Norderstedt
NZ-Regional

Der unermüdliche Spendensammler

Durch ganz Hamburg und manchmal bis nach Bayern, immer den 1000 Spendendosen hinterher. Harald Glaesmann scheute nicht die vielen Stunden im Auto auf den Straßen, nicht die damals noch verrauchten Kneipen, in denen ihm, dem Nichtraucher, die Quarzer die Klamotten räucherten, während er zwischen Pils-Tulpen und Aschenbechern seine weiße Spendendose auf dem Tresen griff und leerte. Und nicht nur in Kneipen war Glaesmann unterwegs, auch in Dutzenden von Friseursalons und anderen Unternehmen. „Gut 80.000 Kilometer habe ich in all den Jahren abgerissen. Und wenn ich dann nach Rauch und Nikotin stinkend zu Hause ankam, war meine Frau schon manchmal sauer“, sagt Glaesmann.

Aber Marion Glaesmann blieb milde mit ihrem Ehemann. Schließlich tat er all das ja für die vielen Menschen, die das Schicksal der Diagnose Multiple Sklerose teilen. Und in einer MS-Selbsthilfegruppe hatten sie und ihr Mann das Erweckungserlebnis. Sie wollen die Lobby sein für Menschen, die unheilbar an der Nervenkrankheit leiden.

Als Frührentner widmet er sich der Mission Spendendose

Glaesmann, Beruf Installateurmeister, schließt 1985 seinen Betrieb und widmet sich im Alter von 49 Jahren seiner Mission, verteilt Spendendosen in Hamburg und ganz Deutschland, überzeugt Gastronomen, Friseure und Unternehmer, sie aufzustellen und leert sie regelmäßig persönlich. Schon zwei Jahre später hat er 32.000 Deutsche Mark mit den Dosen zusammengetragen. Er unterstützt mit dem Geld das Wirken der Landesverbände in Schleswig-Holstein und Hamburg der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) mit ihrer prominenten Schirmherrin Veronica Carstens, der Frau des damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens, die er 1988 auch persönlich trifft.

Glaesmann sammelt und sammelt und sammelt. 1994 wird aus dem privaten Spendendosen-Netzwerk eine noch größere Idee. Glaesmann gründet gemeinsam mit seiner Frau die Stiftung „Christliche Fördergemeinschaft für Menschen in Not“. Von nun an unterstützen die Glaesmanns nicht nur Multiple-Sklerose-Kranke, sondern auch gemeinnützige Organisationen in ganz Deutschland, vor allem aber in der Region. Die Norderstedter Tafel, die Lebenshilfe Norderstedt und das SOS-Kinderdorf Harksheide werden zu regelmäßigen Spendenempfängern. Und auch der Verein „Kinder helfen Kindern“, 1975 von Redakteuren des Hamburger Abendblatts gegründet, darf sich laufend über Spenden der Glaesmanns freuen. Bis heute flossen allein in den Abendblatt-Verein 27.000 Euro für die Unterstützung sozial Schwacher, Kranker und Behinderter.

Mit den Spendendosen sammelte Glaesmann bis 2007 mehr als 160.000 Euro für die MS-Hilfe. „Heute schütten wir jedes Jahr um die 20.000 Euro aus“, sagt Harald Glaesmann. Um das Geld bewerben sich jedes Jahr Vereine und Organisationen aus dem ganzen Land. Etwa 20 von ihnen werden mit einer Spende bedacht, sagt Glaesmann.

Das Stiftungskapital liegt heute bei etwa 650.000 Euro. Zwei Einfamilienhäuser hat Harald Glaesmann in die Stiftung eingebracht. „Und nun soll noch ein drittes dazukommen.“ Dass die Stiftung irgendwann die Millionen-Grenze erreicht, ist sein Ziel. „Es ist ja heute nicht mehr so leicht, Spenden zu bekommen. Auf den Tresen und in den Geschäften stehen so viele Spendendosen.“ Mit dem Aufstocken des Stiftungskapitals will Glaesmann dafür sorgen, dass die „Christliche Fördergemeinschaft für Menschen in Not“ auch dann noch Gutes tun kann, wenn er mal nicht mehr sein sollte.

„Meine Familie findet das mit der Stiftung zwar toll. Aber sie zu betreiben, das ist allen zu viel Arbeit.“ In den kommenden Jahren will der 78-Jährige die Stiftung einer Treuhand übertragen. Für sein enormes Engagement für Multiple-Sklerose-Kranke und die Gemeinnützigkeit hat Harald Glaesmann 1998 die Bundesverdienstmedaille verliehen bekommen.

Doch dem Handwerksmeister geht es nicht um Medaillen. „Ich möchte nicht im Vordergrund stehen. Es geht mir um die Sache“, sagte er mal dem Abendblatt. Doch am Sonnabend, 5. November, wird Glaesmann und seiner Frau Marion nichts anderes übrig bleiben, als die große Bühne zu betreten. Und zwar die des Hotels Altes Stahlwerk in Neumünster. Denn dort wird der Schleswig-Holsteinische Stiftungstag den Stifterpreis 2016 verleihen. Er wird vom Schirmherr des Stiftungstages, Ministerpräsident Thorsten Albig, verliehen.

Mehr als 700 Stiftungen gibt es in Schleswig-Holstein, und für den Stifterpreis bewerben sich viele von ihnen. Doch nur sechs wurden in diesem Jahr nominiert – darunter auch Harald
Glaesmann und seine Fördergemeinschaft. Der Stifterpreis 2016 ist mit 10.000 Euro dotiert, von denen 5000 Euro an den ersten Platz vergeben werden und weitere 3000 Euro beziehungsweise 2000 Euro an den zweiten und dritten Platz gehen.

5000 Euro wären ein hübsches Sümmchen für Glaesmanns Stiftung. Diese Summe mit Spendendosen einzufahren, würde viele Monate Zeit kosten.