Norderstedt
Norderstedt/Quickborn

Künstlernachlass: Wer erkennt sich auf den Bildern wieder?

Das Atelier des Künstlers unter dem Dach des Hauses am Langen Kamp

Das Atelier des Künstlers unter dem Dach des Hauses am Langen Kamp

Foto: Andreas Burgmayer / HA

Christof Fellinghauer porträtierte jahrzehntelang seine Schüler. Erben brauchen Unterstützung, um die Bilder zu ordnen und zu sichern.

Norderstedt/Quickborn.  Christof Fellinghauer malte in offenbar fast schon obsessiver Intensität Porträts mit Bleistift, in Kohle oder Kreide. Über Jahrzehnte entstand so eine Sammlung aus mehreren Tausend Bildern. „Es war die Kunst, zu der Fellinghauer eben neben seinem Beruf als Studienrat am Gymnasium noch fähig war“, sagt seine Freundin Lydia Simon.

Im Haus am Langen Kamp stehen aber auch viele Ölgemälde aus vergangenen Jahrzehnten. Unsachgemäß in Schränken gestapelt, teilweise aufwendig gerahmt. Weltuntergangs-Szenarien aus der 70er- und 80er-Jahren, Frauenakte, Landschaften. Die vielen Porträts der Schüler sind nicht alle mit den Namen der Jugendlichen versehen. „Manche Eltern hatten Christof gebeten, ihnen das Original zu verkaufen“, erinnert sich Lydia Simon. „Doch das machte er nie. Er ging dann in einen Copy-Shop, ließ das Original kopieren und rahmte dieses für die Eltern.“

Lydia Simon stand über die Jahre immer wieder Modell für ihren Freund – in ihrem Haus in Harksheide hängt ein Porträt in Öl, das die 84-Jährige als junge Frau lesend zeigt. Zwischen den Porträts der Schüler finden sich Bleistift-Zeichnungen, die Lydia Simon in verschiedenen Phasen ihre Lebens zeigen.

Für Fellinghauer war sie eine Vertraute. Denn Lydia Simon war es, die ihn nach Norderstedt brachte. Fellinghauer lebte Mitte der 60er-Jahre als Bohèmien in Wien, hatte an der Kunstuniversität in Graz studiert und befand sich mitten in der Existenzkrise, als Vetter Ernst Simon und seine Frau Lydia zu Besuch kamen. „Damals wurden in Norderstedt und in der Region die Gymnasien aufgebaut, und es herrschte Lehrermangel“, sagt Lydia Simon, „für einen guten Kunsterzieher eine Chance.“ Tatsächlich war der damalige Schulleiter des Coppernicus-Gymnasiums, Willi Rasche, froh, dass ihm Lydia Simon den Künstler aus Wien andiente. „Sie schickt der Himmel, sagte Rasche zu mir. Er brauchte einen Kunstlehrer für das Kollegium im Gymnasium Quickborn, das er damals gerade aufbauen sollte.“ Rasche war es zudem, der Fellinghauer in seiner ersten Zeit in Norderstedt auch mal finanziell unterstützte, wenn es eng wurde. „Ich war mal dabei, wie Rasche ihm 50 Mark zugesteckt hat“, sagt Lydia Simon.

Am Coppernicus-Gymnasium wirkte Fellinghauer kaum. Heute kann sich dort niemand an ihn erinnern. „Zumindest habe ich keinen Kollegen gefunden, der mir etwas über ihn erzählen konnte“, sagt die Direktorin Heike Schlesselmann.

2013 starb Christof Fellinghauer. Er litt an Bauchspeicheldrüsenkrebs. „Es war unglaublich, wie schnell ein ansonsten völlig gesunder Mann innerhalb von einem halben Jahr abbaute und starb“, sagt Lydia Simon.

Ob die Kunst des Lehrers ihn noch weiter überlebt, ist ungewiss. Die Familie Simon sieht sich nicht in der Lage, die Bilder einzulagern. Jemand müsste die Bilder aus dem Haus ordnen, vielleicht digitalisieren, damit sie für Interessenten über das Internet einsehbar wären. Wenn sich aber niemand findet, der sich des Kunstnachlasses annimmt, wird nach dem Künstler auch die Kunst des Christof Fellinghauer sterben.

Wer von Christof Fellinghauer porträtiert wurde, eine seiner Kunstklassen im Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Quickborn besuchte und Interesse an einer Zeichnung hat, kann sich in der Redaktion melden unter norderstedt@abendblatt.de. Gerne vermitteln wir auch freiwillige Helfer, die den Künstlernachlass sichten und sichern wollen, an die Familie von Lydia Simon.