Norderstedt
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Frauen schildern, wie sie unter Gewalt leiden

Häusliche Gewalt ist längst mitten in der Gesellschaft angekommen und zeigt sich durch alle sozialen Schichten

Häusliche Gewalt ist längst mitten in der Gesellschaft angekommen und zeigt sich durch alle sozialen Schichten

Foto: Jan-Philipp Strobel / dpa

Neue Broschüre informiert über die Facetten der Arbeit im Norderstedter Frauenhaus. Darin erzählen Frauen auch von ihren Erlebnissen.

Norderstedt.  „Ich musste den Haushalt machen, alle bedienen und wurde von meinem Mann geschlagen, vergewaltigt und durfte nicht aus dem Haus. Ich hatte niemanden, dem ich mich anvertrauen konnte.“

„Seine Faust war präzise und gewaltig. Ich blicke über die teuren Designer-Möbel, mit geschwollenem Auge und schmerzenden Rippen. Dreimal habe ich schon Staub gesaugt und geputzt. Frische Badehandtücher liegen ordentlich gefaltet am Pool. Meine Kehle ist zusammengeschnürt, jetzt kommt sie wieder die Angst. Was habe ich heute wieder falsch gemacht? Mein Mann ist so etwas wie ein angesehener Bürger. Niemand kann sich vorstellen, was ich hintern den Türen dieser schicken Vorstadt-Villa erlebe.“

Zwei Passagen aus einer Broschüre, die deutlich machen: „Häusliche Gewalt ist längst mitten in der Gesellschaft angekommen und zieht sich durch alle sozialen Schichten.“ Das sagte Andrea Makies, Geschäftsführerin des Diakonischen Werks Hamburg-West/Südholstein, als sie zusammen mit Mitarbeiterinnen des Frauenhauses und Norderstedts Sozialdezernentin Anette Reinders eine neue Publikation vorstellte, die in ungewöhnlicher Zusammenarbeit entstanden ist.

„Das Frauenhaus“ heißt das Werk, an dem Mitarbeiter der Stadtwerke Norderstedt mitgewirkt haben. „Wir sind ein wirtschaftlich orientierter Männerbetrieb und ticken anders als die Frauen, die sich um die Bewohnerinnen des Frauenhauses kümmern“, sagte Jens Seedorff, Leiter der Stadtwerke. Die Partner haben über den Neubau des Frauenhauses zueinander gefunden, das zugleich das einzige im Kreis Segeberg ist. Der Energieversorger hat das Projekt finanziell unterstützt – und war damit einer von vielen Sponsoren, Unternehmen wie Einzelpersonen haben nicht nur über Jahre Anteil genommen, sondern auch mit ihren Spenden geholfen, die Finanzlücke zu schließen. 1,8 Millionen Euro hat das Haus gekostet, das 25 Frauen und Kindern Schutz vor Gewalt bietet.

700.000 Euro hat das Land bezahlt, der Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein beteiligt sich mit 379.135 Euro, der Kreis Segeberg gibt 300.000 Euro dazu, die Stiftung Deutsches Hilfswerk – Deutsche Fernsehlotterie 145.000 Euro, die Stadt Norderstedt 210.000 Euro. Dennoch fehlten 100.000 Euro. Mit Benefizveranstaltungen, Info-Ständen, Lesungen, Konzerten und vielen weiteren kreativen Aktionen schlossen Pastor Gunnar Urbach, Spendesammler des Kirchenkreises, und der Unterstützerinnenkreis die Lücke.

Die Broschüre soll dazu beitragen, dass das große Engagement der Norderstedter nicht verpufft. Auf 72 Seiten lernen die Leser die unterschiedlichen Facetten kennen, in kurzen Texten und vielen Bildern. Der Alltag im Schutzraum wird greifbar. Frauen erzählen, wie sie von ihren Männern geschlagen beschimpft, beleidigt und vergewaltigt wurden. Wie sie gelitten, durch Zufall vom Frauenhaus gehört haben und oft nach einem langen Leidensweg dorthin geflohen sind, noch immer hochschrecken und ganz allmählich Sicherheit, Selbstbewusstsein und Ruhe gewinnen.

Kinder, die miterleben mussten, wie ihr Vater die Mutter misshandelt und quält, die traumatisiert sind, lange keine Hilfe fanden und jetzt, beispielsweise mit der Jungengruppe, in den Blickpunkt gerückt sind. „Mein Vater wollte sich ändern, hat er aber nicht. Und jetzt sind wir wieder im Frauenhaus, seitdem geht es uns besser. Nur ruft er ständig auf dem Handy an, redet ganz schlecht über meine Mutter und droht meine Oma und meinen Onkel zu töten, wenn meine Mutter nicht zurückkommt. Ich hatte deswegen einen Nervenzusammenbruch und möchte nicht mehr ans Telefon gehen“, schreibt ein Mädchen. Malte darf den Mitschülern gegenüber nicht sagen, wo und wie er lebt, die Adresse des Frauenhauses muss geheim bleiben. Die Mitschüler wundern sich, er gilt als merkwürdig und muss damit klarkommen.

Experten erklären die Gewaltspirale, Nachbarn helfen, Polizisten, Mitarbeiter des Jugendamtes und Familienrichter sind einbezogen, der Norderstedter Arzt Dr. Ernst Soldan schildert, dass häusliche Gewalt in einer Hausarztpraxis immer wieder vorkommt. Ein Zwölfjähriger war von seinem Stiefvater mit einem Gürtel so verprügelt worden, dass sich das Gesäß schwarzblau-violett verfärbt hatte. Eine Frau kam mit Blutergüssen an den Oberschenkeln und im Gesicht zu dem Mediziner, nachdem ihr Ex-Mann versucht hatte, sie zu vergewaltigen.

„Das Frauenhaus“ kostet 2,50 Euro. Die Broschüre gibt es in der Buchhandlung am Rathaus und in der Elatus Buchhandlung am Schmuggelstieg. Der Erlös kommt der Kinder- und Jugendarbeit des Frauenhauses zugute.