Norderstedt
Sülfeld

Historiker entdeckt Reste von historischer Schleuse

Der Hobby-Historiker und Sülfelder Archivar Ulrich Bärwald im Garten seines Sülfelder Hauses

Der Hobby-Historiker und Sülfelder Archivar Ulrich Bärwald im Garten seines Sülfelder Hauses

Foto: Andreas Burgmayer / HA

Das Frühjahrshochwasser hat in der Gemeinde Sülfeld Eichenbalken einer alten Schleusenanlage des Alster-Trave-Kanals freigespült.

Sülfeld.  Würde einer jener 500 Arbeiter, die anno 1525 in Diensten von Friedrich I., dem König von Dänemark und Herzog von Schleswig und Holstein standen, jetzt hier neben Ulrich Bärwald im Morast des Norderbestetals bei Sülfeld stehen – er würde sich wahrscheinlich mokieren ob des Aufhebens, das der Sülfelder Archivar und Hobby-Historiker um jenen verwitterten Eichenstamm macht, der vor ihm aus jenem mäandernden Rinnsal ragt, das vom stolzen Alster-Trave-Kanal übrig geblieben ist.

„Was solls – von den Dingern haben wir Dutzende in die Erde gerammt – in diesen verdammten Sumpf hier. Alles in Handarbeit! Das war ein wahrer Kampf. Und der Bau der Schleusentreppe hinter dem Sülfelder Pastorat erst! Was für eine Plackerei. Und wofür? Nur 21 Jahre schipperten hier die Lastkähne. Dann war Schluss. Und nun hockst du hier, 466 Jahre später, und schaust auf die kläglichen Reste unserer Arbeit!“

Wir können nur zusammenspinnen, was uns jener Handwerker zu sagen hätte. Doch in Archivar Ulrich Bärwald haben die fleißigen Männer von einst einen Fürsprecher gefunden. Denn Bärwald macht die erstaunliche Geschichte des Alster-Trave-Kanals mit seinen Nachforschungen lebendig und führt die enormen Anstrengungen jener jahrelangen Bauarbeiten im 16. Jahrhundert plastisch vor Augen.

Begeistert von den massiven Eichenbalken und Eichenbohlen im Schlamm ist Bärwald vor allem deshalb, weil sie Beweisstücke sind. „Diese Balken sind womöglich historische Relikte der hanseatischen Schifffahrtsgeschichte“, sagt Bärwald. „Sie sind der exakte örtliche Nachweis für den Verlauf des Alster-Trave-Kanals in Sülfeld und für die Theorie, dass sich direkt hinter dem Sülfelder Pastorat – in der sogenannten Pastoratsschlucht – eine aufwendige Schleusentreppenanlage befunden hat.“

Denn Bärwald hat nicht nur den massiven Balken entdeckt, den das Frühjahrshochwasser in etwa einem Meter Tiefe unter dem Geländeniveau freigespült hat. Er fand auch eine Eichenbohle, in der noch die Holzzapfungen zu erkennen sind und in der schmiedeeiserne Bolzen stecken. „Das passt zu dem rechteckigen Becken aus Granit, das wir vor vielen Jahren entdeckt hatten: Es könnte der Pfostenschuh eines Schleusentors aus dem morastigen Grund sein.“

Überall im Kanal Reste von altem Keramik-Geschirr

Nicht zu vergessen die Reste von Keramik-Geschirr, die der Hobby-Historiker aus dem Schlamm gezogen hat. „Wer hier gräbt, stößt überall auf die Teile. Das waren die kaputten Teller und Tassen, die Menschen auf den Schuten über Bord warfen, während sie in den Schleusen darauf warteten, dass die Weiterfahrt möglich war.“

Die Geschichte, von der die Eichenbalken und -bohlen erzählen, ist die der Hanse und des Versuchs, zwischen den Städten Hamburg und Lübeck einen wassergebundenen Handelsweg zu erschaffen. Um zu verhindern, die edlen Waren entweder über die lange, gefahrvolle und oft verlustreiche Umschiffung Skagens in Nord-Jütland austauschen zu müssen, über den für Hamburg zu weit abgelegenen Stecknitz-Kanal im Lauenburgischen oder über den Landweg, über das durch sandigen Boden und welliges Gelände für den Wagenverkehr schwer zu querende Stormarn, das noch dazu gesäumt war von Wegelagerern und Raubrittern.

8000 Meter Kanal durch morastigen Boden

1448 schließt Hamburg einen Vertrag mit Adolf XI., dem Grafen von Holstein und Herzog von Schleswig, über den Bau der Wasserstraße, die Alster und Trave verbinden sollen. Herzstück der strategischen Handelsroute ist ein künstlicher Kanal von acht Kilometern Länge, der von der Alster bei Stegen über das Nienwohlder- und Sülfelder Moor bis in die Ortschaft Sülfeld gegraben werden soll, um dort in die Norder-Beste zu münden.

