Norderstedt
Kreis Segeberg

Sie helfen Opfern von Straftaten und Gewalt

Der Weiße Ring hilft den Opfern von Straftaten und Gewalt

Der Weiße Ring hilft den Opfern von Straftaten und Gewalt

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Opferschutzorganisation Weißer Ring wurde vor 40 Jahren gegründet. Die Ehrenamtlichen suchen im Kreis Segeberg Helfer und Spender.

Kreis Segeberg.  Den Druck auf seine linke und die rechte Hand wird Wolfgang Schürer nie vergessen. Die Trauergemeinde hatte sich in einer Kapelle versammelt, um Abschied von einer 20-jährigen Frau zu nehmen. Links von Schürer saß der Vater des Opfers, rechts der Vater des Mörders. Beide leben mit ihren Familien im selben Ort. Vor dem Sarg nahmen sie – aufs höchste angespannt – die Hand ihres Nebenmanns, drückten zu, suchten Halt und gleichzeitig Distanz von jeweils anderen Vater. Der Mord hatte zwei Familien auf schreckliche Weise entzweit, die zuvor befreundet gewesen waren.

„So eine Situationen habe ich noch nie erlebt, aber das gehört zu unseren Aufgaben“, sagt Schürer, wenn er an die Szene in der Trauerkapelle vor drei Jahren zurückdenkt. Der 73-jährige leitet seit 2010 die Außenstelle Kreis Segeberg der Opferschutzorganisation Weißer Ring, die in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen feiert.

Er und seine Unterstützer helfen, wenn Menschen nach Straftaten Hilfe brauchen – manchmal geht es um Geld, manchmal um das Halten einer Hand oder eine Unterstützung für einen Fall, auf den niemand vorbereitet ist: Im vergangenen Jahr hat der Bramstedter für eine Familie einen Tatortreiniger engagiert, der das Blut der erstochenen Mutter in der Wohnung beseitigte. „Das kann nur ein Fachmann“, sagt Schürer. „Davon gibt es nicht viele.“

Opferhelfer heißen beim Weißen Ring die Unterstützer offiziell. 17 gehören zum Team der Organisation im Kreis Segeberg. Dazu zählen zum Beispiel Anwälte und pensionierte Polizisten. Schürer war bis zu einem Ruhestand Informatiker.

Bevor ein Helfer Opfer betreuen darf, prüft der Ring die Voraussetzungen penibel. Er muss ein makelloses erweitertes Führungszeugnis vorlegen, Lehrgänge absolvieren und einen erfahrenen Helfer – dem sogenannten Bärenführer – bei mehreren Fällen begleiten. „Das ist ein Test für uns und für ihn“, sagt Schürer, der sich über neue Helfer in seinem Team freuen würde. Geld gibt es beim Weißen Ring dafür nicht. „Wir arbeiten alle ehrenamtlich“, sagt Schürer.

Als der Gründer der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY...ungelöst“, Eduard Zimmermann, vor 40 Jahren den Weißen Ring gründete, war das Motiv klar: Irgendjemand muss sich um die Opfer kümmern, die nach einer Straftat häufig hilflos und allein dastehen. Daran hat sich bis heute nichts geändert, der Bedarf ist weiterhin groß. 2015 wurden Schürer und seine Leute 137-mal um Hilfe gebeten. Darunter waren ein Tötungsdelikt, 32 Sexualverbrechen, 34 Körperverletzungen, 15 Raube und diverse andere Straftaten, die ein Opfer zurückgelassen haben. In diesem Jahr sind es schon jetzt insgesamt 53 Fälle. Den ersten Kontakt zwischen Opfer und Helfern stellt meistens die Polizei her. Andere Opfer machen den Weißen Ring übers Internet ausfindig. Alle müssen sich zunächst bei Wolfgang Schürer melden.

„Ich höre erst einmal lange zu“, sagt er. Was ist passiert? Welcher Schaden ist entstanden? Kann der Weiße Ring helfen? Diese Fragen klärt der Ring-Vorsitzende, der eine Regel aufgestellt hat: Bittet ein Opfer um Unterstützung, muss sich ein Opferhelfer binnen 24 Stunden melden.

Manchmal geht es auch schneller. So wie bei der Frau, der die Handtasche mit dem gesamten Geld des Monats für Einkäufe gestohlen wurde. Damit sie Lebensmittel für ihre Familie besorgen konnte, half der Ring aus.

Andere Hilfen sind auf längere Zeit angelegt. Immer wieder meldete sich eine Frau aus Henstedt-Ulzburg, weil regelmäßig die Reifen ihres Kleinwagens zerstochen wurden. Wer der Täter war, blieb rätselhaft. Auch eine Videoüberwachung des Autos, die der Weiße Ring finanzierte, führt nicht auf die Spur des Unbekannten. Die Polizei kam mit ihren Ermittlungen nicht weiter. Lösen konnte der Ring die Probleme nicht: Er bezahlte der Frau neue Reifen, bevor sie fortzog.

Einige Verbrechensopfer sind auf die guten Kontakte von Schürer und seinen Unterstützern angewiesen. Kurzfristig gelang es ihm, in einer psychosomatischen Klinik Therapiestunden für eine Frau zu organisieren, die einen Einbruch in ihre Wohnung nicht verkraftet hatte. Die Täter hatten nicht nur Wertgegenstände gestohlen, sondern sämtliche Räume unter Wasser gesetzt. Schürer: „Die Frau war fertig mit den Nerven.

Oft muss sich Schürer die Frage stellen lassen, warum er sich in seinem Ruhestand freiwillig mit Tod, Leid und Hilflosigkeit beschäftigt. „Die Antwort ist einfach“, sagt der 73-Jährige. „Ich bin möchte etwas Positives für die Gesellschaft leisten.“

Doch ohne Unterstützung von außen funktioniert der ehrenamtliche Job nicht. „Wir freuen uns über neue Helfer“, sagt Schürer. „Außerdem sind wir auf Spenden angewiesen.“