Norderstedt
Auslandstagebuch

In Saigon bleibt keine Zeit für Langeweile

Vyvy Tran aus Henstedt-Ulzburg absolviert derzeit einjährigen Freiwilligendienst in Vietnam. Hier besucht sie die Stadt Dalat im zentralen Bergland

Vyvy Tran aus Henstedt-Ulzburg absolviert derzeit einjährigen Freiwilligendienst in Vietnam. Hier besucht sie die Stadt Dalat im zentralen Bergland

Foto: Vyvy Tran / HA

20-jährige Henstedt-Ulzburgerin Vyvy Tran absolviert Freiwilligendienst in Vietnam. Im Abendblatt berichtet sie über ihren Alltag.

Wenn man viel Neues erlebt, dann vergeht die Zeit sehr schnell. Bei mir in Vietnam ist sie so schnell vergangen, dass ich nicht glauben kann, dass nun schon fast ein Viertel meines Aufenthaltes in Saigon vorbei ist.

Am 5. September bin ich hier gelandet, ohne zu wissen, worauf ich mich einlassen würde. Meine ersten Eindrücke hier ließen mich daran zweifeln, ob ich mich jemals gut einleben könnte. Inzwischen glaube ich sagen zu können, dass ich mich trotz aller Widrigkeiten gut zurechtfinde. Ich empfinde Saigon als chaotisch, verwirrend, alles andere als menschenleer. Trotzdem wirken die Stadt und das Leben nach vier Monaten vertraut.

In Saigon begegnen ihr viele seltsame Dinge

Ein Student bei meiner Einsatzstelle sagte zu mir einmal: „The streets of Saigon are like a matrix to me“, und das beschreibt es ziemlich gut. Es gibt viele kleine Straßen und Hems, die von großen Hauptstraßen abgehen, auf denen sich die Motorräder der Einwohner manchmal stockend, manchmal mit einer beängstigenden Geschwindigkeit fortbewegen, und so richtig kenne ich mich hier noch nicht aus. Aber das macht nichts. Ich habe in meiner ersten Woche meine erste Mitfahrt auf dem Moped erlebt, mich langsam aber sicher an das Vietnamesischsprechen herangetastet und überquere mittlerweile die vollen Straßen, ohne in Panik auszubrechen.

Morgens begegnen mir auf den Straßen Saigons viele seltsame Dinge. Auch nach zwölf Wochen Aufenthalt entdecke ich immer noch viele neue Dinge, die mich verblüffen, zum Lächeln oder Nachdenken bringen.

Ein Morgen fängt für mich damit an, mich zunächst durch die kleinen Gassen zur großen Hauptstraße Bach Dang zu bewegen. Wie man diesen Namen korrekt ausspricht, weiß ich immer noch nicht, aber ich weiß, dass es auf dieser Straße jeden Morgen eine Stelle gibt, an der auf einmal alles stecken bleibt. Busse, Motorräder und Autos scheinen sich immer kurz vor der Ampel dazu zu entscheiden, einen Stau zu verursachen.

Bevor ich jedoch zu dieser Straße komme, geht es erst einmal durch ein kleines Gassenviertel, das alle kulinarischen Köstlichkeiten bietet, die mein Herz begehrt. Saigon hat viele solcher Ecken, in denen man die verschiedensten Wohnviertel entdecken kann. Sie machen irgendwie den Charme der Stadt aus, finde ich.

Meine einstündige Busfahrt zur Projektstelle ist geprägt von netter, mir Vietnamesisch beibringender Gesellschaft, und erinnert mich daran, dass die hier gesprochene Sprache sich sehr von den Sprachen unterscheidet, die ich beherrsche.

Beim Lesen stelle ich häufig fest: Das Wort, welches ich zu lesen meine, ist nicht unbedingt immer das Wort, was ich lesen sollte. Und das Wort, was ich schreiben möchte, entspricht leider häufig nicht ganz dem Wort, das ich letztendlich auf Papier bringe. Aus dem Wort „quý“, was so viel wie „wertvoll“ bedeutet, wurde dann schnell „quy“, ein weniger schönes Wort. Und als jemand auf die Frage „Bist du vorhin satt geworden?“ mit „No“ antwortete, war ich mir nicht sicher, ob es „no“ im Sinne vom vietnamesischen „satt“ oder im Sinne vom englischen „nein“ gemeint war.

