Norderstedt
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Überraschung im Prozess um Missbrauch im Arriba-Bad

Die Angeklagten sollen sich gemeinsam im Arriba an zwei Mädchen vergangen haben

Die Angeklagten sollen sich gemeinsam im Arriba an zwei Mädchen vergangen haben

Foto: imago/Lars Berg

Haben die zwei Mädchen die Vergewaltigungen im Schwimmbad nur erfunden? Angeklagter wurde bereits aus der U-Haft entlassen.

Norderstedt.  Der erste Verhandlungstag wegen einer angeblichen Vergewaltigung im Norderstedter Arriba Erlebnis-Bad endete im Amtsgericht mit einer Überraschung: Amtsrichterin Claudia Naumann hob am Montagnachmittag die Haftbefehle gegen die beiden Angeklagten auf. „Mangels dringenden Tatverdachts“, sagte sie. Damit konnte ein 34-jähriger Flüchtling aus Afghanistan nach einem halben Jahr die Untersuchungshaftanstalt Neumünster als freier Mann verlassen. Der zweite Angeklagte, ein 14-jähriger Afghane, war wegen seines Alters schon vor fünf Monaten von der Haft verschont worden.

Die Vorwürfe gegen die Angeklagten wogen schwer. Sie sollen sich am 28. Februar dieses Jahres gemeinsam im Arriba an zwei Mädchen im Alter von 14 und 18 Jahren vergangen haben. Laut Anklageschrift soll einer der beiden ein Mädchen gepackt und ihre Beine auseinandergedrückt haben, damit sein Komplize mit dem Finger in das Opfer eindringen konnte.

Die Afghanen waren noch im Arriba von der Polizei festgenommen worden. Am nächsten Tag standen sie vor dem Amtsrichter, der gegen beide Haftbefehle erließ. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen. Viele Medien berichteten ausführlich über den angeblichen Zwischenfall und stellten ihn direkt in Zusammenhang mit der damals aktuellen Diskussion, inwieweit Flüchtlinge für mehr Kriminalität verantwortlich sind.

Das Arriba reagierte erst nach tagelangem Schweigen und stellte dann medienwirksam ein erweitertes Sicherheitskonzept vor. Zu den 48 Überwachungskameras, die seit Jahren im Einsatz waren, sollten weitere hinzukommen. Außerdem kündigte Arriba-Geschäftsführer Ruud Swaen an, das Security-Team des Bades um weitere drei Mann aufzustocken. Sicherheitsmitarbeiter sollten nicht grundsätzlich erkennbar sein, sondern sich unerkannt unter die Badegäste mischen.

Das vermeintliche Opfer ließ sich nicht untersuchen

Jetzt zeichnet sich ab, dass die Tat an der Wildwasserrutsche sich möglicherweise nicht, wie von den Mädchen geschildert, zugetragen hat und zwei Männer möglicherweise unschuldig in Haft gesessen haben.

Zu Prozessbeginn am Montag wollte sich der 34-Jährige nicht zu den Vorwürfen äußern. Er hatte Stunden nach dem Zwischenfall in seiner Vernehmung erklärt, er habe auf einer Plattform der Rutsche „Gefühle“ für eines der Mädchen empfunden. Er habe es festgehalten und seitlich an der Hüfte, aber nicht im Intimbereich geküsst. Das Mädchen habe sich sofort gewehrt und losgerissen. Damals sprach der 34-Jährige von einer abscheulichen Tat, für die er sich entschuldigen wollte. Das Mädchen habe ihn wegen der Sprachprobleme aber nicht verstanden.

Sein Anwalt Jacob Schwieger richtete schwere Vorwürfe an die Staatsanwaltschaft und sprach von einer „offensichtlich lügenden Zeugin“. Damit meinte er das vermeintliche, 14 Jahre alte Opfer, das bereits sechs nahezu identische Anzeigen gegen andere Männer erstattet habe, ohne dass es zu Verurteilungen gekommen sei. Angesichts der U-Haft seines Mandanten könne von einer Freiheitsberaubung ausgehen. „Darüber wird im Gerichtssaal noch zu reden sein“, kündigte Schwieger an.

Die Staatsanwaltschaft hätte ein Glaubwürdigkeitsgutachten einholen müssen, sagte der Anwalt des 14-jährigen Angeklagten, Suad Omanovic. Der Jugendliche, der mit seiner Familie in der Gemeinde Ellerau lebt, wies sämtliche Anschuldigungen zurück. „Alles, was in der Anklage steht, hat nichts mit der Realität zu tun“, sagte der junge Mann, der seine Sätze im Gerichtssaal von einem Dolmetscher übersetzen ließ.

Warum die Vorwürfe gegen ihn erhoben worden seien, könne er sich nicht erklären, sagte der Angeklagte, der zwei Monate vor seiner Festnahme in Norderstedt aus Afghanistan gekommen war. Zwischen ihm und einem Mädchen sei es auf der Rutsche lediglich zu einem Körperkontakt gekommen. Dabei sei sein Fuß leicht gegen einen Körper geprallt. Dafür habe er sich entschuldigt, sagte der junge Angeklagte.

Das 14-jährige Mädchen wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt und verließ mehrfach weinend den Gerichtssaal. Danach wurde die Vernehmung abgebrochen. Eine Untersuchung bei einem Frauenarzt habe die 14-Jährige nach Angaben der Verteidiger nach der Tat wegen angeblich zu großer Schmerzen verweigert.

Der Prozess wird am 7. September fortgesetzt.