Trainingsprogramm

Hier lernen Flüchtlingsfrauen Radfahren

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Michael Schick
Nach vier Übungsabenden können die meisten Frauen das Gleichgewicht halten.

Nach vier Übungsabenden können die meisten Frauen das Gleichgewicht halten.

Foto: Michael Schick

Das Traninigsprogramm soll den Frauen zu mehr Mobilität verhelfen. Gleichstellungsbeauftragte und Verkehrswacht organisieren es.

Henstedt-Ulzburg.  Shamila fährt gefährlich dicht an ihre Vorderfrau heran. Das Gesicht verrät Anspannung, sie steigt ab und vermeidet die Kollision. „Nächstes Mal müssen wir unbedingt das Bremsen üben“, ruft Svenja Gruber – Henstedt-Ulzburgs Gleichstellungsbeauftragte steht in der kleinen Sporthalle der Olzeborchschule und sieht zu, wie Flüchtlingsfrauen Radfahren lernen. Das Fahrrad-Training hat sie zusammen mit der Kreisverkehrswacht Segeberg organisiert. „Die Nachfrage ist enorm, wir haben jetzt schon 17 Frauen auf der Warteliste“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte.

Wie gern die Frauen, die aus dem Iran oder aus Afghanistan geflüchtet sind, sich auf zwei Rädern durch den Alltag bewegen wollen, wird auch am Trainingstag deutlich: Es sind mehr Interessierte in der Halle als Räder. Sechs Fahrräder haben Gisela Kolmorgen und Renate Braaß in ihren Transporter geladen und von Bad Segeberg in die Schulturnhalle gebracht – spezielle Räder mit hellen Reifen, damit es keine Streifen auf dem Hallenboden gibt. Die Fahrräder sind klein, 24er oder 26er, weil die meisten der Frauen, die sich an die Stabilität auf zwei Reifen herantasten, relativ klein sind. Und die Trainingsgeräte haben abklappbare Pedale. „Da die Frauen keine Vorerfahrung haben, benutzen sie die Räder anfangs wie Laufräder“, sagt Gisela Kolmorgen, die wie ihre Kollegin ehrenamtlich arbeitet und am Freitagabend ihre Freizeit opfert. Wie die Kinder bei uns müssen die Flüchtlingsfrauen zunächst ihren Körper ins Gleichgewicht bringen. Bis das klappt, bleiben die Pedale hochgeklappt.

An acht Abenden sind jeweils zwei Stunden vorgesehen, um den Frauen aus dem Ausland so viel Sicherheit zu vermitteln, dass sie sich auf die Radwege in der Gemeinde trauen. Das Training zeigt Erfolg. Nach der Hälfte der Kursuszeit drehen die meisten schon relativ sicher ihre Runden in der Sporthalle. Plötzlich gibt es einen Knall, Sonilda ist hingefallen. Die junge Iranerin bleibt einen Augenblick liegen. Sie hat sich vor allem erschrocken. Passiert ist nichts, einige Minuten später lächelt die Gestürzte schon wieder, steigt wieder auf und übt weiter. Renate Braaß unterstützt sie jetzt, hält sie im Gleichgewicht. „So gemein das klingt, aber Stürze gehören dazu“, sagt Organisatorin Gruber, die eher fürs Marketing und die Finanzierung des Projektes zuständig ist und die fachliche Seite den Frauen von der Verkehrswacht überlässt. Viel Geld ist nicht erforderlich, den Aufwand der ehrenamtlichen Helferinnen bezahlt die Gleichstellungsbeauftragte aus ihrem Budget.

Mit dem Slalom durch die Hütchen klappt es allerdings höchstens in Ansätzen, sie sind allesamt umgekippt. „Größter Hemmschuh ist die Angst“, sagt Gisela Kolmorgen von der Kreisverkehrswacht. Shamila Usmani bestätigt das: „Ich hatte so viel Angst, dass ich stürze und mir den Arm oder das Bein breche“, sagt die junge Afghanin, die seit zwei Jahren in Deutschland ist und in ihrer Heimat das Radfahren nie gelernt hat, nicht lernen durfte. „Zur Integration gehört auch, dass wir hier ein Bewusstsein dafür entwickeln, aus welchen Lebensbedingungen die Flüchtlinge kommen und nicht den Kopf schütteln, wenn Flüchtlingsfrauen nicht Rad fahren können oder sich noch unsicher fortbewegen“, sagt Gisela Kolmorgen.

„Wenn die geflüchteten Frauen sich bei uns aufs Rad setzen, werden sie das auch an ihre Töchter weitergeben“, sagt Svenja Gruber, für die das Spezialtraining die eine Seite ihrer Arbeit darstellt. Sie überlege sich natürlich auch Angebote für die Männer, beispielsweise Fußballspielen.

Shamila Usmani hat ihre Angst inzwischen ganz gut im Griff. Sie sei auf das Fahrrad angewiesen, um ihren Sohn zur Tagesmutter zu bringen, einzukaufen und sich einfach günstig und schnell in Henstedt-Ulzburg bewegen zu können. Ein Auto hat sie nicht, und mit dem Bus dauere es zu lange. „Das macht die Frauen natürlich auch selbstständiger“, sagt Svenja Gruber.

Verkehrszeichen stehen höchstens am Rande auf dem Stundenplan. Die meisten Frauen haben einen Führerschein und in ihren Herkunftsländern hinter dem Steuer gesessen. Dafür gab es ein anderes Problem: „Als mein männlicher Kollege gesehen hat, dass die Frauen den Helm auf ihr Kopftuch setzen, haben sich bei ihm die Nackenhaare gekräuselt“, sagt Gisela Kolmorgen. Doch sie hat diesen Kompromiss durchgesetzt, sonst würden die Frauen nicht aufs Rad steigen.

Die Organisatoren hoffen, wegen der großen Nachfrage ein weiteres Fahrradtraining für Flüchtlingsfrauen anbieten zu können. Doch vor Herbst wird das wohl nicht klappen, sagt Svenja Gruber. Sie informiert unter Telefon 04193/96 31 70 und per E-Mail an die Adresse svenja.gruber@h-u.de und nimmt darüber auch Anmeldungen entgegen.

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