Norderstedt
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Sie fassen niemals wieder Zigaretten an

Holger Tagge (links) und Horst Wierig haben es geschafft: sie rauchen nicht mehr

Holger Tagge (links) und Horst Wierig haben es geschafft: sie rauchen nicht mehr

Foto: Michael Schick

Fünf Männer und eine Frau haben den Rauchfrei-Kursus der ATS Suchtberatungsstelle in Norderstedt mit Erfolg absolviert.

Norderstedt.  Er fasst keine Zigarette mehr an, auch nicht, um sie fürs Foto zu zerstören und zu symbolisieren, was er geschafft hat. Holger Tagge raucht nicht mehr. Von 20 auf Null hat der 50-Jährige den Konsum gedreht. Nicht ohne fremde Hilfe. Der Norderstedter hat einen Rauchfrei-Kursus der ATS Suchtberatungsstelle in Norderstedt besucht.

Sechs Männer und zwei Frauen haben versucht zu beherzigen, was ihnen Kursleiterin Astrid Mehrer mit auf den Weg in ein Leben ohne blauen Dunst gegeben hat. Und das waren vor allem viele alltagstaugliche Kniffe, die den Teilnehmern bewusst gemacht haben, wann und warum sie zur Zigarette greifen – ein Konzept, das aufging: Sechs rauchen nicht mehr, zwei haben ihren Konsum deutlich reduziert.

58 Jahre währte die Raucherkarriere von Horst Wierig, mit 76 Senior im Feld der künftigen Verweigerer. 20 Stück pro Tag zündete sich der Norderstedter, das war auch die tägliche Dosis von Holger Tagge. „Doch irgendwann hat mir die Zigarette nicht mehr geschmeckt“, sagt er. Er hat sich eine angesteckt und nach der Hälfte wieder ausgedrückt, und das mehrmals am Tag. Bis der Entschluss gereift war aufzuhören. Wierig machte die Gesundheit zu schaffen, auch er wollte Schluss machen mit dem Laster. „Der Wille zum Verzicht ist Voraussetzung für den Erfolg“, sagt Astrid Mehrer, Sozialpädagogin und zertifizierte Trainerin für das Rauchfrei-Programm.

Das Institut für Therapieforschung in München hat das Programm zusammen mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung entwickelt. „Die Methode hat sich bewährt. Seriöse Studien zeigen, dass mehr als 30 Prozent der Teilnehmer auch nach einem Jahr noch nicht wieder rauchen“, sagt die Kursleiterin, die sich mit den Teilnehmern auf den sechswöchigen Entwöhnungsweg gemacht hat.

Immer mittwochs traf sich die Gruppe in den Räumen der ATS Suchtberatung an der Ecke Kohfurth/Garstedter Feldstraße. Da gab es solide Informationen von Astrid Mehrer, warum und wie Nikotin die Gesundheit schädigt. Der Schadstoff erhöht das Risiko für Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen oder Krebs. Die Mundgesundheit wird durch das Giftgemisch im Tabakrauch beeinträchtigt. Rauchende Frauen nach der Menopause leiden zudem häufiger unter Osteoporose, bei Männern kann Rauchen die Potenz schwächen. Innerhalb kurzer Zeit kann sich eine körperliche Abhängigkeit entwickeln.

„Nikotin ist das am schnellsten wirkende Suchtmittel. Der Raucher fühlt sich entspannt, andere meinen, sich besser konzentrieren und aktiver sein zu können“, sagt Astrid Mehrer. Die Zigarette fungiere auch als Kontaktmittel, um mit anderen ins Gespräch zu kommen. Und: Rauchen strukturiert den Alltag: die Zigarette nach dem Essen, nach der Arbeit, am Feierabend, zur Belohnung.

Gespielt wurde auch, Engel und Teufel zum Beispiel. „Ich war Teufel und musste einen Engel davon überzeugen, weiter zu rauchen, obwohl ich das gar nicht wollte. Das war richtig unangenehm“, sagt Tagge. Wierig fühlte sich durch den Kalender für die ersten 100 Tage sehr motiviert. Für jeden Tag gab es einen Kalenderspruch samt Karikatur: „Der Kopf braucht kein Nikotin, sondern Sauerstoff zum Denken. Führen sie ihren Kopf ruhig mal spazieren“, hieß es da. Oder: „Juchhu! Ihre Koronararterien atmen befreiter auf und können sich bald wieder von Herzen freuen.“

Immer, wenn sie zur Zigarette greifen wollten, stießen die Raucher auf die Karte in der Zigarettenschachtel, die Astrid Mehrer ihnen in die Hand gedrückt hatte. Die Teilnehmer mussten ankreuzen, wie nötig die Zigarette gerade in diesem Moment ist. Die Ampel gab Orientierung, rot für unverzichtbar, gelb für eventuell verzichtbar, grün für eigentlich unnötig.

„Das habe ich einen Abend durchexerziert. Dann habe ich die Schachtel vernichtet, von da an war klar: Das war’s“, sagt Tagge. Er hatte den Höhepunkt des Kurses schon vorweggenommen: Am dritten Abend hieß es Rauchstopp. Die Raucherkarriere endete mit einem Ritual: „Wir sind gemeinsam vor die Tür gegangen, und haben eine letzte Zigarette geraucht, ich zwar nicht, aber die anderen“, sagt Tagge.

Er und Wierig haben ihre Gewohnheiten geändert. Abends kein Bier oder Wein, wozu die Zigarette besonders gut schmeckt, sondern Tee oder Mineralwasser. Morgens später aufstehen und die erste Zigarette schon mal verschlafen. „Man sollte aber bei aller Freude über den Erfolg nicht verschweigen, dass die Entwöhnung ganz schön hart ist“, sagt Wierig. Er musste gegen die erste Zigarette nach dem Morgenkaffee richtig ankämpfen, hatte Schweißausbrüche. Tagge genießt die neu gewonnene Freiheit, den Abschied von der Abhängigkeit.

„Wenn ich unterwegs war, musste ich immer gucken, ob die Packung noch reicht, oder ob ich noch zur Tanke fahren und Nachschub holen muss.“ Für beide steht auch fest: Ohne die Gruppe hätten sie es nicht geschafft. Die Männer und Frauen haben sich von Anfang an gut verstanden. Schadenfreude oder Häme, wenn einer oder eine rückfällig geworden war, gab es nicht, sondern Verständnis und Aufbauhilfe für die Willensstärke. „Wir konnten immer ehrlich sein, die anderen haben uns aufgefangen“, sagt Tagge.

Horst D. ist einer, der den Komplettverzicht nicht geschafft hat, noch nicht. „Ich hatte während der Zeit andere Probleme, und da hat mir einfach die Kraft gefehlt“, sagt der Norderstedter, der aber nun nur zehn statt bis dahin 50 Zigaretten am Tag raucht und den Ehrgeiz hat, Tagges und Wierigs Beispiel zu folgen.

Die beiden fühlen sich inzwischen pudelwohl. Wierig freut sich über mehr Geld. „Bei einer Schachtel pro Tag kommen in 100 Tagen ohne 600 Euro zusammen. Ich warte noch ein bisschen, dann fahre ich mit meiner Frau nach Sylt und haue das Geld auf den Kopp“, sagt der Ex-Raucher.