Norderstedt
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Auf Streife mit einer Stadtteilpolizistin

Eine der Aufgaben von Seyma Stephan ist es, durch Besuche in Flüchtlingsheimen ein Vertrauensverhältnis herzustellen. Der kleine Akash ist sofort Feuer und Flamme für die Polizistin.

Eine der Aufgaben von Seyma Stephan ist es, durch Besuche in Flüchtlingsheimen ein Vertrauensverhältnis herzustellen. Der kleine Akash ist sofort Feuer und Flamme für die Polizistin.

Foto: Helge Buttkereit

Seyma Stephan ist Polizistin in Norderstedt. Sie besucht Flüchtlinge, kontrolliert Fahrräder von Grundschülern und hört Menschen zu.

Norderstedt.  Seyma Stephan hat einen neuen Freund. Vom ersten Augenblick ihres Besuches in der Garstedter Flüchtlingsunterkunft himmelt der vierjährige Akash die 37 Jahre alte Polizistin mit den freundlichen dunklen Augen und dem langen Zopf an. „Du bist Polizei“, sagt er. „Willst du auch einmal Polizist werden?“, fragt ihn Stephan. Natürlich kommt ein Ja aus dem Mund des kleinen Jungen. Es klingt noch etwas unsicher, aber das ist wohl eher den fehlenden Deutschkenntnissen von Akash geschuldet. „Dann musst du in die Schule gehen“, sagt Oberkommissarin Stephan. „Nein, ich bin Kindergarten“, sagt Akash. Während seine Eltern mit der zwei Jahre älteren Schwester Sara in dem karg eingerichteten Zimmer auf dem Sofa Platz nehmen, steht Akash neben Stephan. Wenig später sitzt er auf ihrem Schoß.

Unterdessen erzählt Akashs Vater in gebrochenem Deutsch, dass er seit zwei Jahren in Deutschland lebt und die Familie vor sechs Monaten mit dem Flugzeug nachkam. Er sei damals mit dem Schiff übergesetzt. In Deutschland fühle er sich wohl, sagt der kurdische Syrer. Die Kinder gingen in den Kindergarten, er absolviere einen Sprachkursus. „Problem ist keine Wohnung“, sagt der 35-Jährige. Mit einem weiteren Flüchtling teilt sich die Familie die Unterkunft, gemeinsam müssen sie Küche und Bad nutzen. Seyma Stephan kann daran nichts ändern, aber ihr ist es wichtig, in Kontakt mit den Flüchtlingen zu kommen. „Wenn wir uns einer Sache annehmen können, dann machen wir das“, sagt sie.

Besuche wie bei Akash, Sara und ihren Eltern gehören zu den Aufgaben von Seyma Stephan. Seit Oktober vergangenen Jahres setzt die Polizei in Norderstedt auf sogenannte Stadtteilpolizisten, die vor Ort Präsenz zeigen und präventiv tätig sind. Der regelmäßige Kontakt mit den Flüchtlingen und ihren Betreuern gehört dazu. Seyma Stephan ist mit ihrem Kollegen und Stationsleiter Marcus Korsus unterwegs. Er koordiniert den Einsatz der Stadtteilpolizisten in Norderstedt-Mitte, Friedrichsgabe und Harksheide. Für Glashütte ist die Polizeistation Norderstedt-Ost zuständig. Während Stephan hauptsächlich in der Flüchtlingsarbeit eingesetzt wird, kümmern sich andere Beamte um häusliche Gewalt, um Jugendliche, die Sachbearbeitung von Verkehrsunfällen oder die Schulen. Und natürlich gehen die Polizisten in den Stadtteilen regelmäßig Streife.

Bevor aber ein Rundgang in Norderstedt-Mitte ansteht, können sich die Kinder in der Flüchtlingsunterkunft erst einmal noch das Polizeiauto anschauen. Sara darf sogar das Blaulicht einschalten. Als die Sechsjährige das getan hat und vor dem Wagen das Ergebnis begutachtet, huscht das erste Mal ein Lächeln über das Gesicht des ernst dreinschauenden Mädchens. „Indem wir die Flüchtlinge direkt ansprechen, bauen wir einen Kontakt auf. Den können wir nutzen, wenn etwas passiert“, sagt Seyma Stephan, die als Tochter türkischer Gastarbeiter selbst Migrationshintergrund hat und auch türkisch spricht.

