Norderstedt
Henstedt-Ulzburg

Diese Zeitzeugen erinnern sich an den Treck

Am 7. März 1945 treffen die ersten Wagen aus den großen Flüchtlingstrecks in Ulzburg vor der Schule und am Beckersberg ein

Am 7. März 1945 treffen die ersten Wagen aus den großen Flüchtlingstrecks in Ulzburg vor der Schule und am Beckersberg ein

Foto: Arbeitskreis zur Ortsgeschichte Henstedt-Ulzburg / HA

Die Gemeinde Henstedt-Ulzburg hat ihre Geschichte aufgearbeitet. Ein neues Buch erzählt die Zeit von 1943 bis 1945.

Henstedt-Ulzburg.  7. März 1945: Die ersten Wagen aus den großen Flüchtlingstrecks kommen von der Großsammelstelle Oldesloe nach Ulzburg. Diese nüchterne Nachricht hat Lehrer Hans Peters für die Ulzburger Chronik verfasst. Von Hitlerjungen wurden die Wagen zu den angewiesenen Bauernhöfen begleitet – die Bauern mussten die Flüchtlinge aufnehmen, ob sie wollten oder nicht. Die Einheimischen hatten keine rechtliche Handhabe, sich der Beschlagnahmung von dringend benötigtem Wohnraum zu verweigern. Was vor über 70 Jahren im heutigen Henstedt-Ulzburg geschah, wie die Menschen auf Flucht und Vertreibung reagierten, wie sich die Flüchtlinge in ihrer neuen Heimat zurechtfanden, wird in dem Buch „Ausgebombt, geflüchtet, vertrieben – in Henstedt-Ulzburg angekommen und geblieben“ beschrieben.

Der Arbeitskreis zur Ortsgeschichte legt jetzt den vierten Band in der Schriftenreihe vor. Die Mitglieder des ortsgeschichtlichen Arbeitskreises der Volkshochschule haben sich auf Spurensuche begeben, haben Zeitzeugen direkt befragt oder Berichte aus Archiven zusammengetragen. Die verschiedenen Facetten ergeben ein ungefähres Gesamtbild der Lage in den letzten Kriegsjahren von 1943 bis 1945 und nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis in die heutige Zeit werden die Schicksale einzelner Familien nachgezeichnet.

Ein Neuanfang aus dem absoluten Nichts heraus

Die Leser können nachvollziehen, wie Flüchtlinge im Ort sesshaft wurden, wie sie sich integrierten: Jeder von ihnen hat sich mit einer eigenen Geschichte in das neue Gemeinwesen eingebracht und schließlich dazu beigetragen, das heutige Bild der Gemeinde Henstedt-Ulzburg zu prägen.

„Für uns war es hier ein Neuanfang aus dem absoluten Nichts heraus“, beschreibt der Zeitzeuge Ulrich Buchholz die damalige Situation. Innerhalb von zehn Minuten musste die Familie am 13. Dezember 1945 ihr Haus in dem 375-Seelen-Dorf Kleschin im Kreis Flatow im Regierungsbezirk Grenzmark Posen-Westpreußen verlassen und gelangte nach abenteuerlicher Flucht schließlich am 21. Januar 1946 über ein Auffanglager in Bad Segeberg zum endgültigen Aufnahmeort Henstedt.

Hier wurde sie zunächst im Saal des Gasthofes Michaelis an der heutigen Norderstedter Straße einquartiert, kam nach drei Wochen aber auf den Bauernhof Thode im Ortsteil Hohenhorst. „Wir besaßen nur, was wir auf dem Leibe trugen und was wir bei der Vertreibung aus unserem Haus noch hatten retten können“, schreibt Ulrich Buchholz, der zum Zeitpunkt der Flucht 18 Jahre alt war. Beengte Verhältnisse prägten zunächst das Leben der Familie Buchholz. Es wurde noch enger, als der Vater aus der russischen Kriegsgefangenschaft entlassen wurde und ebenfalls auf den Hof Thode kam. Aber die Familie hat ihr Schicksal angenommen – so wie viele andere Flüchtlinge ebenfalls. 1948 erfolgte der Umzug in eine größere Wohnung, später der Bau eines eigenen Hauses am Kronskamp. Ulrich Buchholz war schon 1952 in das Haus seiner Schwiegereltern am Kirchweg gezogen. Von 1971 bis 1990 war er Leiter des Postamtes Henstedt-Ulzburg. „Meine Heimat ist und bleibt dort, wo meine Wurzeln liegen, in Kleschin, Kreis Flatow. Aber ich habe eine zweite Heimat gefunden, hier in Henstedt-Ulzburg, wo ich seit 1946 lebe, wo ich meine Familie gegründet habe und wo meine drei Kinder geboren wurden.“

