Norderstedt
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Ein umfangreicher Kunstfund in Garstedt

Überall im Haus am Langen Kamp lagern die Zeichnungen und Ölbilder, von Christoph Fellinghauer teilweise aufwendig gerahmt

Überall im Haus am Langen Kamp lagern die Zeichnungen und Ölbilder, von Christoph Fellinghauer teilweise aufwendig gerahmt

Foto: Andreas Burgmayer / HA

In einem Haus am Langen Kamp zeichnete und malte der Künstler Christof Fellinghauer ein Leben lang – und hinterließ Tausende Bilder.

Norderstedt/Quickborn.  Das unscheinbare Einfamilienhaus liegt verlassen am Langen Kamp in Garstedt. Seit der Bewohner Christof Fellinghauer 2013 starb, gibt es augenscheinlich kein Leben mehr unter diesem Dach. Wer aber in den zweiten Stock des Hauses geht und eine der Kunstmappen öffnet, wer in den Keller steigt und einen der vielen Schränke öffnet, wer die steile Holztreppe zum Atelier unter dem Dachfenster erklimmt und in Kisten schaut, der findet das Leben, tausendfach, festgehalten in vielen Posen mit Bleistift, Kohle, Kreide oder Öl.

Christof Fellinghauer war Lehrer, Kunsterzieher, aber eigentlich doch immer zuerst Künstler. Er lehrte ganz kurz am Coppernicus-Gymnasium in Norderstedt und danach über Jahrzehnte am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Quickborn. Seit 1970 lebte, malte und zeichnete er bis zu seinem Tod in Norderstedt. Sein Lebensthema war das Porträt. Über die Jahrzehnte hat Fellinghauer Hunderte seiner Schüler im Portrait festgehalten. In ausdrucksstarker, handwerklich meisterhafter und teilweise fotorealistischer Lebendigkeit.

Das Pikante an den Porträts: In einer unbekannten Zahl an Fällen sind die Bilder ohne das Einverständnis der Porträtierten entstanden. Die Schüler wussten zum Teil nicht einmal davon, dass ihr Lehrer sie zeichnete. Denn Fellinghauer arbeitete mit Fotos der Jugendlichen. Das ist auch der Grund, warum der Lehrer die Bilder zeitlebens nie aus der Hand gab oder verkaufte.

„Zu mir sagte er: Das sind alles meine Kinder, die gebe ich nicht her“, sagt die Norderstedterin Lydia Simon. Die 84-Jährige war für Fellinghauer zeitlebens eine gute Freundin. Sie ist die Witwe von Fellinghauers Cousin Ernst Simon, Professor und langjähriger Leiter der Hauptabteilung Technische Projekte der Lufthansa – eine Lufthanseaten-Legende. Mit dem Hinweis, doch in Norderstedt Lehrer zu werden, hatte das Ehepaar den Künstler-Cousin in den 60er-Jahren aus Wien nach Norderstedt gelockt.

Fellinghauer vererbte Lydia Simon seinen gesamten Besitz. „Als ich ihn kurz vor seinem Tod fragte, was ich mit seiner Kunst machen soll, wenn er mal nicht mehr ist, da machte er nur eine wegwerfende Bewegung mit der Hand über die Schulter“, sagt Lydia Simon. „Aber das kann ich nicht. Dafür sind die Bilder doch viel zu schön.“

Die alte Dame kann unmöglich alleine das künstlerische Vermächtnis des Malerfreundes kuratieren und einlagern. Und auch ihre beiden erwachsenen Kinder wissen sich nicht zu helfen. „Es sind unheimlich schöne Porträts ehemaliger Schüler unter den vielen Tausend Bildern“, sagt die Tochter Hiltrud Simon. „Doch es wäre eine unheimliche Arbeit, das alles zu ordnen. Und: Wie sollen wir die Porträtierten finden, die doch sicher Interesse an diesen Originalen hätten?“

Die Familie Simon möchte das Haus am Langen Kamp renovieren und verkaufen. Doch zuerst müssen die Bilder gesichert werden. Nur wo und von wem? Überall im Haus sind sie gelagert, unsachgemäß in staubigen Schränken im Keller, an die Wand gelehnt in den Wohnräumen, neben dem Nachttisch im Schlafzimmer. Die Originale der Schüler-Porträts liegen, von Pergament-Papier geschützt, in Kunstmappen, gestapelt in Schränken. Manche der Zeichnungen hat Fellinghauer koloriert und aufwendig gerahmt.

Über die Qualität und den Wert der Bilder müssten Gutachter urteilen. Hohen ideellen Wert haben die Bilder in jedem Fall für die Schüler und deren Angehörige. Doch die sind schwer zu ermitteln. „Das ist eine unheimliche Arbeit, die wir als Schule nicht leisten können“, sagt Angelika Lahrs, Schulleiterin des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums in Quickborn, an dem Künstler Christof Fellinghauer bis zu seinem Tod als Studienrat lehrte. „Die Bilder sind ja nicht mehr von aktuellen Schülern. Da müssten wir tief ins Archiv steigen und die Adressen ermitteln.“ Eine Ausstellung in der Schule hält sie auch nicht für umsetzbar. „Wer soll die Bilder ordnen und aufhängen? Wir haben dafür keine Kapazitäten, auch nicht, um die Bilder zu lagern. Außerdem ist die fehlende Einwilligung der Schüler bei vielen Porträts sicher ein Problem.“

Fellinghauer sei ein stiller und in sich gekehrter Kollege gewesen. Nicht unbeliebt, aber verschroben. „Er war im Lehrerzimmer nicht sehr präsent. Ein sehr höflicher und leiser Mensch“, sagt Lahrs. „Ich habe ihn nur zu fachlichen Themen gesprochen. Und ihn darauf hingewiesen, Porträts nur nach Einholung von Einverständniserklärungen zu fertigen.“ In ein paar Fällen sei dies dann auch geschehen. Wenn sich nun also niemand findet, der die Kunstwerke sichert und lagert, dann werden sie wohl einem Entrümpler übergeben oder gleich im Müll landen. Das Schicksal, das der Fellinghauerschen Kunst droht, ist offenbar kein einsames. „Ich habe in meinem Bekanntenkreis viele Kinder verstorbener Künstler von hohem Rang. Und die haben den Keller voll mit den teilweise wertvollen Werken ihrer Eltern und bekommen diese auch nicht los“, sagt Heidi Koß. Die Malerin und Bildhauerin ist Vorsitzende des Kunstkreises Norderstedt.

Museen des Landes können sich aus Kostengründen nicht um die Künstlernachlässe kümmern. „Es ist die alte Frage: Ist das Kunst, oder kann das weg?“, sagt Dr. Kirsten Baumann, Direktorin des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf in Schleswig. Kunst, wie die von Fellinghauer, sei eben ein Privatvergnügen, und es sei nicht einzusehen, warum die Öffentlichkeit für die Bewahrung aufkommen soll. „Das ist ein weltweites Problem. Alle Museen sind voll, alle Depots auch. Wir können das Lagern, Restaurieren und Katalogisieren der Nachlässe weder bezahlen noch personell wuppen“, sagt Baumann. In Deutschland gebe es nur einige wenige Kunstarchive, die ausgewählte Nachlässe übernehmen. Künstlern werde deshalb grundsätzlich geraten, das eigene Werk zu Lebzeiten abzuverkaufen. Baumann: „Ansonsten bleibt den Erben nur übrig, die Bilder zu verschenken oder dem Kunsthandel zu übergeben.“ Oder zu vernichten.