Norderstedt
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Recyclinghof-Prozess: Suche nach der Wahrheit

Der Recyclinghof Norderstedt an der Oststraße:

Der Recyclinghof Norderstedt an der Oststraße:

Foto: Andreas Burgmayer / HA

Beim Angeklagten wird viel Bargeld gefunden. Doch das will der 40-Jährige mit der Zucht teurer Katzen verdient haben. Wer lügt?

Norderstedt.  In diesem Wirtschaftskrimi kennt jeder Norderstedter die Protagonisten. Wer mal Gartenabfälle, Restmüll, Bauschutt, das alte Sofa, getrocknete Farben oder abgelaufene Medikamente auf dem Recyclinghof Norderstedt an der Oststraße abgegeben hat, der wurde von ihnen bedient. Man kennt ihre Gesichter, auch von den fröhlichen Fotos auf den Werbemitteln des Entsorgungsbetriebes, den der Wege-Zweckverband (WZV) in Bad Segeberg gemeinsam mit dem Betriebsamt der Stadt Norderstedt führt.

Doch mit lustig ist Schluss an der Oststraße. Seit zwei Wochen treffen sich die Kollegen nicht mehr nur auf dem Recyclinghof, sondern auch vor Amtsrichter Matthias Lohmann im Norderstedter Amtsgericht. Einer der WZV-Angestellten, ein 56-jähriger Umwelttechniker, beschuldigt seinen Vorgesetzten, den 40-jährigen Leiter des Recyclinghofes, insgesamt über 30.000 Euro aus der Kasse gestohlen zu haben. Ein Vorwurf, der die Existenz eines Menschen zerstören kann – desjenigen, auf den der Vorwurf zutrifft oder desjenigen, der ihn zu Unrecht erhebt.

Auch nach dem zweiten Prozesstag am Dienstag bleibt nach wie vor unklar, bei der Entwicklung welcher menschlichen Tragödie die Öffentlichkeit hier Zeuge sein darf: die des 40 Jahre alten Angeklagten oder die des 56-jährigen Kollegen und Kronzeugen.

Der Angeklagte schweigt zu allen Vorwürfen. Sein Verteidiger hingegen redet umso mehr. Bislang ist der Prozess die One-Man-Show des Kieler Anwalts Gerald Goecke, dessen offensive Verteidigung seines Mandanten nur ein Ziel kennt: So viele Rechtszweifel an den Aussagen des 56-jährigen Zeugen zu säen, dass am Ende kein belastbares Urteil für Richter Lohmann möglich ist. Die von Goecke über Stunden geführte Befragung des Zeugen nahm fast die komplette bisherige Prozessdauer ein. Und sie bestand im Wesentlichen aus dem Ansatz, das Selbstbildnis des Zeugen zu zerstören, wonach dieser ein verantwortungsbewusster Whistleblower in Sorge um den WZV ist.

Der 56-Jährige hatte ausgesagt, dass sein Vorgesetzter regelmäßig Geld aus der Kasse abgezweigt und das mit gefälschten Stornierungen verschleiert habe. Beweisen könne er das mit etwa 50 Storno-Belegen, die er 2014 über sieben Monate immer wieder zusammengeknüllt im Papierkorb des Recyclinghofes fand. Und mit Kassenauszügen, die er ohne Wissen des Vorgesetzten vor dem Kassensturz ausdruckte. Aus Verzweiflung über die Ungeheuerlichkeit seiner Vorwürfe habe er sich nicht getraut, sich intern zu offenbaren, sondern schließlich den Anti-Korruptionsbeauftragten Schleswig-Holsteins, Wolfgang Pistol, anonym kontaktierte. Der schaltete die Staatsanwaltschaft ein, und die Dinge nahmen ihren strafrechtlichen Lauf.