So wie Ulrich Buchholz beschreiben die meisten Zeitzeugen die damalige Situation. Es gab bedrohliche Situationen, überfüllte Klassenzimmer, Schulspeisungen, Ablehnung und Freundschaften. Horst Anduleit war zum Beispiel zehn Jahre alt, als er mit seiner Familie aus Ostpreußen in Ulzburg ankam und bei der Familie Kühl an der Hamburger Straße Unterkunft fand. „Dem Ehepaar Kühl hatte die Aufnahme der wildfremden Menschen in ihren Haus zunächst gar nicht gepasst – und man gewöhnte sich nur schwer aneinander“, berichtet er. Aber immerhin: Man gewöhnte sich aneinander, später wurde sogar gemeinsam gefeiert. Eine Freundschaft entstand unter widrigen Umständen. Horst Anduleit wurde später Betriebsleiter und Prokurist einer Kunststofffabrik.

Zunächst kamen die Evakuierten aus Hamburg nach Henstedt-Ulzburg. Sie waren im Sommer 1943 vor den Bombenangriffen geflohen. Dann kamen Anfang 1945 Kriegsflüchtlinge per Bahn, zu Fuß oder mit Pferdetrecks an. Auch in den ersten Nachkriegsjahren trafen immer wieder Vertriebene ein, die aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reichs ausgewiesen worden waren. Für die Ortsentwicklung bedeuteten diese Jahre eine tiefe Zäsur. Henstedt und Ulzburg nahmen mehr Neuankömmlinge auf, als zuvor Einwohner vorhanden waren.

Einer, der die Entwicklung Henstedt-Ulzburgs hautnah miterlebte und sie eine Zeit lang auch mitgeprägt hat, ist der frühere Bürgervorsteher Horst Schmidt, der aus dem Kreis Dramburg in Hinterpommern stammt. Er beschreibt seine Kindheit in der Heimat, die Vertreibung und die nicht immer glücklichen Umstände nach der Ankunft. Es fallen Begriffe wie „dreckige Ostpreußen“ und „Flüchtlingspack“, bei der Ausgabe von Bezugsscheinen heißt es oft: „Für Flüchtlinge und Heil-Hitler-Schreier haben wir keine Bezugsscheine.“ Horst Schmidt hat das nicht vergessen: „Als uns so etwas von Russen und Polen gesagt wurde, nahmen wir es als Schicksal hin, denn dafür waren es ja Feinde. Aber dass uns solche Behandlung von einigen unserer eigenen Deutschen zuteil wird, das drückt uns alle sehr, sehr nieder“, schrieb Horst Schmidt in einem Schüleraufsatz 1954/55. Heute klingt er versöhnlicher. 2009 schrieb Horst Schmidt: „Meine Generation hat die Folgen von Flucht, Vertreibung und die schweren Situationen danach wohl verarbeitet; das heißt nicht vergessen. Groll und Rachegefühle sind uns fremd. Wir gehen offen und interessiert auf alle Nachbarn im In- und Ausland zu. Die meisten wollen mitarbeiten an weiterer Verständigung, Partnerschaft und Freundschaft.“

„Ich habe meinen Frieden gefunden, Freunde gefunden.“

Er hat seinen Beitrag dazu geleistet: Zusammen mit dem damaligen Bürgermeister Volker Dornquast unterzeichnete Bürgervorsteher Horst Schmidt 2003 die Städtepartnerschafts-Urkunde mit Wierzchowo im Kreis Drawsko, dem früheren Kreis Dramburg. 2005 wurde ihm zusammen mit Erwin Krüger, dem Vorsitzenden des Heimatkreises Virchow, die Ehrenbürgerschaft von Wierzchowo verliehen. „Eine hohe Ehre, über die ich sehr glücklich bin.“ Für Horst Schmidt hat sich der Kreis damit geschlossen. „Ich habe meinen Frieden gefunden, Freunde gefunden. Habe eine neue Heimat gefunden und meine alte Heimat wiederbekommen – wie viele, viele andere Menschen auch. Dafür bin ich so dankbar – wie viele andere Menschen auch. Das bedeutet aber auch eine Verpflichtung, aufzupassen und wachsam zu sein. Es wird sich lohnen.“

Arbeitskreis zur Ortsgeschichte: „Ausgebombt, geflüchtet, vertrieben – in Henstedt-Ulzburg angekommen und geblieben“. 173 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Preis: 13,50 Euro. Erhältlich bei: Buchhandlung Rahmer, Hamburger Straße 22, Schreibwarenhandlung Greiner, Norderstedter Straße 2. Trödelhöker Wacker, Götzberger Straße 94. Auflage: 450.