Norderstedt
Expedition Ocean Change

Arved Fuchs und seine Crew im Wetterglück

Der Abenteurer aus Bad Bramstedt und die Mannschaft der "Dagmar Aaen" haben das Etappenziel Brest erreicht. Zu den Logbuch-Einträgen.

Bad Bramstedt/Brest. Logbucheintrag vom 12. Juli 2016

Brest

Das Finale der Fußball-Europameisterschaft ist das eine - an Bord der "Dagmar Aaen" allerdings zählte in den letzten Tagen nur die Watch - Battle: Welche Wache macht auf der Reise von den Azoren nach Brest die meisten Meilen ? Gewonnen hat die 08-12 Wache mit Jeremias, Steffen und Arved mit 391 sm, gefolgt von den Wachen 0-4 und 4-8 gleichauf mit jeweils 386 sm. Als Sieger der Herzen fühlt sich allerdings die 4-8 Wache mit Achim und Matze, weil es dieser Wache gelungen ist, nach verregneten Nachtwachen fast immer morgens die Sonne an den Himmel zu zaubern. Der Vollständigkeit halber: die EM-Wette hat Lauren gewonnen, vor Mauro und Matze. Aber Steffen war der einzige, der das Finale richtig getippt hat. Insgesamt war der Törn von den Azoren nach Brest geprägt von Wetterglück. Wir segelten lange Zeit in einem Hochdruckkeil südlich eines beeindruckenden Tiefdruckgebietes. Bei uns war es trocken und sonnig, nur der teils drei Meter hohe Schwell aus dem Tief lies die "Dagmar Aaen" kräftig rollen. Nach 10 Seetagen und rund 1200 sm ist das nächste Etappenzeil auf dem Weg zurück nach Deutschland mit der bretonischen Hafenstadt Brest erreicht. Hier findet alle vier Jahe ein gigantisches Seglertreffen statt. Erwartet werden mehr als 3000 Schiffe. Da darf die "Dagmar Aaen" natürlich nicht fehlen. Nach ein paar Tagen Erholung geht es weiter Richtung Nordsee. Anfang August soll die "Ocean Change" Expedition mit der Ankunft in Hamburg abgeschlossen werden. Matze Steiner

Logbucheintrag vom 07. Juni 2016

Kurs Biscaya

Heute am 7. Juni um 01:51 Uhr haben wir den Äquator überquert. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen, gegen 23 Uhr stellte sich Neptun mit seinem Gefolge ein, um die Äquatortaufe bei den unbefahrenen Seeleuten durchzuführen.

Traditionsgemäß mussten die Täuflingen dabei einige Prozeduren erleiden, bevor sie schließlich die Taufurkunde in den Händen hielten. Bei herrlichstem Wetter und unter Vollzeug segeln wir jetzt weiter mit Nordkurs.

Nachts können wir am Himmel jetzt zeitgleich das Kreuz des Südens und den großen Wagen sehen. Das Kreuz des Südens, das uns die letzten Monate begleitet hat, sinkt langsam Richtung Horizont. Noch ein paar Tage wir werden wieder den Polarstern sehen. Es ist großartig, die Veränderungen in der Natur zu beobachten.

Logbucheintrag vom 24. Mai 2016

Rio de Janeiro

Unter Heimir als Kapitän ging es nach einer unerwartet aufwendigen Ausklarierung in Piriápolis weiter gen Norden nach Brasilien. Mit zunehmenden Temperaturen füllt sich das Deck tagsüber so langsam mit Leben und Musik.

Neben einem riesigen Delfinschwarm konnten wir sogar einen Hai beobachten, der sich aber nicht sonderlich für uns zu interessieren schien. Eigentlich wollten wir in São Sebastião einklarieren, um dann die wohl schönste Bucht Brasiliens mit über 360 Inseln nördlich davon zu erkunden, doch das hat dank der nicht auf Privatboote ausgelegten Behörden leider nicht funktioniert.

So ging es dann mit einem Tag unter Segeln direkt nach Rio, wo wir mit dem Sonnenaufgang und Frühstück in der Hand an Ipanema und Copacabana sowie der Christus Statue und dem Zuckerhut vorbeiziehend einliefen. Rio de Janeiro ist eine unfassbar große Stadt - eingebettet in eine traumhafte Kulisse. Leider lässt die Seewasserqualität hier zu wünschen übrig, was nicht nur an dem ersichtlichen Müll an der Wasseroberfläche festzumachen ist. Hier in der Marina de Glória spricht auch der Gestank Bände.

Zuckerhut, Christus Statue, Santa Teresa, Lapa, Centro, Copacabana - es gibt einiges zu sehen und zu entdecken. Vor allem die Künstlerviertel Lapa und Santa Teresa sind einen Besuch wert, genau wie die grandiosen Aussichtspunkte Zuckerhut und Corcovado (Christus-Statue). Der ein oder andere Caipirinha darf natürlich auch nicht fehlen.

Zur Wiedergutmachung des fehlgeschlagenen Ankerversuchs nahe der Ilha Grande waren wir noch eine Nacht in Angra dos Reis und konnten einen kleinen Einblick in die atlantische Karibik Brasiliens erlangen.

Logbucheintrag vom 12. April 2016

Ushuaia

Wie immer vergeht die Zeit wie im Flug. Seit knapp drei Wochen sind wir jetzt schon in Ushuaia, Langeweile kommt nicht auf. An Bord ist wie üblich einiges in Ordnung zu bringen und zu reparieren. Außerdem verproviantieren wir die "Dagmar Aaen" für die nächste Etappe bis Piriápolis (Uruguay).

Trotzdem bleibt uns genug Zeit, Land und Leute etwas näher kennenzulernen. So erfahren wir z. B. Näheres über den Streik, der seit Ende Februar das kulturelle Leben fast lahmlegt. Es streiken hauptsächlich die Lehrer, weil sich ihre Arbeitsbedingungen drastisch verschlechtern sollen: Demnächst werden sie erst mit 50 Jahren pensioniert statt wie bisher mit 40! Durch den Streik findet an den staatlichen Schulen seit Ende Februar kein Unterricht statt (zum Jahreswechsel gab es gerade die dreimonatigen Sommerferien). Dass der Rest der Bevölkerung schlecht auf die Streikenden zu sprechen ist, können wir gut nachvollziehen.

Hier im Hafen von Ushuaia ist es sehr laut, umso mehr genießen wir unsere Ausflüge. Wir sehen wilde Pferde an der Playa Larga und Pinguine auf der Isla Martillo. Besonders beeindruckend ist die Wanderung zur Laguna Esmeralda, keine zehn Kilometer vom Meer entfernt befinden wir uns mitten im Hochgebirge.

Nationalpark Tierra Del Fuego

Der Weg dorthin führt durch ein Hochtal mit zahlreichen Biberdämmen (Foto, l.). Im letzten Jahrhundert hat man in Feuerland versucht, eine Biberzucht zu betreiben. Da die Winter bedingt durch die Nähe des Meeres aber viel milder sind als z. B. in Nordamerika, war ihr Fell nicht so dicht wie erhofft, das Projekt musste scheitern. Die Biber haben keine natürlichen Feinde, deshalb sind sie jetzt eine Plage und man wird sie nicht mehr los.

Bei unserer Tour in den Nationalpark Tierra del Fuego erleben wir eine sehr liebliche Landschaft und eine sehr vielfältige Vogelwelt. Hoch über uns zieht ein Kondor seine Kreise. Am Fluss treffen wir viele Caranchos an, das sind große Greifvögel mit farbenfrohem Kopf und mit einem Balzverhalten ähnlich wie bei Störchen (der Hals wird beim Begrüßen weit nach hinten gebogen).

Logbucheintrag vom 5. April 2016

Ushuaia

Seit die "Dagmar Aaen" am 5. August 2015 den Hamburger Hafen verlassen hat, hat sie insgesamt rund 12.000 Seemeilen - das sind über 22.000 km - zurückgelegt. Für ein traditionelles Segelschiff Baujahr 1931 wahrlich keine alltägliche Leistung. Insbesondere wenn man berücksichtigt, dass ein großer Teil dieser Reise in den extremen südlichen Breiten stattgefunden hat, die besonders in dem zurückliegenden Sommer von ungewöhnlich heftigen Stürmen begleitet wurde. Kap Hoorn, die Antarktis - Zeit für eine persönliche Bilanz.

