Norderstedt
Norderstedt

Opfer: „Ich bin tausend Tode gestorben“

Der Angeklagte hat Drogenprobleme, konsumierte regelmäßig Marihuana

Der Angeklagte hat Drogenprobleme, konsumierte regelmäßig Marihuana

Foto: Oliver Berg / dpa

Drogensüchtiger gesteht vor Gericht Kurzschlussreaktion gegenüber Sanitäter ein. Richter verurteilte ihn einer Bewährungsstrafe.

Norderstedt.  Es gibt Menschen, denen offenbar jegliches Unrechtsbewusstsein fehlt. Peter D. (Name von der Redaktion geändert) ist 25 Jahre alt, aber in seinem Strafregister sind schon zwölf Einträge verzeichnet. Es begann früh mit Jugendstrafen, es folgten Schuldsprüche wegen gefährlicher oder vorsätzlicher Körperverletzung. Dagegen wirken weitere Strafverfahren wegen Beleidigung oder Schwarzfahrens fast wie Bagatellen. Bei einem weiteren Prozess im Amtsgericht Norderstedt drohte seinem Vorstrafenregister eine Verlängerung. Diesmal wird dem Norderstedter gefährliche Körperverletzung vorgeworfen – während einer laufenden Bewährungszeit.

Vor Amtsrichter Matthias Lohmann hockte ein schmächtiger Beschuldigter. Dem unscheinbaren Mann, der ganz entspannt auf dem Anklagestuhl saß, traut man auf den ersten Blick das angeklagte aggressive Verhalten gar nicht zu. Laut Anklage hat er im September 2015 bei einer handfesten Auseinandersetzung einen Bekannten zu Boden geworfen, ihn mit Fäusten am Kopf getroffen und mit schweren Arbeitsschuhen traktiert. „Die Anklage“, räumte Peter D. sofort ein, „stimmt so.“ „Es war eine Kurzschlussreaktion von mir.“

„...wie ein Vulkan, der ausbricht“

Warum verliert ein Mensch so schnell die Kontrolle über sich? Der Grund kam schnell zur Sprache: Drogen. Seit einigen Jahren konsumiert er nach eigenem Geständnis regelmäßig Marihuana. „Bin ich high, fühle ich mich wie ein Vulkan, der ausbricht“, umschrieb der Suchtkranke die flüchtigen Rauschzustände. Sein damals verprügeltes Opfer, das als Zeuge aussagte, erinnerte sich: „Bei seiner wilden Attacke bin ich tausend Tode gestorben“. Umso mehr, weil der Angreifer Arbeitsschuhe mit verstärkten Kappen trug. Bis heute, betonte der 24 Jahre alte Rettungsfahrer, vermisse er vom Angeklagten noch eine Entschuldigung.

Auftritt der Bewährungshelferin: „Wenn Peter D. in Arbeit war, gab es nie Probleme“, berichtete sie. Mehrfach habe sie Termine bei der Suchthilfe vermittelt – bisher ohne Erfolg. In seinem letzten Wort vor dem Schuldspruch bequemte sich der Angeklagte dem früheren Opfer gegenüber zu einer Entschuldigung.

Das Urteil: Sechs Monate Freiheitsstrafe zur Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung. Drei Jahre lang muss der Verurteilte straffrei bleiben, ansonsten geht er ins Gefängnis. Zudem bleibt er unter Aufsicht einer Bewährungshelferin und muss zur Drogenberatung. Amtsrichter Lohmann gab dem Verurteilten überraschend positive Worte für den Nachhauseweg mit: „Ich habe bei ihnen ein gutes Gefühl und drücke ihnen die Daumen.“