Norderstedt
Energie

Stromtrasse soll unter der Pinnau verlaufen

Umweltminister Robert Habeck bei der Ergebniskonferenz zur Ostküstenleitung am Donnerstagabend in Bad Oldesloe

Umweltminister Robert Habeck bei der Ergebniskonferenz zur Ostküstenleitung am Donnerstagabend in Bad Oldesloe

Foto: Finn Fischer / HA

Netzbetreiber Tennet und das Land haben am Donnerstagabend ihre Erdkabel-Variante für die „Ostküstenleitung“ vorgestellt

Bad Oldesloe.  Die Gemeinde Henstedt-Ulzburg hat die Wahl ­– zwischen „Pest und Cholera“, wie es Bürgermeister Stefan Bauer sagte. Während der Ergebniskonferenz für die Bürgerdialoge zur „Ostküstenleitung“, einer 380-Kilovolt-Stromtrasse von Ostholstein bis zur Autobahn 7, haben das Energiewendeministerium und der Netzbetreiber Tennet gestern Abend in Bad Oldesloe ihre favorisierten Varianten für den Verlauf präsentiert. Im Mittelpunkt dabei: Henstedt-Ulzburg. Denn der Ort soll eine der Versuchskommunen für die Erdverkabelung im Norden werden. Ausgerechnet die Pinnauwiesen sind dazu erkoren. Dort könnten die Leitungen mit Druck durch den Boden geschossen werden, der Fachbegriff lautet „dükern“. Ein offener Kabelgraben soll nur auf Ackerböden zu sehen sein. Der Verlauf würde dann über die Usedomer Straße und die Kadener Chaussee zum Beckershof fortgeführt. Dort will Tennet ein neues Umspannwerk bauen.

Damit ist vom Tisch, dass die Erdkabel in Ulzburg-Süd unter dem Rantzauer Forst verlaufen, wo der Waldkindergarten seine Heimat hat. „Der Forst eignet sich schlecht, es müsste eine 50 Meter breite Schneise geschlagen werden, wir müssten den Wald roden“, sagte Energiewendeminister Robert Habeck (Grüne). Einen derartig drastischen Eingriff in die Natur wollen alle Beteiligten unbedingt vermeiden.

Trotzdem kann das Gebiet wieder zum Vorzugskorridor werden. Dann nämlich, wenn sich die Variante „Pinnau“ zerschlägt. Das wiederum hängt von der Gemeindepolitik ab. Denn damit eine Erdverkabelung realisiert werden kann, muss der entsprechende Bebauungsplan geändert werden. Jener Plan also, für den im November 2015 eine zweijährige Veränderungssperre beschlossen wurde. Zuvor hatte eine Bürgerinitiative einen Einwohnerentscheid erwirkt. Dieser führte dazu, dass eine großflächige Bebauung der Pinnauwiesen abgelehnt wurde. Das Gebiet gilt als beliebter Naherholungsbereich, es gibt schützenswerte Biotope.

Die Gemeindevertretung könnte mit ihrem Votum eine B-Plan-Änderung für die Pinnauniederung verhindern. Komplett unwahrscheinlich ist das nicht, die Kritik an Tennet zieht sich durch alle Fraktionen, aus allen Lagern wollen Vertreter sämtliche Hochspannungsleitungen möglichst komplett aus ihrer Gemeinde verschwinden lassen. Ein Paradigmenwechsel sei diese Entscheidungsfindung nicht, sagte Robert Habeck. „Durch die kommunale Sondersituation hat die Gemeinde eine formale Verhinderungsmöglichkeit. Aber das würde nicht verhindern, dass die Leitung gebaut wird.“

Denn in Ulzburg-Süd könnte dann die Bestandstrasse, eine 220-Kilovolt-Leitung, wieder die Primär-Option werden. Nicht als Erdkabel, sondern wie gehabt als Überlandleitung. „Hen-stedt-Ulzburg ist der schwierigste Ort, er kann nicht umgangen werden, ohne auf ein anderes Gebiet zu stoßen, das genauso dicht besiedelt ist oder das andere Kriterien hat“, sagte Robert Habeck. „Ich rate sehr, die Option Erdkabel anzunehmen, ich halte die Freileitungsoption für die deutlich schlechtere.“

Bürgermeister Bauer sieht Hen-stedt-Ulzburg als Verlierer. „Sie können keine Dankbarkeit erwarten“, sagte er gerichtet an Habeck. Die Gemeinde will trotzdem weiter nach alternativen Trassenverläufen suchen. Bauer wartet nun auf die detaillierten Untersuchungen der Tennet. „Und wenn die qualifizierte Prüfung der Tennet zu dem Ergebnis kommt, es geht, dann müssen wir eine Abwägung treffen.“ Sollte doch wieder eine Freileitung in Ulzburg-Süd forciert werden, sei der Klageweg immer noch eine Möglichkeit.

Ein zweites Erdkabelprojekt ist für Kisdorferwohld vorgesehen. Dort sind sowohl landwirtschaftliche Gebiete als auch Siedlungen betroffen, auch dort regt sich Widerstand, es hat sich mittlerweile eine Bürgerinitiative formiert. Weitere Prüfgebiete (Oering, Borstel) wurden dafür verworfen. Till Klages, Projektleiter bei der Tennet, kündigte weitere reguläre Veranstaltungen in der Region an. Die informelle Phase ist allerdings vorbei. Das Planfeststellungsverfahren wird nun vorbereitet, es soll 2017 durchgeführt werden. Dann werden Gemeinden und Bürger formal die Möglichkeit haben, Stellung zu nehmen.