Norderstedt
Henstedt-Ulzburg

Im Alter leiden die Kriegskinder noch immer

Autorin Susanne Bode bei der Lesung in Henstedt-Ulzburg

Autorin Susanne Bode bei der Lesung in Henstedt-Ulzburg

Foto: Susanne Nähr / HA

Die Journalistin und Autorin Sabine Bode stellte in Henstedt-Ulzburg vor ausverkauftem Haus ihr Buch „Die vergessene Generation“ vor.

Henstedt-Ulzburg.  Bereits seit Wochen waren die Eintrittskarten ausverkauft, riesig das Interesse an der Lesung der bekannten Journalistin und Buchautorin Sabine Bode. „Die vergessene Generation“, so lautet der Titel ihres Buches, das vorgestellt wurde. Es handelt von den Kriegskindern, die in den Jahren 1939 bis 1945 zur Welt kamen. Seit zwanzig Jahren beschäftigt die Autorin dieses Thema, Anlass war der Bosnienkrieg. Schon damals begann sie sich zu fragen, wie es deutschen Kriegskindern ergangen war, wie die Kindheit in den Kriegsjahren sie geprägt haben.

1995 bestand dafür kaum öffentliches Interesse, in den folgenden Jahren sorgte Sabine Bode dafür, dass sich das änderte. Sie begann, Zeitzeugen nach ihren persönlichen Kriegsfolgen zu befragen, musste aber rasch feststellen, dass nur wenige Menschen bereit waren, Antworten zu geben. Literatur oder andere Unterlagen fand sie nirgends. Als 2004 ihr Buch „Die vergessene Generation“ erschien, waren Spätfolgen des Krieges noch nicht erforscht. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass acht bis zehn Prozent der heutigen Rentner unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Ein Drittel der Kriegskinder hat sich nicht von den Kriegsschrecken erholt. Die Folgen, das hat Sabine Bode herausgefunden, sind vielfältig.

Sie sammelte Geschichten von Menschen, die sie in ihrem Buch vorstellt. Menschen aus ihrer Nachbarschaft, Menschen, die sie im Zug ansprach. Ein 75-jähriger Mann gestand der Autorin: „Das Schlimme ist, man weiß nicht, dass man traumatisiert ist.“ Eine Verarbeitung der Kindheitserlebnisse ist aber nur möglich, wenn ein Bewusstsein vorhanden ist. Das zeigte sich denn auch in der Fragestunde, die sich an die Lesung anschloss. Der Herr in der zweiten Reihe berichtete über die Bombennächte, über Hunger und Mundraub. Er habe das alles ohne psychische Probleme überstanden, seine Offenheit hat ihm dabei sicher geholfen. Eine Frau erzählte von den Schrecken, die ihr ein Feuerwerk einmal bereitete, erst da konnte sie mit ihren Kindern über ihre Erlebnisse sprechen. Sabine Bode zitierte William Faulkner: „Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“ Kritik übte sie an Politik und Kirche, die es nach ihren Worten bis heute nicht fertiggebracht habe, Leiden und Leistung der Kriegskinder anzuerkennen.

Schon wächst in unserem Land eine große Zahl neuer Kriegskinder heran. Bleibt zu hoffen, dass sie es leichter haben werden.