Norderstedt
Henstedt-Ulzburg

Eltern fordern einen zweiten Kinderarzt

Sandy Leberecht und ihr Sohn Ole-Per vor der zurzeit geschlossenen Kinderarztpraxis in der Maurepasstraße. Sie hat 1246 Unterschriften für einen zusätzlichen Kinderarzt gesammelt

Sandy Leberecht und ihr Sohn Ole-Per vor der zurzeit geschlossenen Kinderarztpraxis in der Maurepasstraße. Sie hat 1246 Unterschriften für einen zusätzlichen Kinderarzt gesammelt

Foto: Frank Knittermeier / HA

Mutter sammelt 1250 Unterschriften. Kassenärztliche Vereinigung hält Versorgung in Henstedt-Ulzburg allerdings für ausreichend.

Henstedt-Ulzburg.  Sandy Leberecht ist eine leidgeprüfte Mutter: Als ihr einjähriger Sohn Ole-Per kürzlich 40 Grad Fieber hatte, war sie auf einen Kinderarzt angewiesen, aber in Henstedt-Ulzburg gab es keine Hilfe. Eine im Ort niedergelassene Ärztin nimmt keine neuen Patienten mehr auf, weil sie wegen des großen Andrangs einen Aufnahmestopp aussprechen musste. Die Hen­stedt-Ulzburger Familie landete schließlich in der Notaufnahme des Heidberg-Krankenhauses und bekam dort zu spüren, dass auch Kleinkinder nicht vorrangig behandelt werden: Sieben Stunden Wartezeit zerrten an den Nerven. Sandy Leberecht ist empört: Ein Kinderarzt für Henstedt-Ulzburg ist ihr entschieden zu wenig. Sie initiierte eine Online-Petition und sammelte knapp 1250 Unterschriften von Bürgern.

Wie schwierig die Suche nach Kinderärzten ist, zeigen die zahlreichen Kommentare auf der Online-Petitionsseite. „Ich habe neun Praxen abtelefoniert – überall Aufnahmestopp (bis nach HH-Duvenstedt und HH-Langenhorn)!! Wir werden gezwungen nach Norderstedt zu gehen“, schreibt eine Mutter aus Wakendorf II. Ein anderer Kommentar: „Wir sind momentan in Bad Segeberg beim Kinderarzt. Es ist ein sooo weiter Weg, gerade wenn die Kinder krank sind.“ Eine Mutter aus Henstedt-Ulzburg schreibt: „Ich finde es nicht in Ordnung, in einer Gemeinde mehrere Tierzubehörläden, Drogerien, Friseure und Apotheken grad mal 200 Meter von einander entfernt erreichen zu können, aber wenn meine Kinder krank sind, mich dafür erst mal für ‘ne Stunde ins Auto zu setzen, um den Kinderarzt zu erreichen, das kann’s ja wohl nicht sein!!!!“

Bürgermeister unterstützt die Forderung der Eltern

Tatsächlich ist die Ärztesituation in Henstedt-Ulzburg prekär. Bis vor wenigen Monaten gab es in der Maurepasstraße eine Zweigstelle der Quickborner Kinderarztpraxis Allroggen und Benzing. Dort praktizierten stundenweise angestellte Ärzte und Ärztinnen. Im November kündigte die zuletzt dort angestellte Ärztin, bis Februar bot der Quickborner Kinderarzt Dr. Jens Allroggen zweimal in der Woche seine Dienste in Henstedt-Ulzburg an, seitdem ist die Praxis geschlossen.

Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein soll die Praxis bereits im Juni wieder ihren Betrieb aufnehmen. Für Sandy Leberecht ist das zwar zunächst eine gute Nachricht, gleichzeitig ist es aber nur die zweitbeste Lösung. „Wir haben in den vergangenen Jahren festgestellt, dass die dort angestellten Kinderärzte, die zum Teil nur halbtags tätig waren, häufig wechselten.“

Im Henstedt-Ulzburger Rathaus findet Sandy Leberecht mit ihrer Petition ein offenes Ohr. „Wir, die Eltern, fordern vom Kreis Segeberg und von der Kassenärztlichen Vereinigung einen zusätzlichen Kinderarzt, da der Bedarf absolut besteht“, heißt es in der Petition. Und weiter: „Eine familienfreundliche Gemeinde mit vielen Kindern braucht zwei Kinderärzte, in den umliegenden Gemeinden sieht es derzeit genauso schlimm aus. Zudem fehlen Krankenschwestern, die Telefone sind mit Endlosschleifen geschaltet.“

Bürgermeister Stefan Bauer hatte bereits Ende 2015, als sich die Praxisschließung in der Maurepasstraße abzeichnete, bei der Kassenärztlichen Vereinigung auf den Kinderärztemangel hingewiesen. Die Rückmeldung überraschte ihn: Trotz der geringen Zahl an Kinderärzten verfüge Hen­stedt-Ulzburg immer noch über einen Versorgungsgrad von 119 Prozent. Stefan Bauer will die Unterschriftenliste nun nach Möglichkeit persönlich an die in Bad Segeberg ansässige Kassenärztliche Vereinigung übergeben.

Im Kreis Segeberg gibt es nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung derzeit 16 niedergelassene Kinderärzte, wobei die Henstedt-Ulzburger Außenstelle der Quickborner Praxis nicht mitgezählt wird. Das entspricht einem Versorgungsgrad von 141,8 Prozent. „Der Planungsbereich ist damit für zusätzliche Kinderärzte gesperrt“, sagt Marco Dethlefsen, Sprecher der Vereinigung. „Ein Planungsbereich gilt als überversorgt und damit gesperrt, wenn die Arztdichte einer Fachgruppe einen Wert von mehr als 110 Prozent erreicht.“

Bei genauerer Betrachtung ergibt sich jedoch ein auffälliges kinderärztliches Ungleichgewicht im Kreisgebiet: In Bad Segeberg (17.000 Einwohner) gibt es drei niegelassene Ärzte, in Norderstedt (78.000) gibt es ebenfalls drei Kinderärzte, in Kaltenkirchen (20.000) gibt es zwei, in Henstedt-Ulzburg (28.000) nur einen. Der Ärztebedarf richtet sich nach der Zahl der Einwohner in einem Planungsbereich – und Planungsbereich ist der gesamte Kreis Segeberg. Die Ärzte aber können sich innerhalb dieses Bereiches niederlassen, wo sie wollen. „Wir können niemandem Vorschriften machen, wo im Kreis eine Praxis eröffnet werden soll“, sagt Marco Dethlefsen.

Er hat Verständnis für die Hen­stedt-Ulzburger Forderung, macht dem Bürgermeister aber keine Hoffnungen: „Die Kommunen spielen in diesem Verfahren, das hat der Gesetzgeber im Sozialgesetzbuch V so gewollt, keine formale Rolle. Sie können auch keine Anträge stellen.“

Mehr Informationen: https://www.openpetition.de/petition/online/zusaetzlicher-kinderarzt-w-m-fuer-die-gemeinde-henstedt-ulzburg