Die "Dagmar Aaen" liegt derzeit in Ushuaia (Foto) im Claub Nautico. Man sieht dem Schiff die Strapazen der weiten Reise an: Tropensonne, Sturm und Gletschereis haben Spuren am Schiff hinterlassen. Der Lack ist rissig, die weiße Schanz wirkt matt und die Ankerkette hat bei unzähligen Ankermanövern rostige Tränen am Rumpf hinterlassen. Das ist zwar Kosmetik - aber nach acht Monaten Dauereinsatz ist eine kleine Überholung angesagt.

Die gute Nachricht: es ist nichts kaputt. Wir überprüfen das gesamte Rigg, einige Webeleinen werden erneuert, die Stagen gelabsalt und die Wanten geteert. Das Tauwerk wird auf Abnutzung geprüft und gegebenenfalls erneuert. An Deck wird geschliffen und gemalt während unter Deck der gesamte Sanitärbereich, die Maschinenanlage und die Generatoren einer gründlichen Überholung und Wartung unterzogen werden.

CO2-Untersuchungen

Ein Segelschiff - zumal wenn es aus Holz ist, ist wie ein lebender Organismus - es verlangt nach Pflege. Diese Aufmerksamkeit gewähren wir der "Dagmar Aaen" gerne. Wenn man bedenkt, welche Abenteuer und Sturmfahrten hinter dem Kutter liegen, erfüllt einen das auch mit einem Gefühl der Dankbarkeit und der Vertrautheit. Wir kennen jeden Schäkel, jeden Tampen, jedes Stück Holz des Schiffes. Die "Dagmar Aaen" ist unser Zuhause, unsere Lebensversicherung.

Und die Aufgaben, die wir uns gestellt haben?

Nicht alle Punkte, die wir uns vorgenommen hatten, konnten abgearbeitet werden. So gelang es uns trotz vollem Einsatz aller Beteiligten nicht, an den stürmischen Inseln Diego Ramírez, Ildefonso oder Isla Noir anzulanden, um Felsenpinguine mit Miniatursendern zu versehen. Aber über allen Wünschen und geplanten Vorhaben steht in diesen Breiten immer das Wettergeschehen. Eine Anlandung auf einer dieser Inseln war schlichtweg unmöglich - allen Bemühungen zum Trotz.

Auch die geplanten CO2-Untersuchungen im Meerwasser konnten nicht durchgeführt werden, da leider die finanziellen Mittel für die Anschaffung der teuren Messgeräte nicht verfügbar waren. Trotzdem hoffen wir, dass für die vor zwei Jahren begonnenen Messungen das erforderliche Equipment beschafft werden kann. Die Expedition "Ocean Change", die Reise der "Dagmar Aaen", geht schließlich weiter.

Auf der Habenseite gibt es viel Positives zu vermelden. So konnten zwei Dokumentationen für das ZDF angefertigt werden - sowie mindestens drei weitere Dokumentationen für "National Geographic Deutschland". Und letztlich ist es uns gelungen, ein so fernes und schwer erreichbares Ziel wie die Antarktis zu erreichen.

Das komplexe Thema Fischerei beschäftigt uns nach wie vor, ebenso die Untersuchungen zum Plastikmüll. Im weiteren Verlauf der Reise der "Dagmar Aaen" gibt es also noch viel zu tun. Ushuaia ist der Wendepunkt der Reise. Von hier aus geht es wieder Richtung Norden. Mitte April werden wir mit neuer Crew und überholtem Schiff durch die Le Maire Straße in den Südatlantik fahren und dann die Mündung des Rio de la Plata ansteuern - etwa 1.300 Seemeilen von Ushuaia entfernt.

Es ist herbstlich geworden auf der Südhalbkugel. Wir segeln weiterhin in den berüchtigten "Roaring Forties". Es bleibt also auch seglerisch anspruchsvoll.

Logbucheintrag vom 22. März 2016

Puerto Williams

Das anhaltend stürmische Wetter in der gesamten Kap Hoorn Region hat die geplanten Anlandungen auf der Isla Noir, den Ildefonso Inseln und Diego Ramírez scheitern lassen. Zwar ist die "Dagmar Aaen" trotz des rauen Wetters mit dem Biologen Dr. Klemens Pütz an Bord zu den Ildefonso Inseln gelangt - bei vier Meter Seegang und Starkwind war an ein Anlanden allerdings nicht zu denken. Schon das Aussetzen des Beibootes wäre zu gefährlich gewesen.

Die Inseln liegen südwestlich von Kap Hoorn und sind so klein, dass sie keinen Schutz vor Seegang gewähren können. Zudem sind sie extrem steil, so dass selbst bei moderaten seegangsbedingungen ein Anlanden schwierig ist. Unter den angetroffenen Umständen wäre jeder Versuch einer Anlandung lebensgefährlich gewesen.

Geplant war Felsenpinguine mit Minisendern auszustatten, um deren ozeanische Wanderung während des Winters verfolgen zu können. Dr. Klemens Pütz hat sich auf die Pinguinforschung spezialisiert und hatte gehofft, den extrem schwer erreichbaren Inseln mit der "Dagmar Aaen" einen Besuch abstatten zu können, um einige der Pinguine zu besendern, wie es im Fachjargon heißt.

Auch auf den Diego Ramírez Inseln wie schon zuvor auf der Isla Noir konnte wegen des stürmischen Wetters nicht angelandet werden. Lediglich auf der Staaten Insel, die zu Argentinien gehört, gelanges einigen Wissenschaftlern von einem anderen Schiff aus eine Felsenpinguinkolonie zu erreichen und einige Tiere zu besendern. Die von uns angesteuerten Inseln gehören zu Chile und sind den Westwinden und Stürmen besonders ausgesetzt.

Insgesamt wurden 628 Seemeilen von der "Dagmar Aaen" und ihrer Crew für dieses Forschungsvorhaben zurückgelegt. Da die Mauser der Pinguine in diesen Tagen endet, macht es auch keinen Sinn, es abermals zu versuchen. Die Pinguine haben die Inseln verlassen und sind wieder im Ozean auf Wanderschaft.

Trotz des engagierten Einsatzes aller Beteiligten war dem Projekt leider kein Erfolg beschieden. Das schmerzt und alle sind enttäuscht, aber man muss auch mit Niederlagen leben können. Einmal mehr wird deutlich, dass mit dem Kap Hoorn-Wetter nicht zu spaßen ist.

Logbucheintrag vom 13. März 2016

Isla Noir

Die Isla Noir mit ihrer großen Rockhopper-Pinguin-Kolonie bleibt für uns unerreichbar. Bis auf 25 Seemeilen sind wir an die Insel herangekommen, dann macht uns das Wetter endgültig einen Strich durch die Rechnung. Vier Meter hohe Wellen, Wind mit 45 Knoten - zusammen macht das eine Anlandung unmöglich. Es ist ein wenig zum Verzweifeln. Bis hierhin haben wir uns durchgekämpft, aber die Wetterprognosen bleiben beharrlich auf Sturm getrimmt. Das dieses Jahr selbst für hiesige Verhältnisse eine ungewöhnlich hohe Sturmhäufigkeit aufweist ist Gegenstand vieler Diskussionen und Unterredungen, die in den Häfen von Ushuaia und Puerto Williams stattfinden.

Selbst Skipper, die schon seit Jahrzehnten hier unten mit ihren Yachten unterwegs sind, schütteln die Köpfe. "Ob das mit dem El Niño Phänomen zusammenhängt?", sinnieren einige. Ich weiß es nicht, vielleicht ist es auch nur ein ungünstiges Jahr. Aber ich werde nach meiner Rückkehr Meteorologen befragen. Bei diesen Wind- und Seegangsverhältnissen ein Boot auszusetzen und anzulanden ist jedenfalls unmöglich. Zudem befindet sich die Isla Noir in einem weitgehend unvermessenen Seegebiet, das treffender Weise den Namen "Milky Way" trägt.

Es heißt so, weil sich die hohen Pazifikwellen in den unzähligen Riffen und Untiefen unablässig brechen und damit der See ein weißes, milchiges Aussehen verleihen. Ein Albtraum für Seefahrer. Ein weiteres Problem ist der Dauerregen. Um die kleinen Sender an den Pinguinen befestigen zu können, müssen die Tiere trocken sein. Diese Kombination aus trockenem und weitgehend moderatem Wetter ist hier derzeit absolut nicht im Angebot.