Was für ein Unterfangen! Achttausend Meter Kanal durch morastigen Boden, dazu muss in Sülfeld ein Gefälle von neun Metern bis ins Tal der Nor­derderbeste überwunden werden. Hamburg müht sich redlich und unter Aufwendung eines kompletten Jahresetats, muss aber doch nach fünf Jahren Bauzeit aufgeben. Nur bis Stegen bleibt die Alster lange schiffbar, um Segeberger Kalk oder Holz nach Hamburg zu verschiffen. Kayhude wird Holzlager und Anlegeplatz.

Der Dänen-König schickte 500 Arbeiter

Erst über 70 Jahre später vereinbaren die Hansestädte Hamburg und Lübeck den erneuten Versuch zum Bau des Kanals. Dänen-König Friedrich I. schickt 500 Arbeiter und 1200 Baumstämme Baumaterial. In Hamburg legen die Kirchen und die gut betuchten Kaufleute für die Baukosten zusammen.

Vier Jahre Bauzeit später erreichen am 22. August 1529 die ersten vier Schuten über den insgesamt 91 Kilometer langen Alster-Trave-Kanal von Lübeck aus Hamburg. Der Kanal setzt sich zusammen aus 40 Kilometern Alster-Fluss von Hamburg bis Stegen, den acht Kilometern des künstlich gegrabenen Kanalbetts bis Sülfeld, den etwa 15 Kilometern Norder-Beste bis Oldesloe und den 28 Kilometern Trave bis Lübeck. Die Kanalfahrt von Lübeck nach Hamburg dauert ungefähr drei Tage, zurück müssen bis zu 14 Tage einkalkuliert werden.

„23 Schleusen mussten die damals auf der gesamten Wasserstrecke verbauen, um das Gefälle auszugleichen und um für genügend Wasser im Kanal zu sorgen“, sagt Bärwald. Lediglich das Oberflächenwasser aus den Mooren speiste die künstliche Wasserstraße. Die zehn bis 15 Meter langen Schuten mit bis zu 40 Zentimetern Tiefgang mussten also zwischen den Schleusen so lange verharren, bis genügend Wasser für die nächste Etappe vorhanden war. „Dann wurden die Schleusentore geöffnet, und sie trieben mit dem Schwall weiter.“ Stromaufwärts wurden die Schuten getreidelt, also von Pferden am Ufer des Wasserweges gezogen. Doch der Alster-Trave-Kanal stand von Beginn an unter einem schlechten Stern. Adlige, deren Ländereien entlang des Kanals durch die Aufstauungen in Mitleidenschaft gezogen wurden, sabotierten die Wasserstraße nach Kräften, warfen Baumstämme in die Fahrrinne, die sie von Bewaffneten bewachen ließen.

Und 1549 wurde sogar der Schleusenwärter von Neritz erschlagen. Als 1550 auch noch die Neritzer Schleuse den Geist aufgibt, ist es vorbei mit der schiffbaren Verbindung der Hansestädte. Monatelang festsitzende Schuten, ständige Streitereien um geflutete Äcker und Zölle, aufwendige Sanierungsarbeiten, um den Kanal schiffbar zu halten – wirtschaftlich war der Alster-Trave-Kanal nicht mehr darstellbar.

Archäologisches Landesamt hat kein Geld für Grabungen

Und so verfiel das imposante und am Ende überambitionierte Bauwerk langsam und versank, wie in der Sülfelder Pastoratsschlucht, im Morast. Die Schleusentreppenanlage mit ihren drei bis fünf Kastenschleusen wich einem beschaulichen Pastorats-Garten, der sich rund um einen aufgestauten Teich legte. „Höhere Hamburger Töchter fuhren gerne nach Sülfeld in die Sommerfrische“, sagte Ulrich Bärwald. „Die konnten in diesem Garten dann ein wenig Lustwandeln.“

Lediglich im Jahr 1880 sorgten die Pastoratsschlucht und die Pastoren-Tochter Lisbeth noch einmal für großes Aufsehen, als Lisbeth beim Spielen in den Teich fiel und ertrank. Ein eisernes Kreuz mit ihrem Namen in der Pastoratsschlucht erinnert bis heute an das Unglück.

Unweit des Kreuzes, wo das spärliche Rinnsal weiter Richtung Lübeck fließt, ragt der Eichenstamm aus dem Schlamm und erinnert daran, dass an diesem Ort auch sein Stück Hanse-Geschichte geschrieben wurde. Ulrich Bärwald pflegt die Erinnerung an diesen Teil der Schleswig-Holsteinischen Geschichte. Die Eichenbohle mit den Holzzapfen und den schmiedeeisernen Bolzen steht auf Arbeitsböcken in seinem Garten. Das Archäologische Landesamt in Schleswig habe ihm mitgeteilt, kein Geld für Grabungen in der Gemeinde Sülfeld zu haben, um noch mehr Teile der alten Schleusenanlage freizulegen. Tief im Morast seien die Eichenstämme eh am besten konserviert und blieben dort für die Nachwelt erhalten.