Norderstedt
Prozess

„Mein Enkel hatte Todesangst, er brauchte schnell Hilfe“

Im Prozess gegen Nadine L. (Name von der Redaktion geändert) ging es um unterlassene Hilfeleistung

Im Prozess gegen Nadine L. (Name von der Redaktion geändert) ging es um unterlassene Hilfeleistung

Foto: Michael Rauhe

Anklage gegen 31 Jahre alte Verkäuferin eines Lebensmittel-Discounters wegen unterlassener Hilfeleistung endet mit einem Freispruch.

Bad Segeberg.  Es gibt Angeklagte, die streiten alles ab. Es gibt geständige Angeklagte. Es gibt Angeklagte, die es vorziehen, der Verhandlung fernzubleiben. Und es gibt noch eine weitere Variante: Die Angeklagte weiß gar nicht, was ihr die Staatsanwaltschaft vorwirft und ist sich deshalb keiner Schuld bewusst. Richterin Sabine Roggendorf im Amtsgericht Segeberg staunte.

Im Prozess gegen Nadine L. (Name von der Redaktion geändert) ging es um unterlassene Hilfeleistung. Die Verkäuferin soll am Informationsstand eines Lebensmittel-Discounters in Bad Segeberg die Bitte einer Kundin ignoriert haben, ihrem an Asthma leidenden Enkel zu helfen. Die 31 Jahre alte Angeklagte konnte sich an den Vorfall im August vorigen Jahres jedoch nicht erinnern. „Ich weiß von nichts. Ich habe keine Idee und keine Ahnung“, beteuerte sie leise. In betrieblichen Schulungen habe sie gelernt, bei Notsituationen dieser Art eine Extrataste zu drücken, um sofort die Polizei zu alarmieren. Zum anderen sei das Personal angewiesen, bei diesem Alarm sofort den Info-Stand zwecks Erster Hilfe aufzusuchen. „Bei diesem Vorfall“, gestand Nadine L., „hätte ich selbstverständlich sofort geholfen.“ Schließlich leide ihr ältester Sohn selbst an Asthma, betonte die zweifache Mutter vor Gericht während des Zeugenauftritts der Kundin, der damals laut Ermittlungen die Hilfestellung verweigert wurde. Die Frührentnerin berichtete, sie sei damals zum Info-Stand gelaufen, weil ihr asthmakranker Enkel von einer Wespe im Rachenbereich gestochen wurde und ganz schnell Hilfe benötigte.

Die Video-Aufnahmen werden nach zwei Tagen gelöscht

„Die Angeklagte“, empörte sich die 53-Jährige, „räumte neben dem Info-Stand Waren ein und kam nicht einmal die Trittleiter herunter.“ Da sei überhaupt keine Reaktion gekommen. „Mein Enkel hat gehustet und gewürgt. Er hatte Todesangst“, so die Großmutter. Sie hatte damals kein Handy dabei, aber glücklicherweise hätten andere Kunden geholfen, die Mutter des Jungen anzurufen, die dann umgehend den Rettungswagen alarmierte. Der Junge sei dann mit Blaulicht zur Uni-Klinik Lübeck gefahren worden und dort zur Beobachtung über Nacht geblieben. Auch er erinnerte sich schaudernd an den Vorfall. „Ich hatte Riesenangst“, gestand der Gymnasiast.

Bei der Discounter-Filiale in Bad Segeberg werden Video-Aufnahmen nach zwei Tagen gelöscht, so fehlte ein objektives Beweismittel. In ihrem Plädoyer räumte die Staatsanwältin ein, dass der Angeklagten die Tat nicht nachzuweisen sei. Außerdem habe sie erhebliche Zweifel an den Zeugenaussagen. Ihre Forderung: Freispruch. Dem schloss sich die Amtsrichterin in ihrem Urteil an, weil sich der Sachverhalt nicht mehr mit letzter Sicherheit beantworten lasse. Die Rentnerin, die die Strafanzeige erst viereinhalb Monate nach dem Vorfall gestellt hatte, hat den Lebensmittel-Discounter zwischenzeitlich auf 1000 Euro Schmerzensgeld verklagt. Nach diesem Freispruch ist diese zivilrechtliche Klage allerdings kaum erfolgreich. Auf eine Entschuldigung des Discounters wartet sie nach eigenen Angaben bis heute vergeblich.