Ildefonso

Unser Wissenschaftler an Bord, Dr. Klemens Pütz, ist wie wir alle enttäuscht. Das ist bereits sein zweiter Versuch, der scheitert, um die Insel zu erreichen. Weiter abzuwarten hätte aber keinen Sinn gemacht, da für mindestens eine weitere Woche schlechtes Wetter zu erwarten ist. Was danach kommt, weiß keiner, da die Prognosen nicht so weit vorausschauen. Daher sind wir zurück nach Puerto Williams gefahren, um nun von der chilenischen Marine noch die Genehmigung für die Insel Ildefonso zu bekommen - dort gibt es ebenfalls eine Kolonie mit Felsenpinguinen.

Ob wir bei der Wetterlage dorthin gelangen werden ist keineswegs sicher. Die Insel liegt westlich von Kap Hoorn - derzeit sind dort Wellenhöhen von 8 Metern und 10-11 Windstärken angekündigt. Die Pinguine warten aber nicht auf uns. In etwa zwei Wochen werden die letzten von ihnen das Land verlassen und den südlichen Winter im Meer verbringen. Es zeichnet sich am nächsten Wochenende eine Wetterberuhigung ab. Wir werden in der Nähe von Kap Hoorn eine Warteposition beziehen - und die Daumen drücken, dass der Wettergott ein Einsehen hat...

Logbuch-Eintrag vom 4. März 2016

Puerto Williams

Mit dem Erreichen des kleinen Hafens am Beagle-Kanal beginnt der nächste Abschnitt der Ocean-Change-Expedition. Am gestrigen Donnerstag segelte die "Dagmar Aaen" von Ushuaia zurück nach Puerto Williams, von wo aus das Forschungsprojekt mit den Felsenpinguinen starten soll.

Neu an Bord sind neben Torben, Marcus und Uschi auch Marcel, der bereits im vergangenen Jahr mitgefahren ist, sowie natürlich der Wissenschaftler Dr. Klemens Pütz. Klemens ist der wissenschaftliche Leiter der Antarctic Research Trust (ART), einer 1997 gegründeten Stiftung, deren Ziel es ist, Forschung an antarktischen und subantarktischen Tieren durchzuführen, um diese Tiere und ihren Lebensraum besser schützen zu können.

In den kommenden Wochen stehen die Südlichen Felsenpinguine im Mittelpunkt des Projektes. Die Bestände des Südlichen Felsenpinguins sind seit Jahren rückläufig. Auf den Falklandinseln wurde in den letzten 80 Jahren ein Rückgang um über 80% beobachtet. Es wird vermutet, dass es sich um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren handelt, die räumlich und zeitlich ausgeprägt sind. Als Hauptursachen kommen die kommerzielle Fischerei, die Verschmutzung durch Öl und eine Erwärmung des Meeres mit bisher unbekannten Auswirkungen auf das Nahrungsangebot in Frage.

In der Nähe des südamerikanischen Kontinents, besondern auf zahlreichen Brutinseln im Bereich der chilenischen Fjorde, aber auch auf der argentinischen Insel Isla de los Estados, weisen die Bestände keinen vergleichbaren Trend auf. Ein Vergleich der winterlichen Nahrungsgebiete von Tieren aus rückläufigen (Falklands) und weitgehend stabilen Beständen (Argentinien, Chile) soll weitere Hinweise auf das Zusammenspiel der verschiedenen, sich negativ auf die Bestände auswirkenden Faktoren haben.

Dazu sollen Satellitensender auf Felsenpinguinen aus Kolonien rund um die Südspitze Südamerikas befestigt und anschließend die Wanderungen der Tiere verfolgt werden, um die bevorzugten Nahrungsgebiete und Wanderwege zu identifizieren. Während nämlich von den Falklandinseln bereits aus verschiedenen Kolonien Untersuchungen zu den Winterwanderungen der Felsenpinguine vorliegen, trifft das im Bereich des südamerikanischen Kontinents nur auf die Kolonie auf Isla de los Estados zu. Der Verbleib der Felsenpinguine im pazifischen Bereich ist hingegen noch völlig unerforscht.

Bis zu je 15 Sender sollen in den Kolonien Isla de los Estados (ARG), Diego Ramirez (CL), Isla Ildefonso (CL) und Isla Noir (CL) eingesetzt werden.

Logbuch-Eintrag vom 1. März 2016

Ushuaia

Reisen, die so lange dauern wie unsere sind zwangsläufig in Abschnitte untergliedert. Mit der Ankunft in Ushuaia liegt die stürmische Drake Passage und die Antarktis hinter uns - und damit hat ein ganz besonderer Reiseabschnitt ein Ende genommen, der noch immer intensiv nachwirkt.

Derzeit herrscht Aufbruchstimmung an Bord. Heute sind Brigitte, Hartmut, Rainer und Tim von Bord gegangen, um die Heimreise per Flugzeug anzutreten. Gestern ist bereits Pablo nach Hause geflogen. Dafür ist Marcus angekommen und morgen folgen Torben, Harald und Uschi.

Zwischenzeitlich wird gründlich Reinschiff gemacht, Wartungsarbeiten im Rigg und an der Technik werden durchgeführt, sowie neu verproviantiert und Wäsche gewaschen.

Es gibt jede Menge zu tun. Am 3. März geht es dann auf eine neue Etappe: Die Reise zu den Pinguinen. Klemens Pütz - ein Biologe, der für die Antarctic Research Foundation arbeitet, wird uns begleiten, um auf einigen schwer erreichbaren Inseln im Süden Chiles Pinguine mit Minisendern zu versehen. Ziel ist es, die Tiere während des Winters, den sie im Ozean verbringen, verfolgen zu können. Das hat alles natürlich einen tieferen Sinn, über den ich noch ausführlich berichten werde. Vorerst sind wir mit den Vorbereitungen für dieses Forschungsprojekt beschäftigt - und darüber hinaus genießen wir die ruhigen Hafentage.

Arved Fuchs

Logbuch-Eintrag vom 19. Februar

Melchior Island

Man wird bescheiden in diesen Breiten. Günstiger Wind - was ist das? Ganz bestimmt nicht Windstärke 7 - 8 genau gegenan bei Wellenhöhen von 5 bis 6 Metern. Und wohl noch weniger Orkanböen, die gestern mit 77 Knoten, entsprechend 142 km/h, über die Drake Passage hinweggezogen sind. Das entspricht Windstärke 13. Die Wellen wachsen dann auf 9 -10 Meter Höhe an. Entsprechend eindeutig ist die Empfehlung des Seewetteramtes Hamburg, das uns berät: "Abwarten!".

Die Warnungen in den Wind zu schlagen - um im Bild zu bleiben - wäre unseemännisch und dumm. Schwer ist nur die Abwägung, was ist vertretbar und was nicht? Man kann hier unten nicht auf anhaltend ruhiges Wetter hoffen. Die Drake Passage hat nicht umsonst einen notorisch schlechten Ruf. Sind also schon 5 Windstärken gegenan bei 3 - 4 Meter Welle günstig zu nennen? Was ist vertretbar und was leichtsinnig? Die Sturmtiefs ziehen sich wie Perlen auf die Schnur gezogen hintereinander hier durch. Natürlich haben nicht alle Orkanstärke. Aber 40 Knoten gegenan ist für ein so kleines Schiff einfach zuviel.

Nicht das es unbedingt bedrohlich wäre - aber man würde keine Seemeile weiter kommen sondern beigedreht liegen und abwettern. Dann doch besser hier bei den Melchior Inseln in einer gut geschützten Bucht abwarten. Nächste Woche soll das Wetter kurzfristig besser werden. Unsere Geduld wird auf eine harte Probe gestellt. Aber bekanntlich liegt in der Ruhe die Kraft. Und mal ehrlich - ist es nicht sogar ein Privileg ein wenig länger als geplant unter den Pinguinen, Robben und Walen in einer fantastischen Landschaft zu verweilen? Nein - uns geht es gut und wir werden auf günstigen Wind warten!

Logbuch-Eintrag vom 11. Februar

Argentine Islands

Wir unseren südlichsten Punkt der Reise erreicht: 65°15,681' S und 064°15,6' W. Diese Breite liegt bei den Argentine Islands auf der die ukrainische Forschungsstation Vernadsky liegt. Am Abend zuvor waren wir zu Besuch auf der Station. Es ist eine der ältesten aktiven Stationen in der Antarktis. Ursprünglich von den Engländern als Farady Station gegründet wurde sie 1996 an die Ukraine übergeben und wird seither von ihr weiter geführt.

