Norderstedt
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Die meisten Schüler sollen aufs Gymnasium

Matheunterricht auf dem Gymnasium – die Eltern wollen die beste Bildung für ihre Kinder, sie sollen möglichst Abitur machen

Matheunterricht auf dem Gymnasium – die Eltern wollen die beste Bildung für ihre Kinder, sie sollen möglichst Abitur machen

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Gemeinschaftsschulen in Norderstedt wurden nur von 38 Prozent der Eltern gewählt. Politiker diskutieren über Schullandschaft.

Norderstedt.  Der Trend zum Gymnasium und zum Abitur setzt sich fort. Fast 62 Prozent der gut 660 Grundschüler, die nach den Sommerferien auf eine weiterführende Schule wechseln, wurden auf einem der vier Norderstedter Gymnasien angemeldet. Im Gegenzug fehlen den Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe neue Schüler – eine Entwicklung, die sich nicht nur in Norderstedt, sondern auch in Teilen des Kreises Segeberg zeigt.

„Die Anmeldezahlen verschieben sich immer weiter Richtung Gymnasien“, sagt Norderstedts Schuldezernentin Anette Reinders. 2012 hätten sich noch 56 Prozent der Eltern für das Gymnasium entschieden, vor 20 Jahren hatte der Wert gerade die 40-Prozent-Marke geknackt. Der Elternwille bereitet der Dezernentin Sorgen, es stelle sich die Frage, ob die Schullandschaft in Norderstedt mit vier Gymnasien und vier Gemeinschaftsschulen auf Dauer bestehen kann.

Dadurch, dass Schüler nachgemeldet und umverteilt wurden, könnten die Gemeinschaftsschulen momentan zwar noch mit jeweils zwei bis drei fünften Klassen ins neue Schuljahr starten, auf Dauer könne die Existenz der Schulform aber gefährdet sein. Da stelle sich die Frage, ob die Stadt noch vier Gemeinschaftsschulen braucht, oder ob sich das Bildungssystem nochmals grundlegend verändern und eine Einheitsschule das Nebeneinander von Gemeinschaftsschulen und Gymnasien ersetzen soll.

Eine Ausnahme bildet die Willy-Brandt-Schule, die als einzige der vier Gemeinschaftsschulen in der Stadt eine eigene Oberstufe hat – offenbar ein gewichtiges Argument im Kampf um die Schüler. 111 Kinder wurden angemeldet, 96 Plätze waren frei. Allerdings haben die hohen Anmeldezahlen an der Schule schon Tradition. Von Beginn an, damals noch als Gesamtschule Lütjenmoor, war die Schule bei den Eltern beliebt. Schulleiter Thomas Kuhn führt den Erfolg auf das „besondere pädagogische Konzept zurück, bei dem die Schüler nicht nur individuell gefördert und gefordert werden, sondern auch mitgestalten können“.

Kollegin Barbara Schirrmacher, die die Gemeinschaftsschule Harksheide leitet, sieht das anders: „Die Jugendlichen können dort auch gleich Abitur machen, und das auch noch in Ruhe nach neun Jahren und müssen nicht die Schule wechseln.“ Vor einem Schulwechsel nach der zehnten Klasse schreckten viele Schüler zurück. Ihre Schule habe erstmals weniger Anmeldungen als die 79 Plätze, die Zahl werde aber wohl für drei fünfte Klassen reichen. „Schöner wären vier, da könnten wir den Schülern mehr anbieten“, sagt die Pädagogin.

Anke Schermer, Leiterin der Gemeinschaftsschule Friedrichsgabe, sieht „die Katastrophe programmiert“. Auch ihr fehlten nach der ersten Anmelderunde 20 Kinder, inzwischen hat sich die Situation entspannt. Wie ihre Kollegin Schirrmacher sieht auch sie die fehlende Oberstufe als Hauptgrund für den Rückgang der Anmeldungen. „Hinzu kommt, dass die Grundschullehrer keine Schulartempfehlung für die weiterführende Schule mehr abgeben dürfen“, sagt Anke Schermer.

Barbara Schirrmacher wollte ihre Schule mit einer Oberstufe ausstatten, bevor sie mit ihren Schülern von den alten Räumen in die ehemalige Hauptschule Falkenberg umzog und die Schule für die neuen Schüler und Lehrer um- und ausgebaut wurde. Doch dafür fand sich keine politische Mehrheit. Nun hat die Pädagogin einen anderen Vorschlag: Die Horst-Embacher-Schule am Aurikelstieg läuft aus und könnte zu einem Oberstufenzentrum umgewandelt werden.

Mit den Folgen des Elternwillens wird sich demnächst auch der Schulausschuss befassen. Für die Sitzung am Mittwoch, 20. April, wird die Verwaltung Zahlen präsentieren, die es bisher in der Stadt nicht gibt und den Politikern mitteilen, wie viele der Schüler, die in der fünften Klasse am Gymnasium gestartet sind, Abitur machen. Die exakte Zahl wird auch durch Zu- und Wegzüge bestimmt, wir haben mit Hilfe der Verwaltung schon mal gerechnet. Im Sommer 2015 haben 333 Jugendliche die Norderstedter Gymnasien mit einem Abiturzeugnis verlassen. Neun Jahre zuvor waren 410 gestartet. Gut jeder fünfte verlässt das Gymnasium vorzeitig, wird abgeschult. „Diese frustrierende Erfahrung wäre zu vermeiden, wenn Kinder, die den gymnasialen Anforderungen nicht gewachsen sind, gleich eine Gemeinschaftsschule besuchen“, sagen die Leiter der Gemeinschaftsschulen unisono. Sie hätten dann ausreichend Schüler.