Norderstedt
Norderstedt

Sie sind zwei eingefleischten Dauergriller

Bei Martin Oster und Anne Pamperin wird das ganze Jahr über gegrillt

Bei Martin Oster und Anne Pamperin wird das ganze Jahr über gegrillt

Foto: Christopher Herbst

Zahl derer, die das ganze Jahr grillen, nimmt stetig zu. Zwei Fans bereiten alle 161 Gerichte aus „Weber’s Grillbibel“ zu

Norderstedt.  Der Herbst hat Einzug gehalten, die Gärten werden winterfest gemacht, und die Sommermöbel und Grillutensilien verschwinden im Geräteschuppen. Die Tage, an denen Rauchschwaden von Balkonen, Terrassen und anderen Plätzen des geselligen Beisammenseins in unsere Nasen zogen und den verführerischen Geruch von Steaks, Würstchen und Co. mit sich brachten, sind gezählt. Das zumindest denken viele, doch eingefleischte Fans des Feuers wissen es besser: Die Zahl derer, bei denen der Rost nicht nur von April bis September glüht, sondern das ganze Jahr über, steigt kontinuierlich.

Dabei geht es längst nicht mehr um das archaische Prozedere, Essen zuzubereiten und so den Hunger zu stillen. Angelehnt an die weisen Worte Buddhas „der Weg ist das Ziel“ ist nicht mehr die schnelle Nummer angesagt, sondern weitaus mehr. Im Fokus stehen heute das langsame Grillen bei Niedrigtemperatur, die Umsetzung von kreativen Ideen und die Lust am Ausprobieren neuer Rezepte.

Als mein Lebensgefährte Martin Oster vor zwei Jahren nach dem Rezept für das „Bierdosenhähnchen“ suchte, stieß er nach kurzer Internet-Recherche auf das Forum des Grillsportvereins (GSV). Dort tummeln sich 74.000 Männer und Frauen, deren Leidenschaft einfach nur Spaß macht und durchaus auch schon mal als sportliche Angelegenheit betrachtet werden kann.

Wer sich 20 Stunden lang um ein Stück Fleisch kümmert, damit es am Ende der Garzeit so zart ist, dass es ohne viel Druck mit der Gabel zerrupft werden kann und schließlich als Pulled Pork zwischen zwei frischen Brötchenhälften landet, weiß, was er getan hat. Denn das Funkthermometer, das auf dem Nachttisch steht und reagiert, sobald die Temperatur innerhalb des Grills zu hoch oder zu niedrig geworden ist, fängt natürlich gern um 3 Uhr nachts an zu piepen – und nicht erst kurz vor dem Servieren.

Das Rezept für das Bierdosenhähnchen, bei dem der Gockel auf eben jenen Blechzylinder gestülpt wird, um den verdampfenden, mit Gewürzen versetzten Gerstensaft in sich aufzunehmen, wurde gefunden. Aber damit war die Lust am Grillen nicht etwa gestillt, sondern stattdessen entfacht. Zur Holzkohlekugel hat sich mittlerweile ein Smoker gesellt, mit dem nicht mehr direkt, sondern indirekt gegart wird. Auch mehrere gusseiserne Dutch Ovens (Schmortöpfe) gehören zum Equipment.

Wer glaubt, dass das Spiel mit Feuer der Gesundheit schadet, urteilt voreilig. Wer nicht ständig verkohlte Fleischhappen in sich hineinstopft, sondern sich auf gute Lebensmittelqualität, seinen Geruchs- und Geschmackssinn verlässt, ist nicht gefährdeter als andere. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung schreibt außerdem auf ihrer Internetseite: „Durch die kurze Zubereitungszeit, die relativ niedrigen Temperaturen im Inneren des Grillgutes und die geringen Saftverluste bleiben Eiweiß, Vitamine und Mineralien weitgehend erhalten. Das Fett kann jedoch austreten.“

Seit Jahresbeginn testen wir gemeinsam, was alles rund um den Rost machbar ist. Meine bessere Hälfte grillt, und ich gebe meinen kritischen Senf als wortreiche Würze dazu. Als Vorlage dient „Weber’s Grillbibel“, das millionenfach verkaufte Werk des amerikanischen Autors Jamie Purviance. Das Buch beinhaltet 161 Gerichte, die wir bis zum Jahresende nachgrillen.

Egal ob Regen oder Schnee, ob Sonne oder Wind – die Holzkohle glüht fast jeden zweiten Tag. Die Vielfalt der Rezepte ist dabei das eigentlich Spannende. Auf der Speisekarte standen bisher Dry-Aged-Steaks, ein Onglet, Spareribs, Entenbrust-Tacos, hawaiianisches Huli-Huli-Hähnchen, Jakobsmuscheln, viet­namesische Garnelenpops, Paella, Muscheln, Kalmar und Flusskrebse.

Zubereitet wird zudem regelmäßig Fleischloses und Süßes. Die gegrillten Möhren mit Orangenglasur, die Karamelläpfel auf Blätterteig und der Camembert in Weinblättern mit Traubensalsa haben prima geschmeckt. Nicht immer war alles perfekt, im Gegenteil: Beim eingewickelten Schweinesteaksandwich fing das Backpapier Feuer, und der Ananaskuchen blieb beim Stürzen am Boden der Grillpfanne kleben und sah eher „abgestürzt“ aus.

In den letzten Monaten des Jahres stehen noch 20 Gerichte an, dann ist diese Bibel ausgelesen. Ein paar Exoten haben wir bisher vor uns hergeschoben, denn „was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“, trifft vor allem auf mich zu. Ich denke da beispielsweise an gegrillten Tunfisch mit getrockneten Algen. Auch ein Truthahn ist noch auf der Warteliste – wo bekommt man den eigentlich her?

Krönender Abschluss unseres Grilljahres wird die Hasenmoorer Weihnachtsgans sein. Schon 2014 haben wir unser Festessen auf dem Drehspieß zubereitetet. Die Familie ist sich einig, dass das im Holzkohlerauch bereitete Federvieh besonders aromatisch war. Der Backofen bleibt sauber und gegessen wird im Warmen, denn übertreiben wollen wir es dann doch nicht. Ausführliche Berichte, Tipps, Fotos und mehr über unser Grillprojekt sind im Internet veröffentlicht.

www.bbqweb.de