Norderstedt
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Hier gibt es keinerlei Berührungsängste

Foto: Christopher Herbst / HA

Der Integrative Sportverein Norderstedt beweist, dass Menschen mit und ohne Behinderung sehr gut miteinander aktiv sein können.

Norderstedt.  Inklusion ist ein Schlagwort, das oftmals inflationär gebraucht wird – ähnlich etwa der viel gepriesenen Nachhaltigkeit. Doch um das Miteinander zwischen Menschen mit und ohne Behinderung tatsächlich mit Substanz zu füllen, müssen viele Dinge passen. Der Sport ist hierfür vielleicht das beste Beispiel. Auf der untersten, also der lokalen Ebene leistet ein Club seit zehn Jahren Basisarbeit: der Integrative Sportverein Norderstedt. Dieser feiert am Sonnabend, 8. Oktober, ab 10.30 Uhr in der Moorbekhalle seinen Geburtstag.

Der Verein war 2006 bundesweit ein Novum

„Wir wollten Menschen mit Behinderung die Möglichkeit geben, sich sportlich zu betätigen“, sagt Maike Rotermund. Sie ist nicht nur Sportlehrerin bei den Norderstedter Werkstätten, sondern auch Basketballcoach beim ISN und zudem dessen zweite Vorsitzende. Natürlich gibt es in der Stadt bereits zahlreiche große Vereine mit breitem Angebot; in Theorie könnten Behinderte also auch dort mitmachen. Aber, so Rotermund, so einfach sei das früher nicht gewesen. „Entweder die Sportler fühlten sich nicht wohl, oder die Trainer konnten nicht mit den Sportlern umgehen.“

Deswegen fasste Jan Schmidt, damals Leiter der Werkstätten, 2006 einen Entschluss, wie sich Maike Rotermund erinnert: „Er kam zu mir und sagte: Wir gründen einen Verein. Zehn Tage später gab es die Gründungsveranstaltung.“ Für Deutschland war das tatsächlich ein Novum. Die Vorstellung, dass Menschen ohne Berührungsangst gemeinsam aktiv sind, ganz gleich ob behindert oder nicht, bedarf eben Mut.

Hier und dort hatten Behinderte zwar ihre eigenen Sparten, doch ein grundsätzliches Bekenntnis wagten erst die Norderstedter. Und selbst heute ist Integration auf diese Art und Weise selten – eine Google-Suche nach „Integrativer Sportverein“ ergibt immerhin noch einen Treffer im schwäbischen Nördlingen, gegründet 2009 von engagierten Eltern.

Der ISN ist auf bereits 170 Mitglieder angewachsen – 100 Menschen haben eine Behinderung, die meisten in geistiger Form. „Ein Großteil kommt aus den Werkstätten, aber wir haben auch welche, die gar nicht in Norderstedt leben – so wie einen 17-Jährigen aus Hamburg, der immer dienstags beim Training ist.“

Acht Sparten gibt es: Basketball, Radsport, Tischtennis, Nordic-Walking, Floorball, dazu Fußball, Sportabzeichen sowie Spiel und Bewegung. „Es fing mit Nordic-Walking an, da braucht man keine Halle, sondern nur ein Paar Sticks und es geht raus. Aber dann wurde aufgestockt. Beim Basketball hatten wir zuerst nur Spieler mit Behinderung.“

Das hat sich erheblich geändert – dank Sportlern wie Matthias Paschereit. Er arbeitet bei der Lebenshilfe, spielte schon als Kind Basketball, hörte dann irgendwann auf, ehe er eines Tages spontan beim ISN vorbeischaute. „Dort bin ich hängengeblieben. Ich war beeindruckt davon, wie herzlich ich aufgenommen wurde.“ Die Mannschaft nennt sich „Mad Dogs“, nimmt an Turnieren teil. „Wir sind ein bunter Haufen, und trotzdem passt es. Ich habe nicht das Gefühl, dass es Grenzen gibt“, sagt Paschereit.

Das wird auch beim Floorball deutlich, einer Hockey-Variante, wo es sogar einen Ligabetrieb gibt. Jo Meyer, der die Sportler der Werkstätten seit vielen Jahren bei Wettkämpfen auch international begleitet, ist dort Trainer, sein Sohn Tobias, der das Down-Syndrom hat, hütet das Tor. „Die Behinderte entwickeln sich sozial. Sie öffnen sich, das Gefühl, Leistung bringen zu können, macht viel aus“, sagt Jo Meyer. „Sie werden offener, sie trauen sich, auf Leute zuzugehen. Es gibt Fälle, bei denen ich gedacht habe, das wäre nie möglich.“

Noch nicht integrativ ist die Fußballmannschaft, die gleichwohl mit 30 Kickern die größte Sparte stellt. Fest eingeplant ist, so bald wie möglich eine Leichtathletikabteilung zu bilden, Jo Meyer wünscht sich zudem Eisstockschießen.

Bei der ISN-Party stellen sich alle Abteilungen des Clubs vor

Warum der ISN, der übrigens nur einen Mitgliedsbeitrag von 5 Euro monatlich erhebt, so gut funktioniert, können Besucher am Sonnabend bei der öffentlichen Geburtstagsparty in der Moorbekhalle miterleben. „Wir wollen eine aktive Feier machen, man kann auch etwas ausprobieren“, sagt Maike Rotermund. Ab 11 Uhr werden die Sparten in ihren Disziplinen Wettkämpfe durchführen, Gastvereine wie der SV Henstedt-Ulzburg, der SV Eichede oder der Hoisbütteler SV haben sich angekündigt, auch das Moorbekstadion wird genutzt.

Zehn Jahre Integrativer Sportverein Norderstedt, Sonnabend, 8. Oktober, 10.30 bis 15 Uhr, Moorbekhalle.Weitere Informationen hier: www.nordersport.de