Kaltenkirchen

„Rechtspopulist“ ist für ihn kein Schimpfwort

Jörg Nobis aus Kaltenkirchen ist neuer Vorsitzender der AfD Schleswig-Holstein

Jörg Nobis aus Kaltenkirchen ist neuer Vorsitzender der AfD Schleswig-Holstein

Foto: Wolfgang Klietz

Jörg Nobis ist neuer AfD-Landesvorsitzender und gibt sich betont sachlich. Innere Sicherheit, Familie und Bildung sind seine Themen.

Kaltenkirchen.  „Provokation gehört zum politischen Geschäft. Wer in unserer Gesellschaft auf sich aufmerksam machen will, muss Klartext reden und auch mal überziehen“, sagt Jörg Nobis, neuer Landesvorsitzender der AfD in Schleswig-Holstein. Auf dem, wie er selbst sagt, chaotischen Landesparteitag in Henstedt-Ulzburg wurde der Kaltenkirchener gemeinsam mit Bruno Hollnagel an die Spitze einer Partei gewählt, deren Führungspersonal wie Beatrix von Storch oder Björn Höcke bundesweit regelmäßig durch europa- und islamfeindliche, rechtsex­treme oder rassistische Positionen auffällt und dafür massiv Kritik einstecken muss, in die rechte Ecke gestellt oder als Nazi bezeichnet wird.

Wer mit dem neuen Landeschef spricht, stellt fest: Der neue Mann an der Spitze der Nord-AfD ist keiner, der Attacke reitet, wie der rechte Agitator Björn Höcke in Thüringen oder die stellvertretende Bundesvorsitzende Beatrix von Storch, die in Kisdorf aufgewachsen ist und am Gymnasium Kaltenkirchen Abitur gemacht hat. Nobis ist einer, der denkt, bevor er redet, der Argumente bietet, sich an der Sache entlanghangelt, Polemik vermeidet – und die Ein- und Ausfälle der Parteigranden nicht kommentieren will, Höckes rassistische Aussage, wonach die Evolution Afrika und Europa „zwei unterschiedliche Reproduktionstypen“ beschert habe, dann aber doch als „grenzwertig“ einstuft. Die Schelte, die die AfD dafür bezieht, erträgt Nobis, das dicke Fell gehöre zur Politik wie die Provokation.

Höcke und von Storch stünden für Extrempositionen in einer noch jungen Partei, die auf der Suche sei. Nach innerer Struktur und nach Inhalten. Die wie die SPD Flügel habe, auf dem rechten segele Thüringens Landeschaf Höcke erfolgreich dahin und gewinne mit seiner – umstrittenen – Radikalität Anhänger. „Wir wissen ja noch gar nicht, wo die Reise hingeht, was schließlich übrig bleibt von vermeintlich extremen Thesen“, sagt Nobis. Klarheit soll das Programm bringen, das der Bundesparteitag am 30. April und 1. Mai in Stuttgart beschließen will.

Nobis ist dabei, nicht als Delegierter, sondern als Mitglied. Das Delegiertenprinzip gebe es – noch – nicht bei der AfD. Jeder könne kommen und mitreden, Basisdemokratie eben. Die auch ihre Schattenseiten hat: Es dauert, man schwitzt wie im vorigen Jahr in der Essener Grugahalle, wo bei mehr als 40 Grad und mit 3000 Teilnehmern der „größte Bundesparteitag in der deutschen Nachkriegsgeschichte“ über die Bühne gegangen sei.

Nobis hält die Eurozone für Fehlkon­struktion

Auch in Stuttgart wird Jörg Nobis wieder Sitzfleisch, Ausdauer und die ihm eigene Gelassenheit brauchen. 80 Seiten Leitantrag, na gut, aber 1450 Seiten Änderungsanträge. Diese Mischung aus Chaos und Neubeginn mache ja gerade den Reiz der AfD aus. „Hier kann man noch was bewegen, die Altparteien hingegen sind erstarrt“, sagt der AfD-Landeschef, der auch schon mal mit den Piraten geliebäugelt hatte, sich als liberal-konservativ beschreibt und auch locker in der CDU verortet sein könnte.

