Norderstedt
Kreis Segeberg

Plastik? Das kommt gar nicht in die Tüte!

Foto: Laurenz Schmidt / HA

Im Kreis Segeberg setzen Händler und Unternehmen verstärkt auf wiederverwendbare Tragetaschen. Naturschützern reicht das noch nicht.

Kreis Segeberg.  Seit Juli dieses Jahres haben sich mehr als 230 deutsche Unternehmen verpflichtet, Plastiktüten nur noch gegen Gebühr abzugeben. Grundlage für diese Tütengebühr ist eine Vereinbarung des Einzelhandels mit dem Umweltministerium. Hintergrund ist wiederum eine EU-Richtlinie, wonach der Verbrauch der Kunststofftüten in den Mitgliedsstaaten bis zum Jahr 2019 auf 90 Tüten und bis 2025 auf 40 Tüten pro Einwohner und Jahr reduziert werden soll. Mit dieser Selbstverpflichtung vermeidet der Einzelhandel eine gesetzliche Regelung.

Ausgenommen von der Vereinbarung sind jedoch dünne Plastiktüten, wie sie zur Verpackung von Frischfleisch, Wurst und Fisch genutzt werden. Nach Angaben des Handelsverbandes Deutschland sind von der freiwilligen Vereinbarung etwa 60 Prozent der Plastiktüten im Einzelhandel betroffen. Die Deutsche Umwelthilfe und der Naturschutzbund Nabu kritisieren die Selbstverpflichtung der Unternehmen jedoch stark. „Die Vereinbarung bleibt leider auf halbem Weg stecken: Zu viele wichtige Branchen sind außen vor. Darunter einige, deren Plastiktüten häufig in der Landschaft und Gewässern landen – etwa solche von Imbissen, Bäckereien und Kiosken,“ sagt Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller.

In Norderstedt werden fünf Millionen Tüten verbraucht

Auf dem Recyclinghof Norderstedt fallen jährlich zwischen zehn und elf Tonnen Plastikmüll an. Rechnerisch werden in Norderstedt pro Jahr 5,53 Millionen Plastiktüten verwendet und größtenteils nach einmaliger Benutzung weggeworfen.

Die Supermarktkette Rewe reagierte nicht nur in Norderstedt, sondern bundesweit mit der Abschaffung von Plastiktüten. Und die Edeka Handelsgesellschaft stellt es ihren Filialbetreibern frei, wie sie es mit den Tüten aus Plastik halten. Bei Edeka Cohrt in der Moorbek-Passage in Norderstedt-Mitte werden den Kunden keine Plastiktüten mehr angeboten – stattdessen gibt es sogenannte Permanent-Tragetaschen, die wiederverwendet werden können. „Die Mitarbeiter und Kunden freuen sich, dass wir diesen Weg gehen“, betont der Chef, Marco Cohrt.

Andere Unternehmen wie die Media-Saturn-Holding GmbH, die im Kreis mit zwei Geschäften vertreten ist, vermelden seit Einführung der Tütengebühr einen Rückgang der Nachfrage nach Plastiktüten um bis zu 90 Prozent. „Zugleich bieten Media Markt und Saturn ihren Kunden auch stabile und langlebige Tragetaschen an. Diese bestehen aus Recycling-PET, einem dünnen, stabilen Kunststoff und werden je nach Größe für einen Euro oder 1,50 Euro verkauft. Kaputte Permanent-Tragetaschen werden kostenlos ersetzt“, sagt eine Sprecherin des Unternehmens. Die Kundschaft nehme die neue Regelung wohlwollend auf. Bei den Textilgeschäften C&A und KiK, die 13 Filialen im Kreisgebiet betreiben, sind die Erfahrungen ähnlich.

Einen anderen Weg, um den Kunden die Plastiktüten abzugewöhnen, geht die Modekette Orsay, die unter anderem im Herold-Center modische Kleidung an die Frau bringt. Pro eingesparter Plastiktüte beim Einkauf spendet das Unternehmen einen Cent an die Naturschutzorganisation World Wildlife Fund (WWF).

Braune Papiertüten bestehen nicht unbedingt aus Altpapier

Doch auch die Umstellung von Plastik auf Papier kann nur eine Übergangslösung sein, wie die Nabu-Expertin für nachhaltigen Konsum, Katharina Istel, betont. „Wir kritisieren, dass sich der freiwillige Verzicht auf Plastiktüten beschränkt. Unserer Meinung nach hätten alle Einwegtüten, das heißt auch Papiertüten, kostenpflichtig werden müssen.“ Denn auch Papiertüten seien nur in den seltensten Fällen eine umweltfreundliche Lösung, da selbst braune Tüten nicht automatisch aus Altpapier hergestellt würden und zudem viel Chemie enthielten.

Bei der Drogeriekette Budnikowsky, die allein in Norderstedt fünf Filialen betreibt, heißt es zum Thema Plastiktüten: „Wir arbeiten bereits intensiv daran, unser seit 2011 gut funktionierendes Mehrweg-System noch weiter auszubauen und das Bewusstsein unserer Kunden für den Sinn von Mehrwegtaschen zu erhöhen. Damit ist es uns im laufenden Jahr gelungen, den Verbrauch von Plastiktüten in unseren Filialen deutlich zu reduzieren.“ Budnikowsky-Pressesprecherin Wiebke Spannuth weist zudem darauf hin, dass bereits frühzeitig in allen Filialen der kostenlose Abreißbeutel abgeschafft und durch ein Angebot aus kostenpflichtigen Mehrweg- und Einwegtüten ersetzt wurde. Einzelne Filialleitungen haben die Plastik- und Papiertüten ganz aus ihren Geschäften verbannt. Außerdem sollen Budni-Kunden, die den guten alten Jutebeutel oder andere Taschen zum Einkaufen mitbringen, mit Bonuspunkten und Rabattaktionen belohnt werden.

Auf den Wochenmärkten, etwa donnerstags in Norderstedt- Mitte, finden sich ebenfalls zahlreiche Händler, die auf Papier- oder kompostierbare Bio-Plastiktüten umgestellt haben. Dabei handelt es sich meistens um solche Händler, die Bio-Fleisch, Obst und Gemüse verkaufen.