Norderstedt
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Hier brauchen Fahrradfahrer starke Nerven

Laura Nespethal, 16, hat Angst, wenn sie auf der Ulzburger Straße die Fahrbahn benutzen muss

Laura Nespethal, 16, hat Angst, wenn sie auf der Ulzburger Straße die Fahrbahn benutzen muss

Foto: Frank Knittermeier / HA

Wer in Norderstedt mit dem Rad unterwegs ist, traut sich oft nicht, auf der Straße zu fahren. Das Abendblatt testet, warum nicht.

Auf der Quickborner Straße, dem Alten Kirchenweg und der Ulzburger Straße sind Radfahrer und Autofahrer abschnittsweise gleichberechtigt. Dort sind die ersten Etappen auf dem Weg zu einer fahrradfreundlichen Stadt zu besichtigen – die Radfahrer allerdings sind nach wie vor verängstigt und nutzen die Angebote, direkt neben den Pkw und Lkw auf den Straßen zu fahren, eher zögernd. Wer den Verkehr einige Zeit beobachtet, stellt schnell fest, dass die meisten Radfahrer nicht den Mut haben, die Straßen zu nutzen. Zu diesem Ergebnis kommen auch die Polizei und der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC). Was also läuft nicht richtig im Miteinander von Auto- und Radfahrern?

Auf die Straße oder auf dem Gehweg?

Das Hamburger Abendblatt hat den Test gemacht und war einige Stunden unterwegs, um zu sehen, wie gleichberechtigt Autofahrer und Radfahrer tatsächlich sind. Ein ganz normaler Wochentag auf der Quickborner Straße in Norderstedt: Laura Nespe­thal, 16, ist auf dem Schutzstreifen in Richtung Ulzburger Straße unterwegs. Sie wird von Pkw und Lkw überholt, der Abstand zu ihr ist knapp, weil die meisten Fahrer sich offenbar scheuen mit ihren Fahrzeugen zu weit nach links zu steuern. Direkt vor ihr schwenken die Fahrzeuge wieder nach rechts auf den Schutzstreifen.

Vor der Ampel an der Kreuzung staut sich der Verkehr zurück, die Autos bleiben auf dem Streifen stehen, die Radlerin kommt nicht weiter und weicht auf den Fußweg aus. Wer hier mit dem Fahrrad unterwegs ist, muss starke Nerven haben. „Man sieht den Autofahrern förmlich an, dass sie keinen Plan haben, was die Fahrradfahrer wollen, geschweige davon, dass sie sich eine Straße teilen müssen“, stellt Laura fest. „Auch ich selbst als Radfahrer, bin mir manchmal nicht genau sicher, wo ich jetzt wirklich fahren soll. Auf der Straße? Auf dem Gehweg? Oder doch woanders?“ Ähnlich ergeht es ihr auf dem Alten Kirchenweg.

Wenige Autofahrer machen Platz

Noch prekärer ist es auf der Ulzburger Straße, die im vergangenen Jahr mit erheblichem finanziellen Aufwand umgestaltet worden ist. Das fällt auf: Die überholenden Autos halten im umgebauten Bereich („Meilenstein“) nur wenig Abstand zur Radlerin, die meisten fahren gefühlt außerdem schneller als die vorgeschriebenen 30 Stundenkilometer.

Laura beschreibt ihren Gemütszustand: „Man fühlt sich ziemlich klein, wenn man neben den Autofahrern steht, besonders wenn diese nah auffahren. Die Ulzburger Straße ist definitiv zu schmal, um Fahrrad- und Autofahrer unterzubringen. Man möchte ja eigentlich lieber das Fahrradfahren genießen, als ständig aufzupassen, dass Autoreifen einem über die Füße rollen könnten.“ Ihr Fazit: „Vielen Autofahrern fällt es offensichtlich schwer, Platz für die Radfahrer zu machen.“

Für Norderstedts Oberbürgermeister Hans-Joachim Grote ist klar, dass die Autofahrer mehr Rücksicht auf die Fahrradfahrer nehmen müssen. Er findet die Idee von der Gleichrangigkeit der Verkehrsteilnehmer nach wie vor gut. Aber in den Köpfen der Norderstedter müsse sich das Bild vom städtischen Verkehr wandeln, erklärte der Verwaltungschef kürzlich in einem Abendblatt-Interview.

So sieht es auch der Verkehrsexperte der Norderstedter Polizei, Kai Hädicke-Schories, der ein „komplettes Umdenken“ fordert. Seine Beobachtungen decken sich mit dem „Bauchgefühl“ vieler Norderstedter und den Beobachtungen des Hamburger Abendblatts: Im umgestalteten Bereich der Ulzburger Straße nutzen weiterhin mehr Radfahrer die Fußwege links und rechts der Fahrbahn. „Da ist noch sehr viel Aufklärung nötig.“ Die Polizei habe den Umbau der Ulzburger Straße nur zugestimmt, weil dort gleichzeitig eine Geschwindigkeitsbeschränkung eingeführt werden sollte.

Kai Hädicke-Schories weist aber auch auf einen zumindest unter Radfahrern verbreiteten Irrtum hin: Tatsächlich müssen sich die Radler vor Ampeln hinten anstellen oder sich zwischen die Autos einreihen. Auf die Quickborner Straße und die Ulzburger Straße bezogen bedeutet das: Nach dem Überholen dürfen die Autos wieder nach rechts an den Fahrbahnrand gelenkt werden – auch über den eingezeichneten Schutzstreifen hinaus. Der Verkehrspolizist weiß aber auch, dass diese Verkehrsregel zur weiteren Verunsicherung der Radfahrer beiträgt. Anders sieht es zum Beispiel auf der Fuhlsbüttler Straße in Hamburg aus, wo eine Fahrspur für Radler mit durchgängiger Linie geschaffen wurde. Diese darf nicht überfahren werden. Kai Hädicke-Schories hat einen Erfahrungsbericht aus Hamburg angefordert.

Rolf Jungbluth, Ortsvorsitzender des ADFC in Norderstedt, hat in der Quickborner Straße selbst festgestellt, dass der Schutzstreifen häufig blockiert ist. Er weiß auch, dass die durchbrochene Linie überfahren werden darf und schlägt deshalb vor, zumindest auf den letzten 50 Metern vor der Kreuzung eine durchgezogene Linie aufzubringen. Seine Empfehlung für das Radfahren im ausgebauten Bereich der Ulzburger Straße: 1,50 Meter Abstand vom Fahrbahnrand halten, damit die Autos beim Überholen gezwungen sind, auf den Mittelstreifen auszuweichen. Der Abstand zum Rand sei auch wichtig, um Autotüren, die plötzlich geöffnet werden, ausweichen zu können. „Die Radfahrer sollten selbstbewusster auftreten“, rät Radexperte Jungbluth, der aber auch weiß, dass dies vielen älteren Radlern nicht leicht fällt. Insgesamt hält er die Norderstedter Entwicklung hin zu mehr Gleichberechtigung auf den Straßen für richtig. „Es braucht aber Zeit, bis sich die Leute daran gewöhnt haben.“