Interessant ist, dass genau auf dieser Station in den achtziger Jahren das Ozonloch über der Antarktis entdeckt wurde. Die Station ist zwar ein wenig in die Jahre gekommen, wird aber sehr engagiert betrieben und wir wurden ausführlich über die wissenschaftlichen Aktivitäten unterrichtet.

Anschließend ging es ein Stockwerk höher, wo sich die Bar befindet, die noch aus der Zeit stammt, in der die Station von den Engländern betrieben wurde. Gerade als wir zum gemütlichen Teil des Abends kommen wollten, sorgte ein Blick aus dem Fenster für einen überstürzten Aufbruch: Mehrere große Eisschollen trieben auf die vor Anker liegende "Dagmar Aaen" zu, so dass wir auf schnellstem Wege zum Schiff mussten, um die Schollen abzuwehren. Am nächsten Morgen kamen die ukrainischen Wissenschaftler zu uns an Bord, um sich das Schiff anzusehen. Eine wirklich sehr nette Truppe und ein lohnenswerter Besuch.

Noch weiter nach Süden zu fahren schien uns in Anbetracht der Eislage und der uns zur Verfügung stehenden Zeit nicht ratsam. Diesen Sommer ist es in der Antarktis kühler als sonst, obwohl in den letzten 15 Jahren die Temperatur im Bereich der Halbinsel um bis zu 5 °C gestiegen sein soll wie uns die Ukrainer berichteten. Diesen Sommer gab es viele Stürme und schlechtes Wetter, so dass sich sehr viel Eis an der Küste gehalten hat.

Auf dem Weg zur Vernadsky Station haben wir auch schon der Petermann Insel einen Besuch abgestattet. Interessant ist, dass viele dieser Inseln von dem deutschen Kapitän Eduard Dallmann in den Jahren 1873/74 mit dem Schiff "Grönland" entdeckt worden sind. Dallmann hat wirklich Geschichte geschrieben - nicht nur in der Antarktis, sondern auch in der Arktis und im Südpazifik. Eine wirklich sehr interessante Persönlichkeit bei der es sich lohnt, sich einmal eingehender damit zu befassen.

Gestern haben wir dann zum zweiten Mal den Lemaire Channel passiert - eine atemberaubende Passage, die zwischen steilen und vergletscherten Bergmassiven hindurch führt. Heute liegen wir vor Anker vor Port Lockroy und studieren die Wetterprognosen für die Drake Passage. Morgen am Samstag fahren wir zu den Melchior Inseln und legen uns dort auf die Lauer, um ein günstiges Wetterfenster zu erwischen. Momentan stehen die Zeichen leider mal wieder auf Sturm. Mal abwarten, was die nächsten Tage bringen...

Fuchs und sein Team konnten die schützende Bucht am Kap Hoorn verlassen, um die Drake-Passage zu bewältigen. Knapp vier Tage hat die Überfahrt zu den Südlichen Shetlandinseln gedauert, wobei sich die Crew auf eine optimale Wetterberatung verlassen konnte. „Unser erstes Ziel war Half Moon Island, eine sichelförmige Insel, die den Kraterrand eines ehemaligen Vulkans darstellt. Von dort ging es weiter zum Decepetion Island, wo wir die Chance nutzten, uns eine alte Walfangstation anzusehen. Von 1910 bis 1931 befand sich hier die südlichste Trankocherei der Welt, die von der norwegischen Hector Whaling Company betrieben wurde. Dienstagabend nahm der Wind erneut zu“, schreibt Fuchs in seinem Online-Logbuch.

„Wir sind mächtig durchgerüttelt worden, aber wieder hat sich gezeigt, dass die „Dagmar Aaen“ ein tolles Seeschiff ist. Hinzu kommt eine hervorragende Crew“, so Fuchs weiter.

Leser des Hamburger Abendblatts können bei diesem Abenteuer dabei sein: Fuchs veröffentlicht seine Einträge ins Logbuch online im Abendblatt. "Ocean Change" heißt die Expedition, die mit der Überführung der "Dagmar Aaen" im August begann und zu den aufwendigsten gehört, die Fuchs jemals geplant und organisiert hat. Nachdem der Bramstedter in den vergangenen Jahren immer wieder die nördlichen Polarregionen angesteuert hat, zieht es ihn diesmal in die letzten Winkel auf der Südhalbkugel.

Logbucheintrag vom 3.2.2016

Curverville Island

Vor einer Woche hatte die lange Wartezeit endlich ein Ende und wir konnten am späten Montag die schützende Bucht am Kap Hoorn verlassen, um die Drake Passage zu bewältigen. Knapp vier Tage hat die Überfahrt zu den Südlichen Shetlandinseln gedauert, wobei wir uns auf eine optimale Wetterberatung verlassen konnten. Dadurch wurde es eine relativ schnelle Überfahrt. Unser erstes Ziel war Half Moon Island, eine kleine sichelförmige Insel, die den Kraterrand eines ehemaligen Vulkans darstellt.

Von dort ging es bei zunehmenden Winden weiter zur Decepetion Island, wo wir die Chance nutzten, uns eine alte Walfangstation anzusehen. Von 1910 bis 1931 befand sich hier die südlichste Trankocherei der Welt, die von der norwegischen Hector Whaling Company betrieben wurde.

Am gestrigen Abend nahm der Wind erneut zu, bei Böen über 50 Knoten aus SW und 4 - 5 Meter See war es mal wieder eine ordentliche Schaukelei, wir sind mächtig durchgeschüttelt worden. Aber wieder einmal hat es sich gezeigt, dass die "Dagmar Aaen" ein tolles Seeschiff ist, hinzu kommt eine super Crew, die hervorragenden Einsatz zeigt.

Es ist eine spektakuläre Landschaft, um uns herum sieht man überall vergletscherte Berge, hinzu kommt, dass wir das Vergnügen hatten, drei Buckelwale neben der "Dagmar Aaen" zu bestaunen durften. Die fanden das stürmische Wetter einfach toll und sind immer wieder gesprungen - faszinierend.

Mittlerweile ist es 23.10 Uhr, langsam wird es dunkel, dazu eine totale Windstille, einige der Berggipfel werden von der Sonne noch rot angestrahlt. Wir befinden uns auf dem Weg zur Cuverville Island inmitten der Gerlach Strait, gegen acht Uhr UTC wollen wir dort ankommen.

Logbucheintrag vom 24.01.2016

Kap Hoorn

Kap Hoorn trägt seinen schlechten Ruf vollkommen zu Recht - zu dieser Einschätzung sind wir hier alle an Bord gekommen. Seit Tagen schon zieht ein Tief nach dem anderen durch und dabei bläst es stets mit Sturmstärke. Eigentlich wollten wir am Samstag Richtung Antarktis los, aber die Meteorologen haben uns eindringlich davon abgeraten - sie hatten Recht! Im Kern des Tiefs betrug der Luftdruck 965 hPa. Windgeschwindigkeiten von über 50 Knoten, dazu eine 4-5 Meter hohe Windsee, die gegen eine alte Dünung läuft - da wartet man besser ab.

In einer Sturmpause ist es uns gestern aber immerhin gelungen, auf der Isla Hornos anzulanden. Auch das war nicht einfach, da wir ausgerechnet Nordwind hatten und die Anlandebucht nach Norden hin offen ist. Brigitte, Frauke, Volker und Pablo sind dann mit dem Schlauchboot an Land gefahren, während wir anderen die "Dagmar Aaen" auf Position gehalten haben. Eine Stunde Zeit hatten sie - dann habe ich sie über Funk eilig zurückgerufen, da Wind und Seegang weiter zunahmen.

In dieser Stunde sind sie sozusagen im Eiltempo über die Station gelaufen, um so viel Eindrücke wie möglich mitzunehmen, während wir an Bord sorgenvoll die Wetterentwicklung beobachtet haben. Kaum waren die vier wieder an Bord als es in Böen schon mit 40 Knoten auffrischte und wir uns eiligst in die Caletta Maxwell (55°49,445 S / 067°30,585 W) auf der Isla Hermite verholt haben. Diese kleine Bucht gibt nahezu Schutz vor allen Windrichtungen und so haben wir dort vor Buganker und zwei Landleinen festgemacht.

Inzwischen steigt der Luftdruck wieder und am Montag/Dienstag soll sich ein Hochdruckkeil durchsetzen, der günstige Winde für uns bereithält. Wir drücken die Daumen. Alle sind ein wenig genervt von der Warterei und wollen endlich in die Antarktis. Aber Ungeduld war noch nie ein guter Ratgeber - schon gar nicht in der Kap Hoorn Region. Aber jetzt scheinen die Zeichen endlich günstiger zu stehen - so günstig wie man es für die Drake Passage eben erwarten kann...

