Norderstedt
Auslandstagebuch

Entdeckungsreise in der Heimat der Eltern

Foto: Vyvy Tran / HA

In Vietnam hat Vyvy Tran aus Henstedt-Ulzburg in den vergangenen Monaten viel erlebt. Nun heißt es langsam, Abschied zu nehmen.

Nach ihrem Abitur, das sie im vergangenen Jahr am Alstergymnasium in Henstedt-Ulzburg absolvierte, entschloss sich Vyvy Tran für zwölf Monate im Rahmen eines Freiwilligendienstes nach Vietnam, der Heimat ihrer Eltern, zu gehen. Sie lebt seit dem Herbst 2015 in Ho-Chi-Minh-Stadt (dem alten Saigon) und arbeitet dort an der Vietnamese-German University. Vyvy Tran schreibt in unregelmäßigen Abständen im Abendblatt über ihren Aufenthalt in Vietnam, der sich langsam dem Ende zuneigt.

Der Abschied rückt näher

Und, wann geht es für dich nach Hause?“ – Eine Frage, die mir mittlerweile immer mehr Freunde, Bekannte und Familienmitglieder in Vietnam stellen, macht deutlich, dass von meinen elf Monaten Freiwilligendienst nun kaum mehr als ein Monat übrig ist.

Dass man auf den letzten Drücker häufig noch viele Sachen erledigen möchte, ist vermutlich eine weit verbreitete Gewohnheit, und so stehen auch bei mir für die verbleibende Zeit noch einige Dinge auf der To-do-Liste.


1. Tropische Früchte essen, bis ich umfalle! Der Tag, an dem ich Mangostan entdeckte, war der Anfang eines dreitägigen Mangostan-Marathons, bei dem ich zusammen mit meinem Mitbewohner etwa fünf Kilogramm dieser Früchte verputzte. Dass es bald nicht mehr so einfach sein wird, günstig an Drachenfrüchte, Lychees und Mangos zu kommen, versetzt mich regelrecht ein bisschen in Panik. Da jedoch Erdbeeren, Äpfel und Weintrauben in Vietnam eher zu den teureren Früchten gehören, tröstet mich der Ausblick auf europäische Sommerfrüchte ein wenig.

2. Meine Moped-Fahrskills verbessern und nicht mehr in den Straßen Saigons verloren gehen. Da ich seit Kurzem mit einem Moped mobil bin, kann ich mich nun selbst durch das Gewirr der Saigoner Straßen und Gassen kämpfen. Dass ich nun nicht mehr auf die Xe Oms (übersetzt heißt das Umarmungsfahrzeug, gemeint sind Motorradtaxis) angewiesen bin, hat den Vorteil, dass ich unabhängig bin, und den Nachteil, dass meine grenzenlose Orientierungslosigkeit wunderbar zur Geltung gebracht wird.

Derzeit bin ich stets mit einem fragenden Blick, einem blauen Motorradhelm, der vietnamesischen Standards entspricht, in Deutschland aber vermutlich eher als Walnussschale abgestempelt werden würde, und einer Atemschutzmaske unterwegs. Dem Trend, sich durch knöchellange Umhänge, die man sich um die Hüfte wickelt, vor der Sonne zu schützen, bin ich noch nicht gefolgt. Und derzeit widerstehe ich auch noch dem Drang, es einigen vietnamesischen Mitbürgern nachzumachen und über Bürgersteige oder verkehrt herum in Einbahnstraßen hineinzufahren.


3.Weiterhin an meinem Vietnamesisch arbeiten: „Oh, dein Vietnamesisch ist echt gut. Es klingt so süß – wie bei einem kleinen Kind!“ Dass ich immer wieder Vietnamesen mit meinem vermeintlich guten Vietnamesisch verblüffe, ist zwar sehr erfreulich. Die Tatsache, dass ich dabei anscheinend häufig wie eine Siebenjährige klinge, finde ich allerdings weniger schön. Bei geschriebenem Vietnamesisch wird das Ganze dann noch ein bisschen „süßer“ – und ich werde auf fünf Jahre hinabgestuft.

