Norderstedt
Rohlstorf

Diese Explosion bleibt weiterhin ein Rätsel

Bis heute rätseln Fachleute, warum der Ford Focus des  53-jährigen Mannes explodierte und völlig zerstört wurde

Bis heute rätseln Fachleute, warum der Ford Focus des 53-jährigen Mannes explodierte und völlig zerstört wurde

Foto: rtn

Zwei Jahre nach Unglück von Rohlstorf dauert juristische Aufarbeitung an. Wer ist dafür verantwortlich, dass der Gastank explodierte?

Rohlstorf.  Ein gellender Pfeifton, eine Explosion, unerträgliche Hitze – Stephan Kuhn wird diese Sekunden in seinem Leben nie vergessen. Zunächst sah alles nach einem Routineeinsatz aus: Mit seinen Kameraden war der freiwillige Feuerwehrmann aus Rohlstorf alarmiert worden, um ein brennendes Auto zu löschen. Was die Männer nicht ahnten: Der Ford Focus wurde mit Gas betrieben. Kaum hatte die kleine Feuerwehr mit den Löscharbeiten begonnen, explodierte das Fahrzeug. Flammen und Hitze verletzten Kuhn und neun Feuerwehrleute, der Fahrer des Autos starb.

Das war am 15. August 2014. Doch auch knapp zwei Jahre nach dem Unglück dauert die juristische Aufarbeitung an. Dabei steht eine Frage im Mittelpunkt: Wer ist dafür verantwortlich, dass der Gastank explodierte? Nur mühsam kommt der Münchener Rechtsanwalt Rainer Bopp mit seinen Recherchen voran. Er vertritt die Witwe des 53 Jahre alten Fahrers und die zehn Feuerwehrleute. Er kämpft sich durch die technischen Unterlagen durch. Ob der Jurist jemals für seine Mandanten Ansprüche auf Schadenersatz einfordern kann, ist noch offen. „Das hängt von den technischen Unterlagen ab“, sagt Bopp. Und die müssen erst einmal aufwendig ausgewertet und übersetzt werden. Erst dann kann der Gutachter prüfen, ob Mängel bei der Konstruktion oder beim Einbau des Tanks zu dem Unglück geführt haben.

Das wäre die zivilrechtliche Seite der juristischen Aufarbeitung. Der Jurist will auch nicht ausschließen, dass er erneut einen Vorstoß versucht, die Explosion strafrechtlich untersuchen zu lassen. Dabei ginge es weniger um die finanziellen Ansprüche seiner Mandanten, sondern um die Frage nach der Schuld.

Das erste Ermittlungsverfahren hatte die Staatsanwaltschaft Kiel im Februar 2015 eingestellt, weil sich kein Schuldiger finden ließ. Gutachter des Dekra und des Bundesinstituts für Materialforschung hatten zwar Mängel an dem Auto festgestellt, das nur einen Tag vor dem Unfall während der Hauptuntersuchung beim Dekra inspiziert worden war.

Doch den Spezialisten gelang es nicht, den Ablauf des Unfalls zu rekonstruieren. Von dem Fahrzeug blieb so wenig übrig, dass die Untersuchungen ohne Ergebnis verliefen. Bis heute ist nicht einmal geklärt, warum der Fahrer gegen den Baum fuhr und damit die Katastrophe auslöste. Möglicherweise war er abgelenkt oder eingenickt. Ob er bei dem Aufprall starb, ob ihn das Feuer tötete oder erst die Explosion, ist ebenfalls ungewiss. Eine Obduktion des verkohlten Leichnams führte in der Rechtsmedizin ebenfalls zu keinem Ergebnis. Die Ermittler der Kripo schließen nach ihren Recherchen lediglich aus, dass der Fahrer mit Absicht gegen den Baum fuhr, um sich umzubringen.

Gastank würde einen Brand standhalten

Fest steht bislang nur, dass ein verstopftes Ventil Auslöser für die Explosion des Gastanks war. Das hatte bereits wenige Wochen nach dem Unglück ein Dekra-Gutachten ergeben, das die Kriminalpolizei in Auftrag gegeben hatte. Die Experten des Dekra kamen zu dem Ergebnis, dass der Ford Focus mit einer Aufprallgeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern gegen den Baum gefahren war.

Durch die Kollision mit dem Baum sei Bremsflüssigkeit und Getriebeöl ausgetreten. Aufgrund der starken Deformation des Fahrzeugs habe sich dieses Gemisch an heißen Bauteilen des Motors entzündet. Der Gastank würde normalerweise einem Brand standhalten, denn ein Überdruckventil gleicht den Druckanstieg aus. „Doch vor dem Ventil ist ein Schlauch. Und in diesem konnten die Experten Kautschuk-Ablagerungen feststellen“, hatte Polizeisprecherin Silke Westphal im August 2014 mitgeteilt.

Ob die Ablagerungen sich durch den Aufprall oder durch schleichende Ablösung dort angesammelt hatten, konnten die Experten nicht sagen. Auf jeden Fall sorgten die Kautschuk-Reste dafür, dass es zur Explosion des Gastanks kam.

Diesen Ablauf bezweifelt Peter Ziegler, der für den Rechtsanwalt aus München als Sachverständiger arbeitet. Er ist Chef des Bundesverbandes Freier Gastankstellen und sagt: „Die Aussagen der Polizeisprecherin sind nicht schlüssig.“ Er glaubt nicht an die Version des verstopften Ventils und behauptet, das Fahrzeug sei insgesamt in einem schlechten Zustand gewesen. Ein Unglück wie in Rohlstorf könne sich jederzeit in Deutschland wiederholen. Zu seiner Version der Abläufe werde er sich jedoch noch nicht äußern, sagte Ziegler. Er stehe in engem Kontakt mit den Feuerwehrleuten der Gemeinde.

Sie wollen öffentlich nicht mehr über den 15. August 2014 sprechen, der um 8.20 Uhr mit einem Routineeinsatz begann und mit einer verheerenden Explosion endete. Die Wehr hatte Stephan Kuhn nach seiner Genesung zum Feuerwehrchef der kleinen Gemeinde gewählt. Ehrenamtlich sorgt er für den Brandschutz in seinem Dorf, hauptamtlich arbeitet er bei der Berufsfeuerwehr in Hamburg. „Wir wollen zur Ruhe kommen, dafür bitten wir um Verständnis“, sagt Stephan Kuhn.