Logbucheintrag vom 20.01.2016

Caletta Martial

Die ersten Tage im neuen Jahr werden derzeit von den Schlagworten "Geduld" und "Abwarten" geprägt. Vom Neujahrstag an musste die Crew an Bord der "Dagmar Aaen" im chilenischen Puerto Wiliams ausharren, da Stürme mit bis zu 95 Knoten ein Auslaufen in Richtung Kap Hoorn unmöglich machten. Peter Sandmeyer und Harald Schmitt mussten zwangsläufig die Hilfe der Marine in Anspruch nehmen, um überhaupt zum Kap zu gelangen - immerhin waren sie vor Ort, um eine Dokumentation über das 400-jährige Jubiläum des Kaps für NG Deutschland zu produzieren. Beide sind mittlerweile wieder zurück in Deutschland, ebenso ist Micha Stockmann von Bord gegangen.

Ein neues Trio ist dafür dazugestoßen - Hartmut Schäfer und Rainer Kerzig sind zwei erfahrene Segler, die schon bei früheren Expeditionen dabei waren. Tim B. Frank ist ebenfalls wieder zurück. Bei der Reise zum Schiff galt es jedoch, mal wieder Geduld mitzubringen. Nach der Landung in Ushuaia gab die Fähre nach Puerto Williams kurzfristig ihren Dienst auf, erst mit Verzögerung kam das Trio an Bord des Haikutters an. Am Sonntag konnte Arved Fuchs mit seiner Crew dann endlich den Hafen von Puerto Williams verlassen - Ziel war es, durch die Drake Passage zu den antarktischen Halbinsel zu fahren.

Doch auf der Überfahrt ging es erneut ziemlich ruppig zu, Fuchs entschied sich, in der Bucht Caletta Martial Schutz zu suchen. Die Bucht gehört zu der unbewohnten Inselgruppe der Hermiten-Inseln, die rund 80 km südlich von Puerto Williams liegen. Benannt sind die Inseln nach dem niederländischen Admiral Jacques L'Hermite.

Auch hier heißt es nun wieder Abwarten. "Es kachelt recht kräftig", lautete der Kommentar Fuchs' zum aktuellen Wetter, während das Schiff vor Anker lag. Die Crew muss auf das richtige Wetterfenster warten. Hätte Fuchs sich entschieden, bereits am Montag die Überfahrt zu wagen, wären sie südlich von 60° in ein Starkwindfeld aus SW gekommen. Die Wetterdaten wechseln derzeit alle zwölf Stunden - bis Freitag wird Fuchs nun wohl abwarten, um dann die Drake Passage in Angriff zu nehmen.

Bis dahin heißt es täglich mehrfach Wetterdaten und GRIB-Daten sichten sowie die chilenischen Wetterkarten studieren...

Logbucheintrag vom 12.01.2016 von Arved Fuchs

Williwaws

Es ist immer noch Sturm. Besonders eindrucksvoll sind die Williwaws - Böenwalzen, die mit unvorstellbarer Gewalt durch die Berge preschen, das Wasser aufpeitschen, an den Festmacherleinen zerren und die Fender bis kurz vor dem Platzen zusammendrücken.

Hier liegen wir zwar sicher, aber alle an Bord möchten weiter. Aber das wäre einfach unvernünftig. Ich möchte jetzt nicht in der Haut einiger der Charterskipper stecken, deren Passagiere nervös auf ihr Zeitbudget blicken. Antarktis hin und zurück in gut drei Wochen - und dann der anhaltende Sturm. Da wird die Zeit knapp.

Da ist Osvaldo besser davor. Er ist der Eigner und Skipper der "Polarwind" - einer ungemein stabilen und gut ausgestatteten Segelyacht. Osvaldo ist Chilene, spricht aber fließend Deutsch - neben einigen weiteren Sprachen - und er kennt wie kaum ein zweiter dieses Fahrtgebiet. Osvaldo kennt hier jede Ecke und jedes Schlupfloch. Osvaldo bietet Fahrten in die chilenischen Kanäle und Fahrten zum Kap Hoorn an. Das ist deutlich entspannter und planbarer als eine Fahrt über die Drake Passage.

Er gibt uns immer die neuesten Wetterinformationen, die er direkt von der chilenischen Marine bezieht. Momentan ist er wie alle anderen in Puerto Williams eingeweht. Die chilenische Marine sperrt bei besonders heftigem Sturm den Hafen. Heute war der Hafen kurzfristig auf - jetzt ist er gerade wieder zu. Am Wochenende soll es endlich besser werden. Dann hoffen wir den Sprung über die Drake Passage angehen zu können. Henryk, unser polnischer Freund, hat gesagt: "Die Ruhe ist heilig, nur die Daumen haben es eilig."

Das gilt für dieses Seegebeit in einem besonderem Maße.

Arved Fuchs

Logbucheintrag vom 07.01.2016 von Arved Fuchs
Das Kap zeigt seine Zähne!

Über die Weihnachtstage und den Jahreswechsel konnte man fast den Eindruck gewinnen, dass das Wetter der Kap Hoorn Region weit besser ist als sein Ruf. Milde 25 °C in der Sonne, blauer Himmel und eine schwache Brise ließen Erinnerungen an einen norddeutschen Sommer wach werden.

Mit dieser Beschaulichkeit ist es endgültig vorbei. Die Kap Hoorn Station meldet Windstärken zwischen 40 - 58 Knoten und eine Wellenhöhe von 6 m - und das schon seit Tagen. Die Prognose für die nächsten fünf Tage: Eine Wetterbesserung ist nicht zu erwarten. Der Wind soll eher noch zulegen. Gestern haben wir mit Osvaldo zusammengesessen. Osvaldo ist der Eigner und Skipper der "Polarwind", einer robusten und komfortabel eingerichteten Stahlyacht. Osvaldo ist Chilene und hat früher u. a. als Leuchtturmwärter auf Kap Hoorn gearbeitet. Ganz allein ist er dort gewesen. Seine Schilderungen über die Stürme, die er dort erlebt hat, stimmen nachdenklich.

Draußen ist derzeit der Teufel los

Bei einem Sturm hat es die mit Stahlseilen gesicherte Unterkunft um 10 cm angehoben. Bei der "Landung" sind alle Fenster zerbrochen. "Bei Kap Hoorn muss man immer noch etwa 15 Knoten Windgeschwindigkeit zu Wetterprognosen hinzurechnen", sagt Osvaldo. Kap Hoorn ist nicht nur ein Mythos, Kap Hoorn trägt seinen schlechten Ruf zurecht.

Die chilenische Marine hat gestern wegen der aktuellen Wetterlage vorausschauend extra einen größeren und leistungsstärkeren Hubschrauber nach Puerto Williams angefordert und stationiert, für den Fall, dass irgendwelche Seenoteinsätze erforderlich sein sollten.

Zusammen mit zahlreichen anderen Yachten aus aller Welt liegen wir seit Tagen in Puerto Williams und warten gemeinsam auf besseres Wetter. Überall aufgeklappte Laptops, vor denen Crews sitzen und sich gemeinsam die Wetterdaten anschauen. Skipper, die an der Reling stehen und sich mit krauser Stirn besprechen, überall nachdenkliche Gesichter. Hier sind alle sicher! Aber ein Blick auf den Beagle Canal lässt keine Fragen offen. Da steht eine "gute 6 Beaufort" mit 1,5 - 2 m Welle aus West - und das ist das geschützte Innenfahrwasser. Draußen ist derzeit der Teufel los.

Wir können nur abwarten, bis das Sturmtief durchgezogen ist...

Arved Fuchs

Logbucheintrag vom 01.01.2016 von Arved Fuchs
Neujahr

Die Feiertage sind vorbei und wir bereiten uns auf die nächsten Aufgaben vor. Zunächst haben wir die Tage in Puerto Williams dazu genutzt, das Schiff gründlich zu überholen. Immerhin liegen rund 9500 Seemeeilen hinter der Dagmar Aaen und Zeit für Wartungsarbeiten gab es nur wenig. Das anhaltend gute Wetter hat es uns ermöglicht, auch Malerarbeiten durchzuführen, während ich selbst in den Maschinenraum abgetaucht bin, um die Technik zu überprüfen und zu warten. Neben der Arbeit blieb aber auch Zeit die Insel Navarino zu erkunden. Mit am beeindrucklensten finde ich die schiefen Bäume, die überall wachsen und Zeugnis darüber abgeben, wer hier die maßgebliche gestalterische Kraft ist. Der Wind – oder besser gesagt der Sturm.

