Norderstedt
Prozess

Todesfahrer muss für 18 Monate ins Gefängnis

So sah es am 14. November 2014 an der Unfallstelle auf der Niendorfer Straße aus.

So sah es am 14. November 2014 an der Unfallstelle auf der Niendorfer Straße aus.

Foto: Büh, Florian

Norderstedter Amtsgericht verurteilt 24-Jährigen wegen fahrlässiger Tötung. Bei dem Unfall vor einem Jahr war ein Mann gestorben.

Norderstedt.  Am 14. November vergangenen Jahres ereignete sich auf der Niendorfer Straße in Norderstedt ein folgenschwerer Unfall, bei dem ein Mann sein Leben verlor, drei weitere Personen schwer verletzt wurden. Der Unfall wird Zeugen, den noch lebenden Opfern und dem Unfallfahrer lange in Erinnerung bleiben: Auf einer Straße, die nur mit 60 Stundenkilometer befahren werden darf, raste ein Autofahrer mit weit über 100 Stundenkilometer ungebremst in den Gegenverkehr. Es kam zu einem Frontalzusammenstoß. Am Mittwoch erhielt der Fahrer die Quittung für sein Verhalten: Wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs wurde er zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnisstrafe ohne Bewährung verurteilt.

Der Tag hatte für beide Seiten fröhlich begonnen. Der 24 Jahre alte Oktay S., ein türkischstämmiger Anlagenmechaniker aus Norderstedt, hatte sich mit Freunden in Hamburg getroffen, um am Steindamm in einem Lokal gemeinsam zu frühstücken und anschließend, ebenfalls gemeinsam, einen Friseur an der Dehnhaide zu aufzusuchen. Mit zwei Fahrzeugen machten sie sich anschließend auf in Richtung Norderstedt, um rechtzeitig zum Mittagsgebet in der Norderstedter Moschee In de Tarpen zu sein.

Das Ehepaar Urban aus Sülfeld hatte ein entgegengesetztes Ziel. Susanne, 48, und ihr Ehemann Gerhard, 57, wollten mit ihrem Opel Zafira nach Hamburg fahren. Sie kamen nur bis zur Niendorfer Straße in Norderstedt. In Höhe des Tesa-Firmengebäudes schlug das Schicksal zu.

Was Oktay S. und seinen Freund, ein 26 Jahre alter türkischstämmiger Henstedt-Ulzburger, getrieben hat, mag man sich kaum ausmalen: Offenbar feuerten sich die beiden Mercedes-Fahrer gegenseitig an, fuhren immer schneller, wagten riskante Überholmanöver, bedrängten andere Autofahrer. „Sie trugen ein Rennen aus“, sagte ein Zeuge, der das Geschehen mit geschultem Auge beobachtet hatte. Der Polizist war privat unterwegs und bog von der Zeppelinstraße in die Niendorfer Straße ein. Dabei wurde er von beiden Wagen rechts überholt. „Sie fuhren dicht hintereinander, der Hintermann wollte den vor ihm Fahrenden nicht entkommen lassen.“ Seiner Einschätzung nach wurde dabei etwa 100 Stundenkilometer gefahren. Ein anderer Zeuge drückte sich drastisch aus: „Die sind gefahren wie die Idioten.“

In dem achteinhalbstündigen Prozess sagten viele Zeugen aus. Alle hatten unterschiedliche Beobachtungen gemacht, doch in der Summe ergab sich ein klares Bild: Die beiden Mercedes-Fahrer trugen tatsächlich ein Rennen aus. Nach einigen Hundert Metern reagierte Oktay S. falsch, als ein mit vorschriftsmäßiger Geschwindigkeit vor ihm fahrendes Auto den linken Fahrstreifen frei machen wollte. Er gab Gas, anstatt zu bremsen. Der weiße C-Klasse-Mercedes brach aus, raste in den Gegenverkehr und prallte frontal mit dem Opel des Sülfelder Ehepaares zusammen.

Gerhard Urban hatte keine Chance, konnte nicht mehr bremsen: Er verstarb innerhalb einer Minute. „Das alles geschah in Bruchteilen von Sekunden“, sagte Susanne Urban, die auf dem Beifahrersitz so schwere Verletzungen erlitt, dass sie sich bis heute noch nicht wieder ohne Gehhilfe fortbewegen kann. „Mein Mann lag über dem Lenkrad. Ich habe ihn angesprochen, aber da war nichts mehr.“ Ein dahinter fahrender VW Lupo prallte in den Zafira, der Fahrer verletzte sich ebenfalls schwer.

Tatsächlich stellte der Dekra-Sachverständige Thomas Buck fest, dass der Mercedes des Angeklagten mit einer Geschwindigkeit von 113 bis 130 Stundenkilometer in den Gegenverkehr gerast war. Nach den Ermittlungen des Sachverständigen hätte der Unfall verhindert werden können, wenn Oktay S. sich zu einer Bremsung und nicht zum Beschleunigen entschlossen hätte. In Bruchteilen von Sekunden hatte er die falsche Entscheidung getroffen.

Entschuldigt hat sich der Unfallfahrer bei Susanne Urban erst am Ende des Prozesses. Auf Anraten seiner Verteidigerin habe er vorher davon abgesehen. Nach ihren Aussagen sollte er sich keiner Verdunkelungsgefahr aussetzen. Auf Unverständnis stieß eine andere Vorgehensweise der Strafverteidigerin: Sie lies von Richterin Dagmar Goraj den Bericht über die Obduktion von Gerhard Urban verlesen, um so deutlich zu machen, dass bekannte und bis dahin unbekannte Vorerkrankungen vorlagen.

Oktay S, hatte bis kurz vor Ende des Prozesses geschwiegen – auch auf Anraten seiner Verteidigerin. Dann aber offenbarte er sich und erklärte, dass er bis heute ebenfalls unter dem Unfall leide und immer noch arbeitsunfähig sei. Ein Rennen sei zwischen ihm und sein Freund nicht ausgetragen worden. „Es tut mir leid, was geschehen ist“, sagte er zu Susanne Urban. „Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich nicht wieder ins Auto steigen.“

Oberamtsanwalt Thies Truelsen forderte als Anklagevertreter eine Haftstrafe von 18 Monaten, drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, sowie eine Geldstrafe von 3000 Euro und vier Jahre Führerscheinentzug Die Anwältin des Angeklagten, Christiane Yüksel, forderte pauschal ein mildes Urteil. Jörn Wohlgehagen, Rechtsvertreter der Nebenklägerin Susanne Urban, forderte eine zweijährige Haftstrafe auf Bewährung ein.

Das Urteil von 18 Monaten ohne Bewährung und einen vierjährigen Fahrentzug begründete Richterin Goraj auch mit dem Vorleben des bisher nicht vorbestraften Angeklagten: Er war schon oft durch zu schnelles Fahren aufgefallen und hatte 2014 bereits ein längeres Fahrverbot.