Nun liegen die vermeintlichen Fakten auf dem Tisch, und Anwalt Gerald Goecke filetierte sie in zeitweise Nerven strapazierender Akribie. „Zu nerven, ist mein Job“, sagt Goecke.

Beim 56-jährigen Zeugen gelang dies insofern, als dieser sich zunehmend in Widersprüche verstrickte oder sich an die simpelsten Fakten nicht mehr erinnern konnte. Eine 60-jährige Kollegin erweckte mit ihren Aussagen weitere Zweifel an seiner Geschichte. Entgegen der Darstellung des 56-Jährigen verneinte die Kollegin, dass auch ihr irgendwann 2014 Unregelmäßigkeiten in der Kasse aufgefallen seien. Außerdem beschrieb die 60-Jährige das Verhältnis des 56-Jährigen zum angeklagten Vorgesetzten als belastet. Er habe sich schwer mit dessen Anweisungen getan, habe beklemmende Gefühle gehabt und sich immer bestraft gefühlt.

Und so zeichnete Verteidiger Goecke am Ende der Befragung des Kronzeugen das Bild eines verbitterten Mannes, der aus dem Frust heraus, bei der Besetzung der Leitungsposition des Recyclinghofes übergangen worden zu sein, im Stillen den Plan entwickelte, seinen Vorgesetzten fertig zu machen, indem er Storno-Belege technisch aufwendig fälschte. „Ich muss vor Gericht nicht beweisen, dass der Zeuge von A bis Z gelogen hat. Ich will Rechtszweifel erzeugen und stelle infrage, ob das Gericht auf Basis dieser Aussagen ein die Existenz meines Mandanten vernichtendes Urteil stützen kann.“

Nachdem das argumentative Sperrfeuer des Anwaltes auf den Kronzeugen verstummt war, standen aber zwei zentrale Fragen immer noch unberührt in den Trümmern der Anklage: Wie kann zweifelsfrei geprüft werden, ob 30.181,25 Euro aus der Recyclinghof-Kasse gestohlenen wurden oder nicht? Und konnte der Zeuge 50 belastenden Storno-Belege immerhin so gut fälschen, dass die Staatsanwaltschaft darauf eine Anklage stützt?

Ein vom WZV bestellter Wirtschaftsprüfer brachte Licht ins Dunkel. Da 2014 auf dem Recyclinghof bei der Abrechnung weder das Vier-Augen-Prinzip noch andere Kontrollen herrschten, eine Identifizierung der Kassenbediener technisch unmöglich war und die täglich eingelieferten Müllmengen nicht mit den Werten im Kassenbericht abgleichbar waren, stand einem Betrüger quasi Tür und Tor offen. Die Storno-Belege des Kronzeugen bezeichnete der Prüfer als stimmig – zumindest was den zeitlichen Ablauf und die laufenden Kassennummern angehe. Der Angeklagte hätte sie tatsächlich bei der Abrechnung erstellen können, sie stimmen mit seinen Dienstplänen überein. Perfekte Fälschungen oder belastende Beweise? „Ob wirklich Geld aus der Kasse genommen wurde oder nicht, kann ich nicht sagen“, schloss der Prüfer.

Eine hohe Summe Bargeld gefunden wurde auf jeden Fall in der Wohnung des Angeklagten, wie ein Kriminalbeamter vor Gericht aussagte. Die Beträge stammten aus den Erlösen, die der Angeklagte mit der Zucht teurer Kartäuser-Katzen erzielt habe, außerdem von Flohmarktverkäufen, wie der 40-Jährige gegenüber der Polizei aussagte. „Uns gegenüber sprach er auch ganz offen von Steuerproblemen, die er deswegen habe“, sagte der Beamte. Könnte das als Motiv für einen Griff in die Kasse ausreichen?

Der Prozess wird nach einer Urlaubspause am Freitag, 1. Juli, von 9 Uhr an mit weiteren Zeugenbefragungen im Amtsgericht Norderstedt fortgesetzt.