Norderstedt
NZ-Regional

Immer wieder einmischen – wie Jesus Christus

Es passierte an einem Nachmittag vor einem großen Kaufhaus in einer belebten Einkaufsstraße. Eine junge Frau verlässt den Bus und wird von einem Mann in die Büsche gezerrt und vergewaltigt. Ihr Schreien um Hilfe hat ihr nichts genützt, obwohl bestimmt 300 bis 400 Menschen in der Nähe waren. Ihre Angst fand niemanden, der sie in Schutz genommen hätte. Ihr Widerstand hat den Täter wahrscheinlich eher angestachelt. Diese junge Frau wurde das Opfer von Gewalt und Feigheit. Nur eine Frau hatte den Mut, nach der Polizei zu rufen.

Was haben wohl vor 2000 Jahren Mütter und Väter ihren Kindern erzählt, als sie wieder zu Hause waren, nachdem sie miterlebt hatten, was mit Jesus von Nazareth geschehen war? Haben sie gesagt: „Wissen wir nicht“? Und haben die Kinder vielleicht gefragt: „Der, der auf dem Esel ritt, der war so toll. Habt ihr Erwachsenen weggeschaut, als sie ihm wehgetan haben? Warum habt ihr ihm nicht geholfen? Warum habt ihr euch nicht eingemischt?“

Sich einmischen ist oft gefragt in unserer Gesellschaft. Persönliches, gesellschaftliches und wirtschaftliches Unrecht sind immer wieder da, obwohl wir in einer Demokratie leben. Denn auch hier herrscht Unrecht. Wir erleben es und lesen esjeden Tag in der Zeitung. Sich einmischen, etwas zu tun mit der Sorge füreinander, ist ein Kampf gegen die vielen Kreuze in unserer Welt: Rassismus, Diskriminierung und ungleiche Verteilung von Gütern, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Einmischung ist der Anfang, etwas gegen das zahllose Leid in unserer Welt zu unternehmen. Beispiele für Menschen, die sich eingemischt haben, gibt es in der Geschichte genug.

Einer, der sich immer wieder eingemischt hat, ist Jesus. Seinen Tod bedenken wir in dieser Zeit ganz besonders. Ein Tod, der nicht bei dem Schrecken stehen bleibt, nicht bei der Verachtung der Menschen, der Diskriminierung und Ausgrenzung. Jesus’ Tod ist ein Symbol für das Leben und für die Liebe – die Liebe Gottes zu uns Menschen und die Liebe zwischen den Menschen. Im Angesicht des Todes kommt dem Leben eine große, hoffnungsspendende Bedeutung zu. Diese gilt es zu entdecken, in sich zu spüren und weiterzugeben, indem wir uns einmischen und füreinander Sorge tragen.

Christina Henke ist Pastorin an der
Thomaskirche Glashütte