Neben der alten Micalvi liegen wir aber wie in Abrahams Schoß. Um uns herum liegen nette Nachbarn, allen voran Greg und Keri, die wir schon seit den neunziger Jahren mit ihrer Yacht Northhanger kennen. Inzwischen haben sie ein weiteres Boot, die Saoirse, mit der sie Projekte in Kooperation mit Wissenschaftlern durchführen.

Gabi, Matthias und Nick haben uns verlassen und befinden sich auf dem Heimweg, dafür sind Peter Sandmeyer, Harald Schmitt und Volker Wenzel wieder an Bord gekommen. Morgen wollen wir die Leinen los werfen und erneut zum Kap Hoorn aufbrechen. Die Wetterprognose ist allerdings alles andere als günstig: Windstärke 8, in Böen 9-10 Beaufort, dazu Seegangshöhen von 4 m. An ein Anlanden ist unter diesen Gegebenheiten nicht zu denken. Bis Freitag soll es weiterhin so wehen – eben Kap Hoorn Wetter - danach wird es hoffentlich besser.

Logbucheintrag vom 30.12.2015 von Matthias Steiner

Besuch an Bord

Mauro ist ein engagierter junger Mann. Der Argentinier aus Buenos Aires hat drei Monate auf Norderney gelebt und dort das Segeln lieben gelernt. Nun ist er in Puerto Williams der Liebling aller Kinder. Er hat das wichtigste Freizeitangebot für die Jugend des Ortes aufgebaut. Eine Segelschule. Acht Optis stehen zur Verfügung. Täglich sind die Steppkes aus Puerto Williams mit Mauro auf dem Wasser. Entweder direkt im geschützten Seitenarm des Beagle Canal, oder - wenn es der Wind zulässt - draußen auf dem stürmischen Gewässer. "Wer hier Segeln lernt, der kann es", zollt auch Arved dem Engagement des Segellehrers Respekt. Und ganz nebenbei schenkt der Kapitän der "Dagmar Aaen" den Kindern auch noch etwas ganz besonderes zu Weihnachten.

Die Kleinen dürfen zu uns an Bord. In Sekundenschnelle klettern zwölf Nachwuchssegler auf das Schiff. Zuerst gibt es eine Führung in jeden Winkel der "Dagmar Aaen". Mauro ist als Übersetzer im Dauerstress. In der Messe folgt dann eine Powerpoint - Präsentation über die Geschichte der Dagmar, über die Expeditionen und über die Arktis. Arved hat es sich nicht nehmen lassen, den Vortrag selbst vorzubereiten. Das Interesse ist riesengroß. Die 8 bis 12-Jährigen wollen alles wissen. Wieviele Leute braucht man zum Segelsetzen, wo schläft die Besatzung. In Seelenruhe beantwortet Arved alle Fragen. Fortan ist die "Dagmar Aaen" ein zentrales Gesprächsthema in Puerto Williams. Auch für uns als Crew sind die Tage ausgefüllt. Mit meterweise Schmirgelpapier wird das Eichenholz von den Spuren der gut 9000 Semeilen langen Reise an den Südzipfel der Erde befreit (Foto). Ab mittags folgen dann die Lackierarbeiten.

Zusätzlich werden die Wanten nachgespannt und Überholungen im Rigg vorgenommen. Arved genießt die Wartungsarbeiten am geliebten Dreizylinder Callesen-Diesel. Aber auch die Naturerlebnisse kommen ncht zu kurz. Wir wandern durch Urwald und verschiedene Vegeationnszonen auf den 590 Meter hohen Hausberg von Puerto Williams (Foto) oder erleben die unberührte Natur am Ufer des Beagle Canal. Eines Abends gibt es eine spontane Jamsession in der Messe der "Dagmar Aaen". Keri aus Canada hat das internationale Segler - Orchester zusammengerufen: Sie selbst spielt die Ukulele, Nick sitzt an der Djembe, Greg (Foto) aus Neuseeland hat ein Elektroschello mitgebracht, Gabi gibt per Shaker den Rhythmus vor, Jacqui aus Korsika bedient virtuous das Akkordeon und Micha spielt Gitarre - mit Verständigung über Gehör entsteht klingende Völkerverständigung, wie sie besser nicht gelebt werden kann.

Prominenter Besuch kommt auch vorbei. Die "Wawa 2" ankert vor der südlichsten Kleinstadt der Welt. Die knapp 100 Meter lange Superyacht gehört Ernesto Bertarelli, dem jungen Milliardär, der mit seineer Segelyacht Alinghi 2003 erstmals für die Schweiz den America's Cup gewann. Standesgemäß geht es per Helicopter von Bord zum Einklarieren an Land.. Auch wenn wir ungläubig den Kopf schütteln - es ist spannend, solche Gegensätze zwischen unserer Art des Reisens und dem Jetset hautnah mit zu erleben. Im Ort selbst laufen die Vorbereitungen auf Sylvester. Eine Marineformation (Foto) übt in Galauniform mit Trompete und geschulterten Gewehren ein Zeremoniell für den Jahreswechsel - wir werden uns überraschen lassen.

Logbucheintrag vom 25.12.2015 von Matthias Steiner

Weihnachtsgeschichte aus Feuerland

Die Sonne scheint an diesem Morgen in Puerto Williams. 10,5 Grad ist es warm. Im Hintergrund weiß verzuckerte Berge. In der Nacht hat es in höheren Lagen geschneit. Insgesamt 26 Schiffe aus aller Herren Länder haben sich an Heiligabend im Micalvi Yacht Club versammelt oder ankern in der Bucht vor dem gesunkenen Rheindampfer, der als Clubhaus dient. Dann plötzlich Alarm.

Blaulicht und Martinshorn. In einer Staubwolke kommt der moderne Feuerwehrwagen von Puerto Williams vor der Micalvi zum stehen. Als die Türen aufspringen, staunen wir an Bord nicht schlecht. Heraus springt - der Weihnachtsmann! Umringt von lachenden Feuerwehrmännern ruft er "Feliz Navidad" herüber, dann steigt die Mannschaft wieder ein und die Feuerwehr verschwindet im Staub.

Direkt neben der Dagmar Aaen im Päckchen liegt die "Outer Rim". Auf der Luxusyacht mit Heimathafen Hamburg läuft Weihnachtsmusik. Die Münchner Crew hat vier kleine Kinder dabei, die sich auf Heiligabend freuen. Seit eineinhalb Jahren ist die Familie bereits auf See. Bei uns an Bord laufen die Vorbereitungen für den Weihnachtsschmauss. Lammkeulen werden eingelegt und Michael backt Vanillekipferl.

Um 17 Uhr versammelt sich die Crew zur überraschenden Bescherung. Gabi hat kleine Geschenke aus Deutschland mitgebracht. Dazu gibt es leckeren Glühwein. Per Würfelspiel kann man eine oder mehr der eingepackten Spaß-Präsente ergattern. Nach einer Tausch-Würfelrunde geht es ans Auspacken. Das Gelächter ist groß. Arved hat sich zielsicher eine wunderschöne Krawatte mit "Rudolf the red nose reindeer" - Motiven ausgesucht. Auf Knopfdruck spielt der Binder sogar eine Weihnachtsmelodie. Die Krawatte trägt er den ganzen Abend.

Matze hat ein Duftspray für die Toilette bekommen und Michael freut sich über ein Kartenquiz mit garantiert nutzlosen Fragen. Am Abend wird es dann voll in der Messe. Jacques und seine Schweizer Gäste von der Yacht Moana sind herüber gekommen. Das Weihnachtsmenü besteht aus einer Kürbissuppe als Vorspeise. Ein Genuss! Im Hauptgang werden leckerste Lammkeulen an einem Süßkartoffelmus gereicht. Zum Abschluss gibt es eine Argentinische Süßspeise.

Bis tief in die Nacht sitzen wir in der gemütlichen Messe und erzählen.. Auf der Outer Rim haben die Kinder eine Arktisstation aus Lego bekommen und sind begeistert dabei, die Einzelteile zusammen zu bauen. Ansonsten bleibt es ruhig im Hafen. In den meisten Ländern wird das Fest erst am 25.12. gefeiert. Als Weihnachtsspaziergang steht für uns eine Wanderung in die Berge auf dem Programm. Gemeinsam mit Kreg und Keri aus Neuseeland und Canada wollen wir ein Barbeque am Lagerfeuer genießen.

