zeiten

Foto: Hans-Eckart Jaeger / HA

Die älteste Schleswig-Holsteinerin feiert im Norderstedter Haus Lütjenmoor ihren 109. Geburtstag und ist sehr fit für ihr Alter.

Norderstedt.  Heute wird Grete Pierrets 109 Jahre alt. Sie ist Schleswig-Holsteins älteste noch lebende Bürgerin und ist seit mittlerweile zehn Jahren im Alten- und Pflegeheim Haus Lütjenmoor in Norderstedt zu Hause. Die Heimleitung lädt an diesem ungewöhnlichen Ehrentag alle Bewohner zum Geburtstagsfrühstück. Norderstedts Stadtpräsidentin Kathrin Oehme hat sich für 11 Uhr – auch im Namen von Oberbürgermeister Hans-Joachim Grote – zum Gratulieren angekündigt.

Haus Lütjenmoor, 1. Stock, Zimmer 11. Hier wohnt Grete Pierrets. Ich klopfe: „Bitte kommen Sie herein“, antwortet die Bewohnerin mit klarer, fester Stimme. Die alte Dame sitzt auf ihrem Sofa und blättert in einem Fotoalbum mit vielen bunten Bildern. „Das war an meinem 100. Geburtstag“, sagt sie. „Neun Jahre ist das nun schon wieder her.“

Letztes Jahr war die Seniorin erstmals in einer Klinik

Grete Pierrets schmökert gerne herum, am liebsten in der Heimzeitung mit dem Titel „Käseblatt“. In der aktuellen Ausgabe, die auf dem Tisch vor ihr liegt, wurde für den 24. November ihr Geburtstagsfrühstück angekündigt.

Die gebürtige Hamburgerin ist immer noch geistig rege, vieles möchte sie sogar noch alleine erledigen. Der eiserne Wille ist ihr allerdings schon mehrmals zum Verhängnis geworden. Dreimal in den vergangenen vier Wochen ist sie hingefallen. Das hat blutige Spuren in ihrem Gesicht und an ihrem Hinterkopf hinterlassen. „Ich weiß gar nicht, warum meine Beine so schwach sind?“, fragt sie sich.

„Die Fäden ihrer Verletzungen sind immer noch nicht gezogen“, klagt ihre Nichte Edith Burmester (80), die auf der anderen Straßenseite wohnt. Mindestens zweimal wöchentlich besucht sie ihre Tante, regelt noch viele Dinge für sie. „Viermal schon habe ich die zuständige Ärztin angerufen, doch sie hatte nie Zeit. Jetzt werde ich das Fädenziehen wohl selber machen“, sagt sie.

Grete Pierrets ist ein positiv eingestellter Mensch, sie sieht das alles nicht so verbissen. „Das wird schon von allein heilen“, glaubt sie. Sie kann gut reden: Niemals in ihrem langen Leben war sie ernsthaft krank, Krankenhäuser hat sie nur von draußen kennengelernt. Mit einer Ausnahme: Vor einem Jahr wurde sie nach zwei Stürzen innerhalb kurzer Zeit an beiden Hüften operiert.

Alles ist gut verlaufen. So gut, dass Edith Burmester und ihr Mann Ernst die Hochbetagte in diesem Jahr, als das Wetter gut war, mehrmals zu einem kleinen Ausflug im Rollstuhl mitnehmen konnten. Im Herold-Center hat sich Grete Pierrets jedes Mal ein Gläschen Weißwein bestellt. Das tut sie auch freitags in der Kantine des Norderstedter Pflegeheims, wenn es Fisch gibt. Und abends vor dem Fernsehen genehmigt sie sich regelmäßig ein Gläschen Bier.

Ihr Ehemann starb schon 1941 an den Folgen einer Operation

Nachts im Bett kommen manchmal die Gedanken. Grete erinnert sich an den schönsten Tag ihres Lebens – an die Hochzeit mit ihrem Jugendfreund Eduard, der leider schon im Jahr 1941 an den Folgen einer Blinddarmoperation gestorben ist. Und sie träumt von ihrem gemeinsamen Sohn Günter, der an Asthma litt und nur 17 Jahre alt wurde. Und von ihrem Bruder Heini, der als Soldat nicht aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrte.

Über den Tod spricht Grete Pierrets ungern. Mit ihrer Nichte Edith nur selten und schon gar nicht mit ihrer Ur-Großnichte Johanna. Die 13-Jährige lebt in Norderstedt, besucht die achte Klasse des Coppernicus-Gymnasiums und schaut öfter im Haus Lütjenmoor vorbei. Aber dennoch: Für die Beerdigung ist alles geregelt. Irgendwann wird Grete Pierrets, eine der ältesten noch lebenden Menschen in Deutschland, im Familiengrab auf dem Friedhof Ohlsdorf ihre letzte Ruhe finden. „Doch der liebe Gott scheint mich vergessen zu haben“, glaubt sie.

„Vielen Dank für Ihren Besuch, und ich wünsche Ihnen weiterhin gute Gesundheit“, sagt Grete Pierrets. Die alte Dame steht von ihrem Sofa auf, stützt sich auf den Rollator und begleitet mich den langen Flur entlang, dem Ausgang entgegen. Diesen kurzen Spaziergang lässt sie sich bei keinem Besuch entgehen...