Warum also gehört ein so bieder und bürgerlich wirkender „Normalo“ wie er einer Partei an, die als rechtspopulistisch gilt. Für Nobis kein Schimpfwort. Er verweist auf die lateinische Wortwurzel „populus“, das Volk. Das hat den 40-Jährigen vor gut drei Jahren zum Parteieintritt bewogen, als Mitglied der ersten Stunde. Er ist Fan von Volksabstimmungen nach Schweizer Vorbild. Mehr direkte Demokratie, dafür stehe die AfD. „Zu den großen Themen sollten wir den Willen der Bevölkerung respektieren“, sagt Nobis. Zum Euro zum Beispiel. Nobis hält die jetzige Eurozone für eine Fehlkon­struktion, in der die wirtschaftlich Starken die Schwachen stützen und dabei selbst kollabieren könnten. „Die Bürgschaften für Griechenland können wir doch abschreiben. Aber was heißt der Milliardenverlust für unsere Kinder und Enkel, und muss Deutschland nicht raus aus der Eurozone?“, fragt der nautisch-technische Sachverständige, der für eine kleine Firma mit Sitz am Hamburger Hafen überall dort im Einsatz ist, wo Schiffe havariert sind.

„Bei uns engagieren sich viele Väter, die zwei und mehr Kinder haben und sich um die Zukunft sorgen“, sagt der Nord-Vorsitzende, der verheiratet ist, zwei Kinder hat und die knapp 800 Mitglieder als „männerlastig“ beschreibt. Bei den Frauen müsse die Nord-AfD deutlich zulegen, noch wachse der Landesverband. Dafür punkte die Partei bei den Jungen, sei digital gut aufgestellt und in den sozialen Netzwerken präsent. „Wir haben im Kreis Segeberg bei Facebook zehnmal mehr Likes als die SPD“, sagt Nobis. Inhaltlich habe sein Nordverband die Lücke besetzt, die die CDU hinterlassen habe, weil sie unter Angela Merkel immer weiter nach links gerückt sei. Asyl ja, aber streng ausgelegt, Zuwanderung ja, aber durch ein Zuwanderungsgesetz mit klaren Kriterien gesteuert, Flüchtlinge dürfen kommen, aber nicht unbegrenzt. Die Muslime gehören zu Deutschland, nicht aber der Islam mit seinem Missions- und Herrschaftsanspruch – das sind in Kurzform Positionen, die Nobis und viele Nord-AfDler vertreten.

Nach dem Chaos-Parteitag in Henstedt-Ulzburg wende sich die Partei jetzt der Sacharbeit zu. Die Landesfachausschüsse hätten die Arbeit aufgenommen. Innere Sicherheit, mehr Familie und Bildung sollen die zentralen Themen sein, mit denen die AfD um Stimmen für die Landtagswahl im kommenden Frühjahr werben will. „Die Zahl der Einbrüche steigt, die Aufklärungsquote sinkt. Wir brauchen mehr Polizisten. Da die aber nicht so schnell zu rekrutieren sind, stellt sich die Frage, ob wir die Lücke nicht durch Kräfte mit einer verkürzten Ausbildung schließen können“, sagt Nobis, der auch Familien finanziell besser stellen und mit einem Willkommens-Bonus die Lust auf Kinder steigern will: Die AfD wolle Vätern und Müttern ein Begrüßungsgeld für den Nachwuchs zahlen, „das zumindest die Ausgaben für eine Erstausstattung decken muss“, sagt Nobis.

Die Fachausschüsse erarbeiten gerade Thesen für das Programm. Die will die AfD im Internet zur Diskussion stellen. Basisdemokratie eben. Nobis peilt 13 Prozent bei der Landtagswahl an, sieht sogar Potenzial für 18. Das wäre das Doppelte von dem, was die Demoskopen vorhersagen.