Logbucheintrag vom 24.12.2015

In einer Videobotschaft, die er über Facebook verbreitet, wünscht Arved Fuchs allen, die seine Expedition verfolgen, frohe Weihnachten vom Kap Hoorn.

Logbucheintrag vom 22.12.2015 von Matthias Steiner

Feuerland

Auf der Südhalbkugel unserer Erde hat gerade der Hochsommer begonnen. Mittags um 12 Uhr steht die Sonne im Norden. Wenn der kalte Wind von den Bergen ausbleibt, haben wir an Bord fast T-Shirt-Wetter. Jetzt an Weihnachten zu denken, fällt nicht leicht. Bei genauerem Hinschauen findet man aber auch in Feuerland Hinweise auf das Fest. Da sind zum einen die schneebedeckten Gipfel der Isla Navarinho, der größten Insel südlich des Beagle Canal.

Im argentinischen Hafen Ushuaia entdecken wir in einem Schaufenster einen kleinen Christbaum mit jeder Menge Kunstschnee. Auf der Isla Hornos, am sagenumwobenen Kap Hoorn, hat der Stationsleiter mit seiner Familie einen Plastikbaum mit bunt blinkender Lichterkette aufgestellt. Auf dem zentralen Platz von Puerto Williams, der südlichsten Stadt der Welt mit rund 2100 Einwohnern, steht sogar ein großer, geschmückter Baum und daneben eine Krippe mit hüfthohen Holzfiguren. Wo immer wir in Argentinien oder Chile einen Weihnachtsbaum finden, ist es der Plastik-Nachbau einer nordischen Tanne, obwohl es diese Bäume hier unten in der Natur gar nicht gibt.

Nordeuropäische Bräuche haben sich also bis in die südlichsten Regionen der Welt durchgesetzt. In einigen Fenstern der kleinen Holzhäuser von Puerto Williams hängen Weihnachtsgirlanden. Und selbst auf der Micalvi steht ein kleines Plastikbäumchen. Die Micalvi ist ein alter deutscher Rheindampfer, der 1928 an Chile verkauft wurde und in den 1970er Jahren im Hafen von Puerto Williams auf Grund ging. Dort liegt das graue Schiff immer noch. Die aus dem Wasser ragenden Aufbauten bilden das Vereinshaus des Micalvi Yacht Clubs, des südlichsten Segelclubs der Welt.

Im Päckchen mit bis zu sechs Schiffen liegen hier Boote aus aller Herren Länder. Auch wir werden dort Weihnachten feiern. Bei uns an Bord finden sich auch schon die ersten Hinweise auf das Fest des Jahres. Matze hat zwei rote Zipfelmützen mitgebracht. Michael ist wild entschlossen, Weihnachtsplätzchen nach dem Rezept seiner Mutter zu backen und Glühweingewürze sind auch schon aufgetaucht.

Nach umfangreichen Wartungsarbeiten am Schiff wollen wir die Festtage ruhig und entspannt im Kreise der weltweiten Seglerfamilie verbringen. An Bord hat es einen weiteren Crewwechsel gegeben. Die Filmcrew, Thomas und Marcel haben das Schiff verlassen. Dafür ist Arveds Ehefrau Brigitte an Bord gekommen, und Matze freut sich, dass seine Frau Gabi und sein Sohn Nick ebenfalls zu Besuch auf der "Dagmar Aaen" eingetroffen sind. Weihnachtspräsente wird es dieses Jahr nicht geben, aber das macht nichts, denn Heiligabend an Bord der "Dagmar Aaen" in Feuerland ist für uns auf dem Schiff eh das größte Geschenk, das wir uns vorstellen können.

Logbucheintrag vom 17.12.2015 von Matthias Steiner

Caletta Olla

Das Surren wird lauter. Von Achtern nähert es sich der "Dagmar Aaen", umkreist das Schiff und verschwindet in der Höhe. An Bord nimmt allerdings niemand Notiz von dem Flugobjekt, das surrend in der Luft schwebt. Das Desinteresse hat seinen Grund: Wir sind mitten in Dreharbeiten. Tim B. Frank steuert seine Kamera-Drohne gekonnt über eine Fernsteuerung von Land aus um die "Dagmar Aaen" herum. Jeder Blick der Crew zur Drohne oder schlimmstenfalls ein Winken würde die Filmaufnahmen zerstören. Die Bilder werden Teil einer Dokumentation, die Bernd Siering und Uwe Agnes für ZDFInfo erstellen.

Wir ankern in der Caletta Olla, einer perfekt geschützten Bucht am Nordufer des Beagle Canal. Als wir nachts hier ankamen, lagen bereits drei Yachten in der Bucht. Aber die sind nun weg, und wir können allein die grandiose Natur um uns herum genießen. Nur diverse Landleinen, die an Bäumen am Ufer festgemacht sind, zeugen davon, dass auch chilenische Fischer oft diesen Ort anlaufen, um bei schlechtem Wetter Schutz zu finden. Am Nachmittag geht es mit Sack und Pack auf eine Wanderung.

Nach einem Aufstieg durch unwegsames Gelände hat man einen wunderbaren Ausblick. Auf der einen Seite ein See vor der Abbruchkante eines Gletsches. Auf der anderen Seite die Bucht mit der "Dagmar Aaen" vor Anker. Über uns kreist ein Condor, wir glauben auch zwei Seeadler zu erkennen. Mehr Natur geht nicht. Für die Filmcrew hat sich die Schlepperei von Kameras, Stativ und Drohne gelohnt.

Wunderbare Naturaufnahmen entstehen. Davon können wir uns am Abend an Bord bei einer Materialsichtung am Laptop überzeugen. Wir dürfen gespannt sein auf die Dokumentation, die Ende Januar 2016 bei ZDFInfo ausgestrahlt werden soll. Unser nächstes Ziel sind die Gletscher weiter im Westen des Beagle Canal.

Logbucheintrag vom 15.12.2015 von Arved Fuchs und Matthias Steiner

Kap Hoorn

55 Grad, 59 Minuten Süd, 67 Grad 16 Minuten West. Das ist die magische Position. Das ist Kap Hoorn. Die Südspitze Südamerikas. Der Ort, wo Südpazifik und Südatlantik aufeinander treffen, wo rund 10.000 Seeleute den nassen Tod fanden. Das Kap der tragischen Geschichten, der Seemannsschicksale. Bis zu drei Monate brauchten früher die großen Frachtsegler, um sich gegen den vorherrschenden Westwind von 50 Grad Süd auf dem Atlantik bis 50 Grad Süd auf dem Pazifik um Kap Hoorn zu kämpfen. Daran müssen wir alle an Bord denken, als wir uns bei überraschend moderaten Verhältnissen dem mysthischen Ort nähern.

Um 04:00 Uhr waren wir in Puerto Toro auf der Isla Navarinho aufgebrochen. 55 Seemeilen sind es von dort bis zum Kap. Bei Wind aus SW um die 15 Knoten können wir ein gutes Stück unter Groß, Fock und Klüver segeln. Gegen Mittag passiert uns auf Gegenkurs ein chilenisches Marineschiff. Mit an Bord sind dort Uwe Agnes und Bernd Siering, die gerade von der Islas Hornos zurückkehren. Sie hatten die Möglichkeit, auf der Insel Filmaufnahmen zu machen.

Als wir am Nachmittag querab von Kap Hoorn sind, ist die Stimmung an Bord eine Mischung aus Euphorie, Faszination und Ergriffenheit. Kein Wunder, heißt es doch, dass für Segler Kap Hoorn so etwas ist wie der Mount Everest für Bergsteiger. Die Kameras klicken. Arved beweist wieder einmal, dass er sich mit den Bräuchen der Seefahrt wirklich auskennt: Bevor alle Crewmitglieder einen Schluck Rum bekommen, gießt er ein Glas für Rasmus und die "Dagmar Aaen" in die See. Und sofort reißt der Himmel auf. Bei Sonnenschein können wir den Leuchtturm, die riesige chilenische Flagge und das Monument für das Andenken an die ertrunkenen Seeleute erkennen.

