Norderstedt
Kreis Segeberg

Wenn der Mitarbeiter zur Dienstkraft wird

Zimmermann? Wohl eher nicht. Schon lange kämpfen Sprachwissenschaftlerinnen für eine geschlechtergerechte Sprache

Zimmermann? Wohl eher nicht. Schon lange kämpfen Sprachwissenschaftlerinnen für eine geschlechtergerechte Sprache

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Die Segeberger Kreisverwaltung hat einen Leitfaden zur geschlechtergerechten Sprache herausgegeben. Seit einem Jahr liegt dieser vor.

Kreis Segeberg.  „Mann“ kennt es, „Frau“ auch: Wird der Fragebogen für ein Kind ausgefüllt, wird am Ende gefragt, wer Erziehungsberechtigter oder gesetzlicher Vertreter ist. Warum eigentlich? Dürfen nur Väter unterzeichnen? Eine Veranstaltung wurde von 20 Teilnehmern besucht. Stimmt das? Natürlich nicht: Es waren mindestens 13 Teilnehmerinnen darunter. Seit über 40 Jahren fordern feministische Sprachwissenschaftlerinnen, dass sich ein modernes Verständnis vom Verhältnis Frau zu Mann auch in der Sprache abbilden soll. Aber die Gesellschaft tut sich schwer damit, der Sprache das Männliche auszutreiben. In der Segeberger Kreisverwaltung wird jetzt ein offizieller Versuch unternommen, die geschlechtergerechte Sprache einzuführen.

Einstimmig billigte der Kreistag die Einführung eines Leitfadens „geschlechtergerechte Sprache“ in der Verwaltung. Im Norderstedter Rathaus liegt dieser Leitfaden, erarbeitet von der Landesarbeitsgemeinschaft der Gleichstellungsbeauftragten, bereits seit Januar 2015 vor. In Henstedt-Ulzburg will die Gleichstellungsbeauftragte Svenja Gruber ihn während einer der nächsten Sitzungen des Gemeinderats präsentieren.

In der Norderstedter Stadtverwaltung sind Verwaltungsmitarbeiter angehalten, die aufgeführten Punkte bei ihrer täglichen Arbeit umzusetzen. Einen richtigen politischen Beschluss aber gibt es nicht, auch eine Kontrolle, ob die geschlechtergerechte Sprache sich durchsetzt, ist nicht vorhanden. Wie nachlässig mit der Umsetzung offenbar umgegangen wird, zeigt sich schon beim Blick auf die Startseite der städtischen Homepage (www.norderstedt.de): Das Wort „Bürgerservice“ hat einen männlichen Charakter, müsste also, laut Leitfaden, geändert werden. Zum Beispiel in „BürgerInnenservice“ oder „Service für die Einwohnerschaft“. Statt „Ansprechpartner/-innen“ müsste es laut Leitfaden „Ansprechpersonen“ heißen. Statt „Mitarbeiter/-innen“ empfiehlt der Leitfaden die Bezeichnungen „Dienstkraft“, „Beschäftigte“ oder schlicht „Personal“. Das klingt ungewohnt, ließe sich nach einer Eingewöhnungszeit aber durchaus durchsetzen, glauben die Verfasser des Leitfadens.

Stereotyp benutzte Formulierungen sollen verändern werden

Dagmar Höppner-Rehe, die Gleichstellungsbeauftragte der Kreisverwaltung, sieht es so: „Die Verwendung der geschlechtergerechten Sprache gehört zum Standard einer modernen Verwaltung, die demokratische Grundsätze beachtet.“ Ihre Kollegin Svenja Gruber aus Henstedt-Ulzburg weiß ziemlich genau, dass es nicht einfach sein wird, eine geschlechtergerechte Sprache durchzusetzen – ihr ist vollkommen klar: „Dafür muss gekämpft werden; jeder hat Stereotypen im Kopf.“

Der Leitfaden unterscheidet zum Beispiel geschlechtsneutrale Zusammenfassungen: So sind Leiterinnen und Leiter schlicht als Leitungskraft zu benennen, Schülerinnen und Schüler sind Lernende, Lehrerinnen und Lehrer sind Lehrende oder Wissensvermittelnde. Unter dem Begriff „geschlechtsneutrale Begriffe und Möglichkeiten“ gibt es Hinweise, wie stereotyp benutzte Formulierungen verändert werden können: Aus Fachmann wird Fachkraft, Akteure sind Handelnde oder Agierende, Pfleger sind Pflegekräfte, statt „Vertreter aus Wirtschaft und Politik“ soll es heißen „Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik“.

Auf Kreisebene sind die Politiker von Bündnis 90/Die Grünen treibende Kräfte: Sie hatten den Antrag gestellt, einen Leitfaden für geschlechtergerechte Sprache einzuführen. „Eigentlich 20 Jahre zu spät“, sagt Arne Hansen, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Kreistag. Die Abstimmungen im Hauptausschuss und im Kreistag verliefen einstimmig, Arne Hansen kassierte aber auch ironische Kommentare in der Sitzung des Hauptausschusses.

Linguistische Veränderungen hat der Grünen-Politiker in der Kreisverwaltung bisher noch nicht entdecken können. Er ahnt auch, dass es Mitarbeiter gibt, die eher nicht bereit zum Umdenken sind. „Einige hatten sich schon vorher bemüht, eine geschlechtergerechte Sprache zu verwenden, andere sind der Meinung, dass die Sprache nicht normiert werden kann.“ Die Gleichstellungsbeauftragte Dagmar Höppner-Rehe verweist auf wissenschaftliche Studien, in denen nachgewiesen worden sei, dass die Verwendung der männlichen Form „symbolisch und faktisch“ zu Benach- teiligungen von Frauen führe. „Das Grundgesetz und das Gleichstellungsgesetz fordern die Gleichbehandlung von Frauen und Männern auch im sprachlichen Bereich ein.“ Sie glaubt: „Durch die Verwendung differenzierter Formulierungen werden Texte abwechslungsreicher und sie erhöhen die Qualität und Verständlichkeit.“

Verzichtet wird im Leitfaden auf weitergehende Formulierungen, die alle möglichen Geschlechteridentitäten umfassen. Der als „Gender Gap“ bezeichnete Unterstrich zum Beispiel – „Le_serin“ – taucht nicht auf. Damit könnten Frauen, Männer und Transsexuelle angesprochen werden.