Norderstedt
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Umsatz-Plus durch fragwürdige Abrechnung?

Der Recyclinghof Norderstedt an der Oststraße

Der Recyclinghof Norderstedt an der Oststraße

Foto: Andreas Burgmayer / HA

Im Prozess um den Recyclinghof Norderstedt überraschte Jens Kretschmer, Chef des Wege-Zweckverbandes, mit einer speziellen Theorie.

Norderstedt.  Wenn man aus den Indizien und Anschuldigungen des seit Mai andauernden Prozesses um den ehemaligen Leiter des Norderstedter Recyclinghofes die für den Angeklagten negativsten Schlüsse zieht, dann könnte es sich bei dem 40-jährigen Angestellten des Wege-Zweckverbandes (WZV) um einen Menschen mit erheblicher krimineller Energie handeln. Er hätte dann 2014 etwas mehr als 30.000 Euro aus der Kasse des Recyclinghofes Norderstedt gestohlen, was ungeklärte Bargeldeinzahlungen in gleicher Höhe auf seinem Konto und die Tatsache, dass die Polizei 14.500 Euro ungeklärter Herkunft in bar in seinem Safe fanden, zumindest teilweise erklärt. Dass der Recyclinghof Norderstedt 2015 nach der Absetzung des angeklagten Leiters plötzlich 135.000 Euro mehr Umsatz verbuchte, nährt zudem den Verdacht, dass vielleicht noch viel mehr Geld verschwunden ist. Dass diese Rückschlüsse aber kompletter Humbug sind und es einen Griff in die Kasse im Recyclinghof nie gegeben hat, das ist die Wahrheit, die Verteidiger Gerald Goecke seit Wochen dem Norderstedter Schöffengericht unter Richter Matthias Lohmann klarzumachen versucht.

Am Mittwoch hatte das Gericht erneut Jens Kretschmer, den Verbandsvorsteher des WZV, geladen. Der hatte am letzten Prozesstag die Umsatzzahlen des Recyclinghofes eingereicht. Richter Lohmann wollte nach Prüfung des Zahlenwerks nun wissen, wie sich Kretschmer die Umsatzsteigerungen von 2014 auf 2015 auf dem Recyclinghof erklärt, obwohl es weder Preiserhöhungen noch erhebliche Kunden- oder Müllmengensteigerungen gegeben hatte. Kretschmer betonte, dass er das nicht abschließend geprüft habe, er sich aber vorstellen könnte, wie es dazu gekommen sei. Sinngemäß behauptete Kretschmer, dass seine Mitarbeiter auf dem Recyclinghof nach den Durchsuchungen der Staatsanwaltschaft im Oktober 2014 wohl so nachhaltig beeindruckt waren, dass sie von da an bei Anlieferung von Müll auf dem Hof und der Gebührenberechnung eben ganz genau hingeschaut hätten. Eine Aussage, die eine fragwürdige Abrechnungs-Praxis auf dem Recyclinghof offenlegte.

Bürger, die dort seit 2006 Müllmengen anliefern, wurden also offenbar im Pi-mal-Daumen-Prinzip nach Volumen taxiert. Seit Oktober 2014 schauen Mitarbeiter laut Kretschmer also genauer hin, die Bürger zahlen für die gleichen Müllmengen deutlich mehr, und der Umsatz steigt um 135.000 Euro? Tatsächlich soll es in der Norderstedter Verwaltung bereits Beschwerden von Recyclinghof-Kunden gegeben haben, die für vier Säcke Müll an einem Tag bei einem Mitarbeiter vier und am nächsten Tag für vier identische Säcke bei einem anderen Mitarbeiter 10 Euro zahlen mussten. Bei dieser Abrechnungswillkür könnten dem Wege-Zweckverband und der Stadt Norderstedt in den vergangenen Jahren erhebliche Umsätze verloren gegangen sein.

Prozessrelevant sind diese Fragen nicht, sondern allein die Tatsache, dass Kretschmer eine mögliche Erklärung für die Umsatzsteigerung lieferte. Folgt ihm das Gericht, wäre der Verdacht zerstreut, dass womöglich noch mehr Geld verschwunden ist.

Verteidiger Gerald Goecke stellte noch dazu einen Beweisantrag, der eine mögliche Erklärung für die Herkunft des Geldes auf dem Konto und im Safe seines Mandanten erbringen soll. Ein Sachverständiger soll vor Gericht das wirtschaftliche Potenzial der privaten Zucht des Angeklagten von Katzen der Rasse Britisch Kurzhaar in Kartäuser-Blau und Shaded Silver einschätzen, das Goecke selbst auf etwa 50.000 Euro jährlich beziffert. Das Problem dabei: Der Angeklagte hat im fraglichen Jahr beim Finanzamt derartige Umsätze nicht angegeben. Der Sachverständige könnte ihm vielleicht einen Nachweis für sein Zweiteinkommen liefern, ihm aber auch gleichzeitig die Steuerfahndung ins Haus bringen.

Der Prozess wird am Dienstag, 13. September, um 9 Uhr fortgesetzt.