„Die Flüchtlinge sollen die Polizei anders kennenlernen als in den Herkunftsländern“, sagt Stephan. Das hat zuweilen Erfolg. Seyma Stephan erzählt von einer Afghanin, die sich nach dem Kontakt mit der Polizei erstmals getraut hat, ihren Mann anzuzeigen, der gewalttätig ihr gegenüber geworden war. „Sie wollte ihn nicht verlassen, aber sie hatte erstmals das Gefühl, dass sie Hilfe beanspruchen kann“, sagt Stephan. Nachdem die Polizei mit dem Mann gesprochen hat, habe sich das Verhalten des Ehemanns gebessert. „Wenn es so läuft, haben wir das Ziel erreicht, das wir erreichen wollen.“

Die Präsenz der Polizei, das Willkommen-Team und die dezentrale Unterbringung sind Faktoren, die dazu beitragen, dass es in Norderstedt ruhig ist. Mehr Kriminalität gebe es kaum, auch wenn durch die hohe Zahl an Flüchtlingen mehr Menschen in Norderstedt leben, fasst Marcus Korsus die Lage zusammen. Der 41 Jahre alte Hauptkommissar steuert den Dienstwagen zur Grundschule Heidberg, wo er mit Seyma Stephan regelmäßig vorbeischaut. Die Stadtteilpolizisten kümmern sich um die Grundschulen im Stadtgebiet. Auch die weiterführenden Schulen werden betreut. „Jede Schule soll einmal drankommen“, sagt Korsus.

Zum einen geht es den Beamten dabei um die Verkehrssicherung – wenn Eltern ihre Kinder mit dem Auto abholen, achten sie zum Beispiel auf die korrekte Sicherung oder sie begutachten die Fahrräder. Zum anderen soll ihre Anwesenheit aber vor allem Sicherheit vermitteln.

Zunächst steht noch eine Streife über die Rathausallee an. Auch hier wollen die Polizisten sich zeigen und für die Bürger ansprechbar sein. Marcus Korsus und Seyma Stephan haben die blaue Dienstmütze aufgesetzt und gehen mit kräftigen Schritten über den Bürgersteig. Die beiden erfahrenen Polizisten strahlen Ruhe und Souveränität aus, ihrem Blick entgeht nichts. Wie der weiße Kleinwagen, der in der zweiten Reihe parkt. Zwar sitzt der Fahrer am Steuer, erlaubt ist das aber nicht. In der Rathausallee sei das Parken ohnehin ein Dauerthema, meint Seyma Stephan, bevor sie zum Wagen geht und den Fahrer bittet, weiterzufahren. Das geht problemlos, die Mitfahrerin ist schon wieder da.

Ein paar Hundert Meter weiter muss Marcus Korsus den Notizblock zücken. Ein Wagen parkt auf dem Behindertenparkplatz, der Berechtigungsausweis fehlt. „Den schreibe ich auf, da fehlt mir jedes Verständnis“, sagt Korsus. Während er noch schreibt, wird seine Kollegin von einem Passanten angesprochen. „Das finde ich gut, dass da mal einer aufgeschrieben wird“, sagt er. „Meine Frau ist betroffen, und die Parkplätze sind oft zugeparkt. Machen sie mal so weiter.“

Angesprochen werde sie oft, sagt Stephan, als der Mann bereits in Richtung U-Bahnstation weitergeht. Manchmal gehe es um aktuelle Anliegen, oft aber auch um Themen, die die Bürger immer schon einmal loswerden wollten. „Wir wollen immer ansprechbar sein“, sagt sie. Natürlich gehört es auch zu ihren Aufgaben, bei Straftaten zu ermitteln oder einen Verkehrsunfall aufzunehmen. Die meisten Soforteinsätze aber werden vom Polizeirevier in Garstedt aus gefahren, somit ist in der Polizeistation Norderstedt-Mitte Platz für die bürgernahen Beamten wie Seyma Stephan.

Schreibtischarbeit nimmt viel Zeit ein

An der Grundschule Heidberg gehen die beiden Polizisten direkt zum Hintereingang, wo die Fahrräder stehen. „Es ist für die Eltern wichtig, dass wir regelmäßig vor Ort sind.“ Heute gibt es keine Probleme. Die wenigen Erst- und Zweitklässler, die mit dem Fahrrad nach Hause fahren, haben alle funktionstüchtige Räder – schließlich kommen die Polizisten auch extra in die Schule und erklären, was an einem Fahrrad alles dran sein muss, damit es verkehrssicher ist.

Gerade Praktikanten staunten oft darüber, wie sehr Polizeiarbeit auch Schreibarbeit ist, berichtet Seyma Stephan, während sie ihren Computer hochfährt. Manche Einsätze und komplizierte Ermittlungen führen dazu, dass sie dann mehr am Rechner sitzt, als sie unterwegs ist. „Das ist das Spannende an dem Beruf“, sagt sie. „Man weiß nie, was als nächstes passiert.“ Denn das Funkgerät ist immer an. „Wir hören heraus, wenn wir gerufen werden“, erklärt Stephan. Wenn sie beispielsweise gerade das Willkommens­café für Flüchtlinge besucht und in der Nachbarschaft zwei Autos zusammenstoßen, dann wird sie gegebenenfalls gerufen und ist sofort zur Stelle. In solch einem Fall steht die Prävention auch einmal hinten an.