Norderstedt
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Tafel öffnet nur noch alle 14 Tage

Andrang vor dem Tafel-Container am Schützenwall: Um 15 Uhr beginnt die Lebensmittel-Ausgabe

Andrang vor dem Tafel-Container am Schützenwall: Um 15 Uhr beginnt die Lebensmittel-Ausgabe

Foto: Michael Schick

Immer mehr Flüchtlinge kommen zu den Ausgabestellen. Einrichtung muss Öffnungszeiten einschränken, weil Lebensmittel nicht reichen

Norderstedt.  Die Zahlder Kunden ist in den letzten Monaten rasant in die Höhe geschnellt. Das Team der Norderstedter Tafel versorgt fast 1000 Bedürftige pro Woche mit Lebensmitteln, vor zwei Jahren waren es nicht mal halb so viele. „Das ist einfach nicht mehr zu schaffen“, sagt Tafel-Chefin Ingrid Ernst. Das ehrenamtliche Team komme an seine Grenzen, der Ausgabe-Raum verkrafte nicht mehr Einkäufer, und das Warenangebot der Supermärkte sei begrenzt. Ursache der kräftig gestiegenen Nachfrage ist der Zustrom an Flüchtlingen, die das Angebot der Tafel ebenfalls wahrnehmen.

Um einen geregelten Betrieb aufrechterhalten zu können, schränken die ehrenamtlichen Helfer die Ausgabe ein: Jeder bekommt nur noch zweimal im Monat Lebensmittel, bisher konnte er sich jede Woche mit Obst, Brot, Tee und anderen Produkten eindecken. Jeder Kunde bekommt ein farbiges Kärtchen, auf dem seine Abholtermine vermerkt sind. Bei jedem Einkauf wird ein Termin mit einer Lochzange entwertet. Das Tafel-Team hat blaue und rote Karten für den 14-tägigen Wechsel anfertigen lassen. Die neue Regelung beginnt nächste Woche, es wird, so die Tafelchefin, einige Wochen dauern, bis die veränderte Verteilpraxis funktionieren wird.

Jeder Flüchtling erhält 359 Euro Grundsicherung im Monat

650 Asylsuchende sind im vorigen Jahr nach Norderstedt gekommen, bis Ende dieses Jahres soll die Zahl auf 1400 steigen. Sobald sie die Erstaufnahmeeinrichtungen verlassen und, wie in Norderstedt, ihre Unterkünfte bezogen haben, bekommen sie 359 Euro Grundsicherung einschließlich Taschengeld, 40 Euro weniger als Hartz-IV-Empfänger. „Wir zeigen den Asylbewerbern, wie sie zur Norderstedter Tafel kommen. Sie sollen genauso behandelt werden und die gleiche Chance haben, ihre Einkäufe durch das kostenlose Angebot zu ergänzen wie die Menschen, die hier leben“, sagt Susanne Martin vom Willkommen-Team. Und natürlich nutzen die Menschen, die aus den Krisengebieten geflohen sind, jede Möglichkeit, ihr Leben günstig zu finanzieren, genauso wie Norderstedter Obdachlose oder Menschen mit schmalem Budget.

Für einen Euro pro Einkauf können die Tafelbesucher Tüten und Körbe voll packen. Wie alle, die auf das Lebensmittel-Angebot im Container am Schützenwall zurückgreifen, müssen sie ihre Bedürftigkeit nachweisen. „Meistens bringen die Flüchtlinge einen DIN-A-4-Bogen mit Lichtbild mit, aus dem hervorgeht, dass sie in einer Flüchtlingsunterkunft wohnen. Wenn wir Lawaetzstraße oder Harkshörner Weg lesen, reicht uns das schon“, sagt Silke Gehrckens, die immer dienstags die Ausgabe leitet.

Die Ersten sitzen schon um 14 Uhr auf einer niedrigen Mauer neben dem Ausgabe-Container. Doch die Tür öffnet sich erst eine halbe Stunden später: „Wir warten noch den Bus ab, der die Flüchtlinge von der Lawaetzstraße bringt“, sagt Heike Reinecke, eine aus dem Team der Freiwilligen, deren Zahl inzwischen auf 160 angewachsen ist und jetzt die Folgen von Angela Merkels „Wir schaffen das“ zu spüren bekommen.

Weil die Ware knapp wird, ärgern sich die deutschen Stammkunden der Tafel über die Konkurrenz aus den Kriegs- und Krisengebieten. „Für uns bleibt nichts mehr übrig, weil wir die Flüchtlinge durchfüttern müssen“ – das sei noch eine vorsichtig formulierte Variante der oft viel krasseren Sätze, die der Sozialneid erzeugt, sagt die Tafelchefin. Das Missverhältnis zwischen Andrang und knappem Warenkorb drohe, einen Keil zwischen die Norderstedter, die wenig haben, und die Asylsuchenden zu treiben.

„Aber genau das wollen wir nicht“, sagt Ingrid Ernst, „wir behandeln alle gleich“. Das Problem: Das Angebot an Lebensmitteln reicht nicht, damit sich jeder wie bisher einmal pro Woche eindecken kann. Die vier Fahrer der Tafel fahren rund 50 Lieferanten ab, überwiegend Supermärkte, aber auch Bäcker, und sogar eine Tankstelle gibt weiter, was aus den Regalen genommen werden muss und noch genießbar ist. „Mehr ist nicht drin. Im Gegenteil, die Einkaufsmärkte reduzieren ihre Lagerhaltung eher“, sagt Susanne Martin.

Die Stadt Norderstedt kann nicht mehr Geld zur Verfügung stellen

Wartelisten wie andere Tafeln will Ingrid Ernst nicht einführen. Sie sieht die einzige Chance darin, die Ausgabe zu rationieren, was Andreas Sinclair missfällt: „Bisher spare ich rund 1000 Euro im Jahr durch die Tafel, künftig wird das nur noch die Hälfte sein, und das ist ein kräftiger Schlag ins Kontor“, sagt der Norderstedter, der Arbeit sucht und Hartz-IV-Leistungen bekommt. Er will sich mit dem eingeschränkten Angebot nicht abfinden und fordert die Stadt oder, besser noch, den Bund auf, mehr Geld bereitzustellen, damit die Tafelteams Ware zukaufen können.

Dafür sieht Norderstedts Sozialdezernentin Anette Reinders keine Möglichkeiten: „Die Stadt kann weder Lebensmittel kaufen noch mehr Geld zur Verfügung stellen. Das ist schon rechtlich nicht möglich, weil die Geldleistungen für die Asylbewerber so bemessen sind, dass sie davon ihr Leben bestreiten können.“ Gut eine Million Flüchtlinge sei im Vorjahr nach Deutschland gekommen, damit müssten die Menschen erst mal klarkommen. Die Asylbewerber treten in Konkurrenz zu den Menschen, die ohnehin schon Not leiden. Das schlage in Norderstedt auf den schon vorhandenen Mangel an bezahlbaren Wohnungen durch, aber auch auf das Angebot der Tafeln. „Jeder muss sich einschränken“, sagt die Norderstedter Dezernentin.