Floskeln, Sprichwörter und formale Sprache gehören noch immer nicht zu meinem Sprachrepertoire, und bis dahin ist es wohl auch noch ein weiter Weg. In meinem Sprachalter um zwei, drei Jahre zu altern, das wäre jedoch wunderbar.


4. Meine Projekte an der deutsch-vietnamesischen Universität abschließen. Während meiner Zeit an der Universität habe ich viele verschiedene Aufgaben übernehmen können. Die meisten hatten mit Studenten zu tun. Dem Wunsch der Studenten, einen Deutsch-Club zu eröffnen, habe ich versucht nachzukommen. Für die letzten Wochen heißt es nun, besonders für dieses Projekt eine saubere Übergabe zu schaffen und meine letzten Aufgaben zu beenden.


5. Familie und Freunde in Vietnam empfangen und mit ihnen neue Orte erkunden. Auf meinem Zettel stehen noch das verdammt heiße Mittelvietnam sowie das Mekong-Delta. Auch in Saigon gibt es noch einige Touristenspots, die ich noch nicht besucht habe. So zum Beispiel die Pagode, in der neulich Präsident Barack Obama zu Besuch war, oder der Markt „Cholon“ (übersetzt Großer Markt).


6. Die vietnamesischen Küche noch besser kennenerlernen. Wenn man Bratreis mit Gemüse nicht als kulinarisches Wunder ansieht, fallen meine vietnamesischen Kochfähigkeiten nach einem Jahr vermutlich sehr mager aus. Probiert habe ich vieles, gekocht habe ich fast gar nicht. Man kann nämlich hier Mahlzeiten für umgerechnet etwa ein bis zwei Euro auf der Straße bekommen. Da dies in Deutschland nicht möglich sein wird, steht ein Kochkursus also noch auf meiner To-do-Liste. Am liebsten würde ich lernen, wie man meine Lieblingsspeise Banh Cuon (gedämpfte Reisteigcrepes) oder Reisnudeln selbst macht.


7. Einen vietnamesischen Roman fertig lesen. Der Roman, den man mir schenkte, ist ein Kinder- und Jugendroman. Dass ich diesen aber leider nicht locker-flockig durchblättern kann, ist wahrscheinlich eine Bestätigung der Aussagen in Punkt 3, dass meine Sprachkenntnisse zu wünschen übrig lassen!

8. Theater, Film und Musik: Bei meinem ersten Theaterbesuch in Vietnam mit Studenten saß ich einfach da, habe wenig verstanden und die Menschen um mich herum beobachtet. Gelacht habe ich immer dann, wenn es alle um mich herum taten. Jedoch eher, weil mich die Situation amüsierte, da ich so wenig verstand. Bevor ich gehe, möchte ich dem ganzen also eine zweite Chance geben.

Was Film und Musik angeht, sind sie anders als das, was ich aus Europa und Amerika kenne. Auch wenn ich häufig noch Untertitel brauche und auch nach etlichen Karaokenächten nur wenige vietnamesische Lieder mitgrölen kann, entdecke ich gerne noch mehr dieser Seiten von Kultur.

9. Und danach? Auch bevor und während meines Aufenthaltes in Vietnam, aber besonders zum Ende dieser Zeit hin, beschäftigt mich diese Frage natürlich. Ganz klassisch heißt es zunächst einmal für mich, ein Studium an einer Universität anzutreten. Ob in Deutschland der sogenannte Rückkehr-Schock eintreten wird, inwiefern ich meine neuen Erfahrungen mitnehmen kann und wie sich in Vietnam geknüpfte Freundschaften entwickeln, das alles steht noch offen.

Doch jetzt heißt es erst einmal, die mir noch verbleibende Zeit in Vietnam zu genießen, so viel Zuckerrohrsaft wie möglich zu trinken und sich auch schon auf die Rückkehr nach Deutschland zu freuen.