Ein toller Moment. Dazu gibt es Zigarren und Arved erzählt von seiner Umrundung des Kaps Mitte der 80er Jahre mit einem Faltboot. Für ihn ist es bereits der vierte Besuch am Kap Hoorn. Den Namen hat das sagenumwobene Kap übrigens von einem Niederländer bekommen. Es war Wilhelm F. Schouten, der vor genau 400 Jahren als erster den Seeweg um die Südspitze Amerikas fand und dem Kap den Namen seiner niederländischen Heimatstadt Hoorn gab.

Früher nannten sich weltweit die Seeleute Kap Hoorniers, wenn sie um die Südspitze Südamerikas gesegelt waren. Wir dürfen das nicht. Denn man musste auf einem Frachtsegler dort unten rumgekommen sein. Und das haben wir natürlich nicht gemacht. Im Vergleich zu dem, was die Seeleute auf den Windjammern leisten mussten, war unser Besuch am Kap Hoorn wirklich nur ein kleiner Ausflug.

Unser nächstes Ziel ist Puerto Williams.

Logbucheintrag vom 14.12.2015 von Arved Fuchs

Puerto Williams

Vier Jahreszeiten innerhalb weniger Stunden soll man hier unten in Feuerland erleben können, sagt der lokale Volksmund. Das stimmt. Beim Auslaufen in Puerto Williams scheint die sommerliche Sonne, auf dem Beagle Canal erwartet uns Starkwind wie im Herbst. Dann folgt das winterliche Schneetreiben und kurz danach steigen die Temperaturen auf frühlingshafte 7 °C. Das Fahrtgebiet jenseits von 54 Grad Süd hat nicht nur in Sachen Wetter jede Menge zu bieten.

Zum Beispiel chilenische Gastfreundschaft. Es ist 22 Uhr Abends, als wir in Puerto Toro einlaufen. Die südlichste Gemeinde der Welt liegt auf 55 Grad 05 Minuten Süd. Maximal 36 Menschen leben hier. Fischer, Marinesoldaten, Polizisten und ihre Angehörigen. Als wir ankommen, ist die zentrale Pier des Dorfes überraschend leer. Kein einziges Fischerboot. Nur zwei Weltumsegler sind da. Die "Iorana" aus Belgien und die "Tari 2" (ohne Landesflagge am Schiff). Der Chef der Marinestation nimmt unsere Leinen an und begrüßt uns herzlich. Seine beiden Töchter haben für Arved Bilder gemalt. Schnell erfahren wir, warum Platz an der Pier ist: Die Centoalla (Riesenkrabben) - Fangsaison ist in der Sommerpause.

Derzeit sind nur noch 17 Menschen in Puerto Toro. Sechs Erwachsene, sechs Kinder und fünf Polizisten. Es fehlt eigentlich an nichts, erzählt uns Raul, der Polizeichef, der sich auf seine Ablösung kurz vor Weihnachten freut. Es gibt eine Kirche, eine Schule und sogar eine kleine Turnhalle. Nur Zigaretten sind Mangelware. Da es keine Straße hier gibt, müssen alle Waren per Schiff angelandet werden. Raul verabschiedet sich kurz nach Hause. Als wir unser Festmacherbier getrunken haben, ist er schon wieder zurück.

In der Hand ein tiefgefrorenes Centoalla-Fleisch. Das tauscht er gegen zwei Päckchen Glimmstengel. Für die Crew steht damit ein Festessen an. Fabian, der Bootsmann und Koch bereitet eine leckere Knoblauchmayonnaise vor und dann beginnt der Festschmaus. In der Fangsaison von Februar bis November gehen pro Schiff und Tag rund zwei Tonnen Riesenkrabben in die Fangkörbe. Entsprechend unspektakulär ist für die Chilenen in Feuerland die Centoalla - in Europa dagegen ist das hummerähnliche Fleisch eine fast unbezahlbare Delikatesse.

Vor der Abreise aus Puerto Williams hat es auf der "Dagmar Aaen" einen weiteren Crewwechsel gegeben. Uwe Agnes und Bernd Siering, die beiden Dokumentarfilmer, sind für einige Tage an Bord gegangen. Sie haben die einmalige Chance, mit einem Schiff der chilenischen Marine direkt zur Isla Hornos zu fahren, um das legendäre Kap Hoorn von der Landseite aus zu filmen. Zurück an Bord ist Matze Steiner aus Hamburg, er reiste sogar per Boot an. Vom argentinischen Hafen Ushuaia aus nahm ihn Louis, ein pensionierter Banker auf seiner 30 ft Yacht names "Austral" mit. In einem fünfstündige Törn mit besten Segelbedingungen ging es über den Beagle Canal nach Puerto Williams.

Von der Marine haben wir die Genehmigung zu bekommen, Kap Hoorn zu umrunden. Die Spannung an Bord steigt...

Logbucheintrag vom 11.12.2015 von Arved Fuchs

Ushuaia

Endlich wieder an Bord! Es ist schon ein tolles Gefühl, die "Dagmar Aaen" dort im Yachthafen von Ushuaia liegen zu sehen. Als sei das selbstverständlich, dabei liegen über 9000 Seemeilen hinter dem Schiff, seit es am 5. August in Hamburg losgefahren ist. Für Volker, der die ganze Reise verantwortlich an Bord war, davon den größten Teil als Kapitän, beginnt erst einmal der wohl verdiente Urlaub. Anfang Januar kommt er dann wieder an Bord, um die Antarktisreise mitzufahren.

Aber nicht nur Volker sei an dieser Stelle Dank gesagt - mein Dank gilt der gesamten Crew, die das Schiff sicher und wohl behalten hierher gebracht hat. Das Schiff befindet sich in einem guten Zustand. Man sieht es der "Dagmar Aaen" wirklich nicht an, was hinter ihr liegt. Leider gibt es viel Bürokratie mit Ein- und Ausklarieren, aber da muss man durch. Inzwischen liegen wir schon in Puerto Williams, in Chile.

Von hier aus geht es morgen in Richtung Kap Hoorn. Das Wetter war bisher sehr schlecht: stürmisch und kalt. Hier ist immerhin Sommer. Zudem gab es Nachtfrost und es hat geschneit. Das finden selbst die Einheimischen sehr ungewöhnlich. Ab Sonntag soll es aber besser werden. Die chilenische Marine ist sehr hilfsbereit und fördert unser Filmprojekt über Kap Hoorn. Im Januar sind es 400 Jahre, dass Kap Hoorn zum ersten Mal umsegelt worden ist. darüber machen wir mit der TOPAS Filmproduktion eine Dokumentation für das ZDF. Es ist schon wirklich eine wilde Gegend hier.

Der kleine Yachtclub in Puerto Williams besteht aus einem vor vielen Jahren gesunkenen ursprünglich deutschen Rheindampfer. Er dient jetzt als Yachtclub, an dem Yachten aus aller Herren Länder festmachen. In der Micalvi ist es urgemütlich, es gibt Duschen, eine Bar und Aufenthaltsräume, an deren Wänden die Flaggen und Andenken weit gereister Yachten hängen. Aber jetzt geht es erstmal zu der "Mutter aller Kaps" – dem Kap Hoorn. Ich werde berichten...

Logbucheintrag vom 7.12.2015 von Arved Fuchs

Ushuaia

Nach der Ankunft der "Dagmar Aaen" in der vergangenen Woche hat am Wochenende nun ein erneuter Crewwechsel stattgefunden. Arved Fuchs ist erstmals nach der Etappe auf den Bissagos-Inseln wieder an Bord des Haikutters und hat das Schiff von Volker Wenzel übernommen. Am Sonntag um 15:50 Uhr Ortszeit kam Fuchs gemeinsam mit Fabian Schlüssel und Michael Stockmann in der Hauptstadt der Provinz Tierra del Fuego an und verschaffte sich einen Überblick.

Wenzel wird nach der Übergabe in einen wohlverdienten Weihnachtsurlaub gehen, um sich von der langen Reise von Hamburg über Afrika und Brasilien bis nach Ushuaia (Foto) zu erholen. Ebenfalls von Bord gegangen sind Lara Winkler, Fabian Reith und Volker Janke. Noch in dieser Woche werden jedoch die Filmleute der Topas Produktionsgesellschaft an Bord gehen, um mit den Dreharbeiten für die geplanten TV-Dokumentationen "400 Jahre Kap Hoorn" und "Silberkondor über Feuerland" zu beginnen.

Bei der Ankunft in Ushuaia war strahlender Sonnenschein bei kühlen 4 °C mit 40 Knoten Wind, der sich über die Nacht wieder beruhigt hatte. Einen ausführlichen Bericht von Arved Fuchs gibt es in den kommenden Tagen.