Norderstedt
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Geld erpresst, um Sex-Hotline zu finanzieren

Weil er Geld brauchte, setzte der Angeklagte gleich mehrere Menschen stark unter Druck. Diese sagten nun vor Gericht gegen ihn aus

Weil er Geld brauchte, setzte der Angeklagte gleich mehrere Menschen stark unter Druck. Diese sagten nun vor Gericht gegen ihn aus

Foto: Michael Rauhe

Ein 40-jähriger Mann aus Kaltenkirchen muss sich vor dem Schöffengericht Norderstedt wegen räuberischer Erpressung verantworten.

Norderstedt.  Der Traum vom schnellen Geld mit einer Telefon-Sex-Hotline währte für einen 40-jährigen Mann aus Kaltenkirchen nur kurz. Von einem Call-Center in Henstedt-Ulzburg aus sollten junge Frauen einsame Anrufer in erotische Endlosgespräche verwickeln. Kosten pro Gespräch: zwischen 99 Cent und 3,99 Euro pro Minute. Bedauerlicherweise klingelten die Telefone nur selten. Seine Geschäftspolitik brachte den 40-Jährigen noch dazu vor das Schöffengericht Norderstedt. Die Anklage: räuberische Erpressung.

Der Mann aus Kaltenkirchen erklärte dem Schöffengericht wortreich, wie ihn zwei „Herren vom Fach“ aus Hamburg auf die Idee für die Hotline brachten. Eine Firma in Berlin suche laufend Franchise-Unternehmer, habe es geheißen. Die „Chefs“, wie der Angeklagte sie nannte, machten ihn zum Subunternehmer. Der 40-Jährige richtete das Call-Center ein und heuerte acht Frauen an, die nun auf Anrufe warteten. Der Angeklagte schilderte Richter Matthias Lohmann seine geschäftlichen Transaktionen mit den „Chefs“, blieb dabei aber auffallend vage. „Belegen können Sie nichts?“, fragte der Richter. „Keine Arbeitsverträge, Mietbescheinigungen oder Urkunden?“ Der Angeklagte verneinte: „Nein. Nichts“. Dem Richter platzte der Kragen: „Kein normaler Mensch würde sich auf diesen Schwachsinn einlassen“. Weil die Telefone in Henstedt-Ulzburg nur selten klingelten, war der Angeklagte nach wenigen Wochen pleite. Jetzt sitze er auf einem Berg unbezahlter Rechnungen mit Schulden in Höhe von etwa 80.000 Euro.

Seine Opfer suchte der Mann im engeren Umfeld aus

Zur Finanzierung seines Unternehmens brauchte der 40-Jährige Startkapital. Um es zu bekommen, ging er in vier Fällen ausgesprochen rüde vor. Seine Opfer suchte er sich im engeren Umfeld aus. Beispielsweise einen Bekannten, dem er vorschlug, einen Kredit aufzunehmen. Das Geld würde er nehmen und es später an ihn zurückgeben - mit Gewinn. Als der Bekannte ablehnte, soll der Angeklagte gedroht haben, dessen Freundin etwas anzutun. Derart attackiert, stimmte der eingeschüchterte Bekannte zu. So wechselten 12.000 Euro nicht ganz freiwillig den Besitzer.

„Ich hatte damals panische Angst“, erinnerte sich der überrumpelte Mann im Zeugenstand. Wörtlich habe ihm der Angeklagte gesagt: „Wenn du zu den Bullen gehst, passiert etwas Schlimmes“. Den Kredit, der ihm im Januar 2012 aufgezwungen wurde, zahlt der angehende Altenpfleger bis heute in kleinen Monatsraten ab. Eine Frau, die als Spielhallenaufsicht arbeitet, sagte als weiteres Opfer aus. Bis heute ist der 35-Jährigen ein Rätsel, warum sie sich vom Angeklagten zu einem Kredit über 10.000 Euro überreden ließ. „Ich war wohl naiv, aber habe ihm total vertraut“, sagt sie vor Gericht. „Die ganze Geschichte“, gestand sie, „hat mich krank gemacht“. Mittlerweile sei sie insolvent.

„Ich bin aufs Übelste verarscht und betrogen worden“, grollte eine weitere Zeugin. Ihr Ex-Freund war ein ehemaliger Arbeitskollege des Angeklagten, und von ihm hatte dieser erfahren, dass sie Geld geerbt hatte. „Er stand permanent vor der Haustür“, sagte die Zeugin, „oder er rief pausenlos an.“ Permanent bedrängt habe sie sich gefühlt. Schließlich gab ihm die Reinigungsfachfrau zweimal 20.000 Euro. Das Geld sah sie nie wieder.

Der Prozess wird am 28. Juli im Amtsgericht Norderstedt fortgesetzt. Beginn: 8.50 Uhr