Norderstedt
Bestattung

Mit der Kutsche auf Probefahrt für die letzte Reise

Gerhard Piechowiak wollte wissen, wie es sich anfühlt, mit der Bestatterkutsche von der Trauer-Zeremonie in der Kapelle zum eigenen Grab auf dem Harksheider Friedhof zu fahren

Norderstedt.  Gerhard Piechowiak ist einer, der stets selbst die Regie in seinem Leben führt. Er ist einer, der voll im Leben steht – und trotzdem seine eigene Beerdigung organisiert. Der spontan ist und sich beispielsweise bei der großen Flut im Februar 1962 ein Ruderboot schnappte und mal eben 40 Menschen von den Dächern im überschwemmten Hamburg rettete. Dafür gab es Auszeichnungen. Und 2005 die Mitwirkung als Zeitzeuge in dem Film „Die große Flut“. Da war er 17 Jahre alt. Jetzt ist er 70 Jahre und immer noch sein eigener Regisseur.

Als ihm die Ärzte sagten, er habe Rippenfellkrebs und nur noch maximal 18 Monate zu leben, dachte er, es sei Zeit, über seine Beerdigung nachzudenken. Die Diagnose erhielt er vor fünfeinhalb Jahren. „Die Ärzte meinen, ich bin ein Wunderkind, weil ich immer noch lebe“, sagt Gerhard Piechowiak und lacht übers ganze Gesicht. Er reißt jeden sofort mit seiner guten Laune und seinem kolossalen Lebensmut mit, hält gern auf der Straße einen Schnack und muntert selbst mies gelaunte Zeitgenossen im Handumdrehen auf.

Die Rappen Sandy und Shadow wurden mit Möhren und Äpfeln belohnt

„Ich bin zwar nicht getauft, ich glaube aber daran, dass da etwas ist zwischen Himmel und Erde, was wir nicht wissen, und das gibt mir Kraft und Zuversicht“, sagt der Klempner- und Installateurmeister, der eine eigene Firma hatte. „Meine Krankheit ist ein Tod auf Raten“, sagt Gerhard Piechowiak. Deshalb habe er sich bereits vor drei Jahren drei Angebote von Bestattungsunternehmen für seine letzte Reise geholt.

Als er in der Broschüre des Bestattungsunternehmens Wulff & Sohn die schwarze Kutsche mit zwei Rappen sah, war für ihn klar: So will ich zum Friedhof fahren, im Schritttempo von der Haus-Kapelle des Bestatters über die Segeberger Chaussee, durch den Ochsenzoll-Kreisel, die Ulzburger Straße entlang, Alter Kirchenweg hinauf bis zum Friedhof Harksheide.

„Dann fiel mir ein, dass ich nicht weiß, ob ich das selbst erlebe, denn ich bin ja tot“, überlegte Piechowiak mit der ihm eigenen Logik. Und prompt kam ihm die nächste Idee. „Ich hing mal wieder 14 Stunden am Chemo-Tropf, da fiel mir ein, dass ich das alles durchspielen könnte, dann weiß ich, wie das sein kann“, sagt Piechowiak.

Am Tropf habe er sich ohnehin immer von innen betrachtet und seine guten und seine Schattenseiten überprüft. „Man muss sich selbst ergründen und gucken, was man wieder gutmachen sollte, wenn der Gevatter auf der Schwelle steht“, philosophiert der Lebenskünstler. Er holte seine Tochter Ilka Piechowiak und seinen Freund Hans-Jürgen Poser ins Boot, ging zu Sönke Wulff und ließ die Probefahrt mit der 1860 im dänischen Stil gebauten Kutsche organisieren. Die Rappen vom Reitstall Eichenhof in Hamburg-Duvenstedt heißen Sandy und Shadow und wurden zum Abschluss der Probetour von Piechowiak mit Äpfel und Möhren belohnt. „Das kann ich auch nur jetzt machen“, sagte der 70-Jährige. Die Fahrt hat er sichtlich genossen. „Das war wunderbar“, sagte er gerührt, als er auf dem Harksheider Friedhof ankommt. Auch sein Grab hat er schon herrichten und eine Bank gegenüber dem Grab aufbauen lassen. „Damit sich meine Besucher hinsetzen können. Ich setze mich dann dazu, mal sehen, wie das wird“, sagt der Bruder des ehemaligen HSV-Fußballers Erwin Piechowiak.

Das Drehbuch für seine Beerdigung hat Piechowiak schon geschrieben

„Ich probe auch den Ernstfall, um zu begreifen, dass mein Leben endlich ist“, sagt der in zweiter Ehe verheiratete Vater zweier Töchter aus erster Ehe und verweist darauf, dass er seit einigen Monaten zwischen zwei Chemotherapien immer so gut drauf ist wie schon lange nicht im Leben. Demnächst geht er mit seinem Freund Hans-Jürgen Poser auf Reisen, beispielsweise nach Malta.

Weil Gerhard Piechowiak selbst Regie in seinem Leben führt, hat er auch schon das Drehbuch für seine Beerdigung geschrieben: „Als Musik erklingen die Don Kosaken, um 14 Uhr gibt es Bier, Köm und Sekt, damit die Gäste schon mal etwas gleunig in der Bank sitzen.“ Er will aber nicht nur selbst erfahren, wie sich die eigene Beerdigung anfühlt, er will zeigen, dass der Tod im Leben etwas Normales ist und kein Schreckgespenst. „Ich bin doch nicht tot, wenn ich sterbe, ich bin nur woanders“, philosophiert er. Und hofft, dass seine Probefahrt Menschen ermutigt, über ihre letzte Reise nachzudenken.