Norderstedt
Handwerk

Meyer und Unternehmer werben für duale Ausbildung

Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (v.l.) begrüßt Unternehmer Jens Gottschalk und den Präsidenten der Handwerkskammer Schleswig-Holstein, Günther Stapelfeldt

Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (v.l.) begrüßt Unternehmer Jens Gottschalk und den Präsidenten der Handwerkskammer Schleswig-Holstein, Günther Stapelfeldt

Foto: Michael Schick

Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer und Unternehmer sind sich einig: Es muss mehr Werbung für Handwerksberufe her.

Norderstedt.  „Wir haben zu viele Köpfe und zu wenige, die die Arbeit machen.“ So lautete die Botschaft von Unternehmer Jens Gottschalk an Reinhard Meyer – Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister und der Präsident der Handwerkskammer Schleswig-Holstein, Günther Stapelfeldt, besuchten den Norderstedter Handwerksmeister. Anlass war der 20. Geburtstag des Betriebes, der unter einem Dach Sanitär-, Heizungs-, Dachdecker- und Klempnerarbeiten vereint.

Doch Gottschalk, der mit einem Gesellen und einem Auszubildenden in die Selbstständigkeit gestartet war und inzwischen in einem florierenden Unternehmen 70 Mitarbeiter beschäftigt, nutzte den Besuch des Ministers, um ihm Kritik und Wünsche mit auf den Rückweg nach Kiel zu geben. Langfristig werde es nicht mehr ausreichend Monteure geben, fürchtet Gottschalk. Wer heute die Schule verlässt, wolle sein Leben nicht als Handwerksgeselle fristen, sondern strebe nach Höherem.

„Wir müssen mehr für die duale Ausbildung werben und den seit Jahren herrschenden Trend, wonach möglichst alle studieren sollen und wollen, stoppen“, sagte Meyer. Die Werbung für eine Ausbildung und einen Handwerksberuf müsse schon in den Schulen ansetzen.

Der Minister kann sich auch eine Kampagne unter dem Motto „Nicht jeder kann Chef werden“ vorstellen. „Gute Monteure wollen heute nicht auf dieser Stufe stehen bleiben. Viele wollen sich weiterqualifizieren, vermeintlich mehr verdienen und ihre Gesundheit schonen“, sagte Gottschalk. Kammerpräsident Stapelfeldt wies darauf hin, dass Arbeitsplätze im Handwerk zumindest aus jetziger Sicht sicher seien. Mit einem durchschnittlichen Monatslohn von 3000 Euro brutto könne ein Monteur ein normales Leben in einem Reihenhaus führen, zwei Kinder großziehen und ein Auto fahren. Vor allem dann, wenn die Frau in Teilzeit arbeitet und mitverdient.

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, müssten, so Stapelfeldt, lernschwache Jugendliche fit für den Beruf gemacht werden. Dafür hat die Arbeitsagentur jetzt die assistierte Ausbildung gestartet, ein Rund-um-Betreuungspaket, das bei Problemen greifen soll. Zum Paket gehören Unterricht, um Wissenslücken zu schließen und Hilfe bei Schwierigkeiten im persönlichen Umfeld. Wenn sich Eltern trennen, Jugendliche ausziehen müssen oder den Führerschein verlieren, kann sie das aus der Bahn werfen und die Ausbildung gefährden. 44 Plätze für das neue Hilfsprogramm finanziert der Bund je zur Hälfte in den Kreisen Segeberg und Pinneberg,

„Ich hatte einen Flüchtling aus Eritrea im Lager beschäftigt, der sich ganz toll gemacht und sogar den Lagermeister vertreten hat“, sagte Gottschalk. Doch nach drei Monaten sei der 31-Jährige plötzlich nicht mehr gekommen. Warum, habe er nicht erfahren, sagt der Unternehmer.

Auch hier sah Meyer Handlungsbedarf: „Wir müssen schon in den Erstaufnahmeeinrichtungen viel besser als bisher feststellen, welche Qualifikationen Flüchtlinge mitbringen. Es macht ja keinen Sinn, einen Mann mit landwirtschaftlichen Kenntnissen an einen Industriestandort weiterzuschicken.“ Das Problem: In ganz Schleswig-Holstein gebe es nur fünf Profiler, Fachleute, die die Qualifikationen der Flüchtlinge in den Erstaufnahmeeinrichtungen ermitteln. Die theoretischen Kenntnisse seien das eine. Nötig seien aber auch Praxistests. Die könnten beispielsweise kompakt an Wochenenden in den Berufsbildungszentren des Handwerks stattfinden.

Gottschalk und Stapelfeldt kritisierten zudem die Neuregelung, nach der Azubis nach dem Ausbildungsende ohne Gesellenjahre sofort ihren Meister machen können: „Vielen fehlen da doch noch die Persönlichkeit und die Erfahrung, die ein Handwerksmeister haben sollte.“ Schließlich missfällt Gottschalk der enorme bürokratische Aufwand, den der Mindestlohn mit sich bringe. Da müsse jede Arbeitsstunde exakt dokumentiert werden, diese Aufgabe allein binde eine Mitarbeiterin schon für drei Tage.