Norderstedt
Norderstedt

Der ehemalige Zeuge muss ins Gefängnis

Der Angeklagte gab an, er sei „voll mit Drogen“ gewesen

Der Angeklagte gab an, er sei „voll mit Drogen“ gewesen

Foto: Michael Rauhe

In der U-Bahn war der 33-Jährige mit einem Messer auf seine Kontrahenten losgegangen. Die beiden wurden freigesprochen, er verurteilt.

Norderstedt.  Innerhalb einer Woche saß Amir S. gleich zweimal vor Amtsrichter Jan Buchert. Im ersten Prozess machte der 33-jährige von einem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch, um sich nicht selbst zu belasten (das Abendblatt berichtete). Beim „Wiedersehen“ im zweiten Prozess ging die juristische Aufarbeitung mit vertauschten Rollen weiter: Die Angeklagten aus Prozess Nummer eins waren jetzt Zeugen, Amir S. diesmal der Angeklagte. In beiden Fällen lautete die Anklage gefährliche Körperverletzung.

Anlass der staatsanwaltlichen Ermittlungsarbeit war eine blutige Prügelei in den frühen Morgenstunden am 1. Mai 2014 im U-Bahnhof Norderstedt-Mitte. Damals geriet Amir S. mit Lars B. und Martin L. in einen Streit, bei dem sich die Kontrahenten mit Fäusten und Tritten traktierten und Amir plötzlich mit einem gezogenen Messer auf die Männer losging. Trotz des Aufmarsches einiger Zeugen blieb im ersten Prozess im Dunkeln, wer bei der Auseinandersetzung zweifelsfrei Täter oder Opfer oder sogar beides war. Deshalb wurde das Verfahren gegen beide Angeklagten in der vorigen Woche wegen geringer Schuld eingestellt.

In der juristischen Neuauflage der blutigen Auseinandersetzung räumte der Angeklagte Amir S. seine Schuld sofort ein. „Ich war damals“, berichtete er, „voll mit Drogen“. Außerdem hatte er reichlich Alkoholisches konsumiert. Weshalb es zum Streit mit Lars B. und Martin L. kam, wisse er nicht mehr. Erst flogen wüste Beschimpfungen hin und her, dann die Fäuste. Außerdem attackierten sich die Streithähne mit Fußtritten. Er habe panische Angst bekommen und dann aus purer Verzweiflung zu seinem Messer gegriffen. Mehrmals habe er dann auf den Brustkorb von Lars B. eingestochen. „Ein totaler Blackout von mir“, sagte Amir S. über die Gewalttat. „Es tut mir alles leid. Ich entschuldige mich.“

Von einem „Blackout“ bei der wilden Prügelei sprach auch der Zeuge Lars B. Dreimal war der 23-Jährige vom Messer des Angeklagten getroffen worden. Im Krankenhaus musste er medizinisch versorgt werden. Zurückgeblieben seien glücklicherweise nur ein paar Narben. Wie im ersten Prozess stellte sich Lars B. auch bei seiner Zeugenaussage als Opfer des Messerstechers da, obwohl andere Zeugen schilderten, dass Lars B. den Angeklagten ganz übel traktiert hatte. Für Lars B. sei dies „eine Art Notwehr“ gewesen. Über zwei Jahre nach dem Vorfall wisse er keine Details mehr. Sein Blutalkoholwert zur Tatzeit: 1,6 Promille. Auch der Zeuge Martin L. wiederholte wie im ersten Prozess seine erheblichen Erinnerungslücken.

Täter muss zehn Monate in Haft

In der Beweisaufnahme wurde schnell das erhebliche Suchtproblem des Angeklagten deutlich. Seit Jahren abgefüllt mit wechselnden Drogen-Cocktails, bekam Amir Z. sein Leben bislang nicht in den Griff. Eine Tochter von ihm lebt bei der Kindesmutter in der Ukraine. 8000 Euro Schulden hat der 33-Jährige angehäuft. Eine Therapie vor drei Jahren scheiterte. Insgesamt 14 Vorstrafen, fast ausnahmslos Diebstähle, erkannte das Amtsgericht als Beschaffungskriminalität. Das Amtsgericht verurteilte Amir Z. wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe von zehn Monaten ohne Bewährung.