Die Sprache der Eltern sprechen

Ich glaube, die Sprache wird stets dafür sorgen, dass mir niemals langweilig sein wird, denn häufig ist es Unterhaltung für mich genug, die Worte an vorbeiziehenden Gebäuden zu entziffern. Ob ich mein Ziel erreichen werde, am Ende dieser zwölf Monate ein Buch in normalem Tempo lesen zu können oder einen vernünftigen Aufsatz zu schreiben, daran lassen mich meine Lernfaulheit und die Vielfältigkeit der Sprache derzeit noch zweifeln. Doch schon die Tatsache, dass ich mich hier traue (und natürlich häufig dazu gezwungen bin), die Sprache meiner Eltern zu sprechen, bedeutet mir schon eine Menge.

Wenn man mich fragt, was mir hier in Saigon am besten gefällt, so lautet meine Antwort schon seit meiner Ankunft hier stets „die Menschen“. Wenn ich die Welt der Reiseblogs durchforste, treffe ich häufig auf die Aussage: „It’s not about the places you go, it’s about the people you meet along the way“. Für meine Erlebnisse hier trifft dies voll und ganz zu.

Ich bin hier noch nicht viel herumgekommen, habe mich noch nicht getraut, selbst auf einem Moped die Schönheit der Stadt zu entdecken, und wage es zu sagen, dass die meisten Gassen, durch die ich bisher gegangen bin, nicht gerade die Art von Schönheit aufzeigen, für die man nach Barcelona oder Rom reisen würde. Und trotzdem finde ich das Leben hier richtig schön – dank der Menschen, die mir täglich mit Freundlichkeit, Offenheit und teilweise auch Neugier begegnen. Sei es auf der Arbeit, wo ich das Glück habe, sowohl die Studenten als auch die Mitarbeiter und Lehrer kennenzulernen, in der Musikgruppe, der ich mich in meiner ersten Woche hier angeschlossen habe, oder die ältere Dame mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn bei mir um die Ecke, deren Nuoc Mia (Zuckerrohrsaft) mir den Nachhauseweg versüßt. Trotz meiner anfangs noch sehr gebrochenen Sprachkenntnisse reichten sofort wenige Worte aus, um einander mit Herzlichkeit zu begegnen.

Bei einem kurzen Blick auf meinen Wochenverlauf stelle ich immer wieder verwundert fest, wie schnell sich die Tage und Abende mit neuen Plänen und Erlebnissen füllen. Um mich an den Studentenaktivitäten zu beteiligen, schlafe ich in der Regel zwei Abende die Woche im Studentenwohnheim, wo ich mir mit drei Studentinnen ein Zimmer teile. Die restlichen Tage verbringe ich in Ho-Chi-Minh-Stadt, genauer gesagt im Binh-Thanh-Distrikt. Dort teile ich mir mit zwei weiteren weltwärts-Freiwilligen eine Wohnung.

Schnittstelle zwischen den Kulturen

Mein Arbeitstag beginnt um 8.30 und endet um 16.30. Häufig stelle ich fest, dass eine Uni doch aus mehr besteht als nur Studenten und Professoren – an die vielen Departments, die alle Angelegenheiten regeln, hatte ich nie gedacht. Ich beteilige mich an vielen Studentenaktivitäten und helfe derzeit, einen „German Culture and Language Club“ auf die Beine zu stellen, denn die Studenten der Vietnamesisch-Deutschen Universität haben großes Interesse an der Sprache und der deutschen Kultur.

Als Deutschsprechende in Englisch mit vietnamesischen Muttersprachlern die deutsche Sprache zu üben und die deutsche Kultur zu teilen, das beschreibt mein Leben hier also ziemlich gut. Es ist ein Durcheinander von Sprachen, Kulturen und Menschen, und ich habe das Gefühl, als in Deutschland geborene Vietnamesin mich genau auf der Schnittstelle zu befinden. Dies so erleben zu können, ist für mich unerwartet wunderbar, und ich blicke schon jetzt gerne auf die Erlebnisse in Vietnam zurück und freue mich noch mehr auf die Dinge, die ich hier in Zukunft noch erleben darf.

In unregelmäßigen Abständen berichtet Vyvy Tran im Hamburger Abendblatt über ihre Zeit in Vietnam.