Norderstedt
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Zahl ankommender Flüchtlinge sinkt deutlich

Insgesamt leben derzeit 900 Flüchtlinge in Norderstedt

Insgesamt leben derzeit 900 Flüchtlinge in Norderstedt

Foto: Boris Roessler / dpa

Statt der angekündigten etwa 1400 Menschen werden im Jahr 2016 wahrscheinlich nicht mehr als 700 Flüchtlunge nach Norderstedt kommen.

Norderstedt.  Mit 1390 neuen Flüchtlingen rechnete die Stadt Norderstedt bisher für das Jahr 2016. Doch diese Zahl ist wohl nicht mehr realistisch. „Ich rechne damit, dass Norderstedt in diesem Jahr etwa so viele Menschen aus Krisengebieten aufnehmen wird wie im vergangenen Jahr“, sagt Sozialdezernentin Anette Reinders.

2015 hatte die Stadt Norderstedt 625 Flüchtlinge aufgenommen. In diesem Jahr kamen bis heute 256 Menschen dazu, allerdings haben auch 66 Flüchtlinge die Stadt wieder verlassen – entweder, weil sie abgeschoben wurden, als anerkannte Asylbewerber den Standort wechselten oder für sich in Deutschland keine Perspektive sahen und wieder in ihre Heimatländer zurückkehrten. Insbesondere Iraker und Iraner sind unter diesen Rückkehrern. Insgesamt leben derzeit um die 900 Flüchtlinge in der Stadt. Sie stammen hauptsächlich aus Syrien, danach folgen die Herkunftsländer Afghanistan, Albanien und Eritrea. Mehr als zwei Drittel der Asylsuchenden sind jünger als 30 Jahre.

In gesamten Land Schleswig-Holstein kamen im Mai gerade noch 336 Flüchtlinge an (Vorjahresmonat 1145). Die Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes laufen leer, entsprechend müssen auch weniger Menschen auf die Kreise und Kommunen umverteilt werden. Die mit 2000 Plätzen größte Erstaufnahme des Landes in Boostedt wird von gerade mal 104 Flüchtlingen bewohnt, eine Auslastung von fünf Prozent. In der Kaserne Putlos (1440 Plätze) leben derzeit sogar nur neun Menschen (ein Prozent Auslastung), in Neumünster (1300 Plätze) leben immerhin noch 435 Flüchtlinge.

Für Sozialdezernentin Anette Reinders macht es in der Planung einen großen Unterschied, ob sie 2016 mit 1390 oder nur etwa 700 Flüchtlingen umgehen muss. „Aber von einer Entspannung der Situation möchte ich so nicht sprechen.“ Unter den 256 neu aufgenommenen Menschen seien 100 Kinder gewesen. Der lange erwartete Familiennachzug der in Norderstedt lebenden Familienväter unter den Flüchtlingen ist angekommen. Die Zunahme an Familien in den Unterkünften der Stadt ist eine weitere Herausforderung. Das Abflauen der Flüchtlingsströme gibt der Stadt allerdings die Möglichkeit zu reagieren. Die neuen, für Familien geeigneten Unterkünfte sind bald bezugsfertig: Etwa die Unterkunft am Wilden Moor (60 Plätze), die neuen Häuser am Buchenweg (100 Plätze) oder neben dem Müllberg an der Oadby-and-Wigston-Straße (200 Plätze). Fertig ist auch die Unterkunft beim Feuerwehrtechnischen Zentrum am Schützenwall (60 Plätze), im Juli ist die Unterkunft an der Ulzburger Straße bereit (40 Plätze), die Häuser am Friedrichsgaber Weg (100 Plätze), an der Friedrich-Ebert-Straße (40 Plätze) und am Niewisch (20 Plätze) sollen bis Herbst zur Verfügung stehen.

Weitere Neubauten sind derzeit nicht geplant. Über etwa 1800 Plätze verfügt die Stadt dann insgesamt. „Die momentane Situation erlaubt es uns, drei abgängige Häuser am Buchenweg abzureißen. Außerdem haben wir unzureichende Unterkünfte abgeschafft, etwa in einem Vereinshaus in Friedrichsgabe oder in der Feuerwache Glashütte“, sagt Reinders. Auch der Verlust einiger bei der Genossenschaft Adlershorst angemieteter Wohnungen am Harksheider Markt im Juli lässt sich mit den vorhandenen Kapazitäten auffangen. „Ich denke, wir sind jetzt gut davor und müssen nicht handeln“, sagt Reinders. „Aber ich mache mir nichts vor: Die Menschen werden neue Fluchtrouten finden. Und dann werden die Zahlen wieder steigen.“

Bis heute ist auch noch kein einziger der vom Land avisierten 63 unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (umA) in Norderstedt angekommen. Die Stadt hat für die jungen Asylsuchenden, die sich ohne Eltern durchgeschlagen haben, eigens das ehemalige Frauenhaus an der Alten Landstraße umgebaut und mit einem Team des SOS Kinderdorfes Harksheide einen Betreuervertrag abgeschlossen. Nun wohnt nicht ein einziger sogenannter umA an der Alten Landstraße.

Das Land Schleswig-Holstein hat laut Reinders schon insgesamt mehr als genug der Jugendlichen aufgenommen. Andere Bundesländer dagegen haben ihre Quoten erst zur Hälfte erfüllt. Deswegen landen die Jugendlichen nun nicht mehr im hohen Norden. Doch die Kosten für das Betreuungsteam in Norderstedt fallen trotzdem an. Die Sozialarbeiter kümmern sich alternativ um die begleiteten umA – das sind Minderjährige, die in Norderstedt mit einem Onkel oder den Geschwistern ankamen. An die 100 dieser Kinder und Jugendlichen gibt es derzeit in der Stadt. „Das SOS-Team übernimmt das sogenannte Clearing, prüft also, ob die Kinder im geeigneten Umfeld leben, ob die Verwandten für die Erziehung infrage kommen“, sagt Reinders.

600.000 Euro an Betreuungskosten muss die Stadt schultern. Bezahlt werden diese Summen durch die Fallpauschalen, die Norderstedt für jeden Flüchtlingen vom Land bekommt. 2000 Euro sind das derzeit. Doch da abzusehen ist, dass Integrationsmaßnahmen länger dauern als nur ein oder zwei Jahre, könnten die Mittel knapp werden, wenn gleichzeitig die Flüchtlingsströme nachlassen. Je mehr sich also die Flüchtlingssituation entspannt, desto wahrscheinlicher ist es, dass Norderstedt auf Kosten für die Flüchtlingsbetreuung sitzen bleibt.