Norderstedt
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Stelios Coucounarás: Seit 58 Jahren ein Freund der Deutschen

Stelios Coucounarás studiert in seinem Arbeitszimmer in Norderstedt seine Notenblätter

Stelios Coucounarás studiert in seinem Arbeitszimmer in Norderstedt seine Notenblätter

Foto: Hans-Eckart Jaeger / HA

Stelios Coucounarás ist gebürtiger Grieche. Von Norderstedt aus versorgt er große Orchester im In- und Ausland mit Kompositionen.

Norderstedt.  „Ich bin rastlos, ich kenne keine Ruhe“, sagt Stelios Coucounarás, 79. Der Komponist zeitgenössischer Musik, geboren in Athen, wohnt seit zwei Jahren in Norderstedt, davor lebte er 56 Jahre in Hamburg. Er sitzt in seinem Arbeitszimmer und studiert einen Stapel Notenblätter. „Die dritte Symphonie muss bald fertig sein, die Prager warten schon“, sagt er.

Die Prager? Damit meint er das Orchester des Nationaltheaters in der Hauptstadt Tschechiens. Dirigent Jaroslav Brych und seine Musiker wollen möglichst bald die dritte Symphonie des Meisters einspielen. Die erste und zweite Symphonie, eine eindrucksvolle Interpretation des Opern-Orchesters, liegen als CD-Welturaufführung vor, auch an der vierten Symphonie arbeitet Coucounarás. Kontakte hat er auch zu den Berliner Philharmonikern.

Seine kompositorische Arbeit umfasst fast alle Gattungen ernster Musik, symphonische Konzerte, Kammermusik, Lieder und Theatermusik gehören zu seinem Repertoire. Er ist ein Verfechter „neuer“ Musik, die Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels einst als „entartete Kunst“ tituliert und verbieten ließ.

Berühmte Komponisten wie Johannes Brahms, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven hat Coucounarás in seiner Jugendzeit bewundert. „Irgendwann entstand der Gedanke, auch zu komponieren“, erzählt Coucounarás.

Seine Eltern waren von dieser Idee nicht begeistert. Er sollte lieber einen kaufmännischen Beruf ergreifen – so wie es mein Vater getan hat. „Möbel oder Lebensmittel zu verkaufen, das war aber nicht mein Ding.“ Stelios begann ein Jurastudium, brach es nach dem vierten Semester ab, studierte nebenbei bei Marios Varvoglis Komposition. Dieses Studium wollte er in einer Musikhochschule im Ausland fortführen.

Die Fahrt mit dem Zug dauerte drei Tage

Aber wo? Der entscheidende Tipp kam von einem leitenden Mitarbeiter des Athener Goethe-Institut. „Gehen Sie doch nach Hamburg. Das sind alles nette Menschen, spontan und herzlich“, sagte er. Stelios schickte mehrere Bewerbungen ab, die Hamburger Musikhochschule lud ihn ein, und im Sommer 1957 reiste der damals 21-Jährige mit dem Zug Richtung Norden. „Die Fahrt dauerte drei Tage, und dann begann mein zweites Leben.“ Ganz nach dem Motto: Was kostet die Welt?

In der Brahmsallee fand er eine kleine Wohnung, die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule im Harvestehuder Weg bestand er mit Glanz und Gloria. Stelios saß am Klavier und spielte englische Suiten von Johann Sebastian Bach. Die Juroren, darunter mit Hochschulprofessor Ernst Gernot Klussmann ein Mitarbeiter von Richard Strauss, waren von seinem Talent und seiner Leidenschaft restlos überzeugt.

Stelios Coucounarás schloss in fremder Umgebung schnell Freundschaften. Ivan Rebroff, dessen Bassstimme einen Umfang von mehr als vier Oktaven besaß, Gerd Albrecht, der spätere Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper, und die Sängerin Alexandra („Mein Freund der Baum“), die 1969 mit 27 Jahren tödlich verunglückte, waren Klassenkollegen und Weggefährten.

„Viel Zeit zum Komponieren hatte ich nicht“, bekennt Stelios. Er musste ja seinen Lebensunterhalt verdienen. So bewarb er sich auf Zeitungsanzeigen. Damals suchte die Hamburger Global Bank einen Mitarbeiter fürs Archiv. Stelios erhielt den Zuschlag und lernte 1970 den Bankkaufmann und Vermögensverwalter Bernd Bormann kennen. Seit 45 Jahren sind sie befreundet, Bernd nennt ihn „Zeus“. Jahre später, von 1983 bis 1998, arbeitete Stelios beim Axel Springer Verlag in der Anzeigenabteilung der Tageszeitung „Die Welt“. Nachts komponierte er seine Symphonien.

Auch als Buchautor hat er sich einen Namen gemacht. In griechischer Sprache ist sein zweites Werk „Laizismus in der Musik“ erschienen. Es beschreibt, wie Musik die Werbung und den Kommerz beeinflussen kann. Im Dezember 2014 wurde Coucounarás in Athen vom Verein der griechischen Musik öffentlich ausgezeichnet. Theaterkritiker sagten, es sei das originellste musikwissenschaftliche Buch der letzten fünf Jahre.

Stelios besucht auch heute noch seine Geburtsstadt. „Die Lage hat sich nicht wesentlich gebessert“, bemängelt er. Trotzdem beobachtet er die weitere Entwicklung seines Landes mit großem Interesse.

„Ich bin Grieche – und das bleibe ich auch“, sagt Coucounarás. „Doch ich werde nie vergessen, dass die Deutschen mich vor 58 Jahren herzlich aufgenommen und gut behandelt haben. Sie haben immer Rücksicht darauf genommen, dass ich Ausländer bin.“