Norderstedt
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Tablets machen Schülern das Lernen leichter

Alte und neue Medien: Magnus Balzer (17), Niklas Pfund (15), Fabio Bertuzzi (16), Philip Ladewig (16)und Niklas Barsch( 17) (von links) vom Lessing-Gymnasium müssen keine Bücher mehr mitschleppen

Alte und neue Medien: Magnus Balzer (17), Niklas Pfund (15), Fabio Bertuzzi (16), Philip Ladewig (16)und Niklas Barsch( 17) (von links) vom Lessing-Gymnasium müssen keine Bücher mehr mitschleppen

Foto: Michael Schick

Schulen in Norderstedt starten in die Bildung der Zukunft. Stadt arbeitet an einem digitalen Medienkonzept für Bildungseinrichtungen.

Norderstedt.  Irland ploppt auf, sekundenschnell haben die Schüler das Land vor sich. Wie viele Einwohner hat die grüne Insel, ein Klick, Frage beantwortet. Szenenwechsel, Biologie: adaptive Radiation? Wieder ein Klick, Wikipedia hilft, und „Biologie-schule.de“ erklärt: Darunter versteht man die Entstehung vieler neuer Arten aus einer einzelnen Stammart. Kein Atlas, keine Schulbücher, vor jedem Schüler liegt ein Tablet. Die Apple TV-Box liefert die Infos von jedem iPad an einen Beamer, der sie wiederum auf die weiße Projektionsfläche wirft. „So hat nicht nur der Lehrer Zugriff, sondern jeder kann zu jederzeit von jedem Ort im Klassenzimmer seine Ergebnisse präsentieren, ohne aufstehen zu müssen“, sagt Carsten Apsel.

Der Leiter des Norderstedter Lessing-Gymnasiums pirscht sich mit seinem Kollegium und Oberstufenschülern an das heran, was der ehemalige Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger und sein Co-Autor Ralph Müller-Eiselt in ihrem Bestseller als digitale Bildungsrevolution bezeichnen: das Lernen mit Tablet und Smartphone. Damit werde Bildung demokratisiert, sie stehe jedem offen, und sie werde personalisiert, jeder lernt, was er braucht oder will, sagen die Autoren.

Apsel und seine Kollegen bremsen die Euphorie und verfolgen einen pragmatischen Ansatz: „Die modernen Medien werden den Unterricht nicht völlig verändern. Sie bleiben Mittel zum Zweck, entlasten die Lehrer und fördern die Motivation der Schüler“, sagt der Schulleiter, der zusammen mit technikaffinen Kollegen die iPads im Vorabitur-Jahrgang testet. Der Förderverein der Norderstedter Schule hat die Geräte angeschafft. 300 Euro kalkuliert Apsel pro iPad, so kommen knapp 4000 Euro zusammen. „So erreichen wir, dass alle Schüler im Tablet-Unterricht den gleichen Standard haben“, sagt der Pädagoge. Die digitale Lernwelt birgt die Gefahr sozialer Unterschiede. Während der Schüler mit den gut betuchten Eltern ein Super-Gerät hat, bringt der mit wenig Geld im Haushalt die Basisversion oder gar keins mit. Gerade hatte sich eine Mutter an der Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule in Barsbüttel im Kreis Stormarn geweigert, für 700 Euro einen Tablet-Computer anzuschaffen (das Abendblatt berichtete).

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) sieht dennoch keinen Anlass einzugreifen und die Ausstattung der Schulen mit digitalen Medien landesweit zu regeln: „Wir ordnen nicht an und überlassen es Schulen und Schulträgern, wie sie mit dem Thema verfahren“, sagte die Ministerin bei einem Schulbesuch in Norderstedt. Sie verwies auf die 20 Modellschulen im Norden, die zurzeit testen, wie und welche digitalen Geräte im Unterricht zum Zuge kommen sollen. Im Übrigen sei der Streit in Barsbüttel beigelegt, die Tochter bekomme ein Leih-iPad von der Schule.

Bei der medialen Zukunft der Bildung hinkt Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern nach Ansicht von Experten hinterher, auch in Norderstedt hat die Diskussion gerade erst begonnen. „Derzeit arbeiten wir mit den Schulen an einem Medienkonzept“, sagt die zuständige Amtsleiterin im Rathaus, Sabine Gattermann. Im vorigen Monat habe es Workshops mit den Grundschulen und den weiterführenden Schulen gegeben. In diesem Projekt arbeiten Schulamt, das Amt EDV und das Zentrum für Medien und Informationstechniken (ZMI) zusammen. „Ergebnisse liegen aber noch nicht vor“, sagt die Amtsleiterin. Es gehe nicht unbedingt um Vereinheitlichung, sondern darum, die Technik und Medien für einen zukunftsorientierten Unterricht bereitzustellen.

Das ZMI in Norderstedt (früher Stadtbildstelle) betreut und berät die örtlichen Schulen. Dafür stehen 55.000 Euro pro Jahr zur Verfügung. Festzustehen scheint aber schon jetzt: Die Zeit der Activ oder White Boards scheint vorbei zu sein. Rund 100 dieser interaktiven Tafeln wurden bisher in den 22 Norderstedter Schulen installiert, was einem Gegenwert von mindestens 300.000 Euro entspricht. Angesichts dieser Summe werden die Boards, an denen nur wenige gleichzeitig arbeiten können, natürlich nicht im Müll landen und weiter genutzt.

Der Trend geht eindeutig zu WLAN und „Bring your own device“ – die Schüler bringen ihre eigenen Endgeräte mit. „Und da reicht auch schon ein Smartphone“, sagt die Bildungsministerin. Wichtig ist ein ausreichend starkes drahtloses Netz. Da könnte den Norderstedter Schulen ein städtisches Unternehmen unter die Arme greifen, das geradezu für moderne Kommunikation steht: wilhelm.tel. „Wir sind in Gesprächen“, sagt Sabine Gattermann.

„Tablets sind für uns kein Thema“, sagt Elisabeth Bauer-Plambeck. Die Leiterin der Grundschule Immenhorst und ihr Kollegium setzen nach wie vor auf den klassischen PC. Smartphones sind aus dem Unterricht verbannt, dennoch sind sie ein wichtiges Thema im Medienkonzept, das an der Schule gerade erarbeitet wird: „Gemeinsam mit den Eltern müssen wir darauf hinwirken, dass die Kinder nicht ungehindert Zugang zum Internet haben und sich Inhalte ansehen, die für sie nicht geeignet sind“, sagt die Pädagogin. Neben dem begrenzten Zugang gehe es auch um den Schutz der eigenen Daten und die Vermittlung von Kompetenzen, um moderne Unterrichtsmedien nutzen zu können: Wie recherchiere ich ein Thema, wie lege ich Ordner an, schreibe und präsentiere? Darauf müsse Schule Antworten geben.