Norderstedt
Hinter den Kulissen

Abendblatt-Leser durften mit Bagger fahren

Abendblatt-Leser Gerd Winkler hat im Abrissbagger Platz genommen. Franz Seger zeigt ihn, wie das Gerät bedient wird

Abendblatt-Leser Gerd Winkler hat im Abrissbagger Platz genommen. Franz Seger zeigt ihn, wie das Gerät bedient wird

Foto: Wolfgang Klietz

Norderstedt Redaktion hatte zum Besuch der Krankenhaus-Ruine in Kaltenkirchen eingeladen. Auch ehemalige Mitarbeiter waren gekommen.

Kaltenkirchen.  Hier war die Bettenzentrale und dahinten die OPs!“ Krankenschwester Petra Möller erinnert sich noch genau. Gemeinsam mit anderen Abendblatt-Lesern geht sie durch dunkle Flure und über demolierte Betonplatten. Die Türen hat das Abbruchunternehmen inzwischen entsorgt. Für Licht sorgen Taschenlampen. Petra Möller kennt sich gut in dem Gebäude aus, von dem nur noch eine Ruine übrig ist. Gemeinsam mit anderen Lesern hat sie die Chance genutzt, zum letzten Mal das stillgelegte Krankenhaus Kaltenkirchen zu besuchen. Das Haus wird dem neuen „Wohnpark am Zeisigring“ mit seinen 166 Reihenhäusern weichen.

Die Besucher haben an der neunten Aktion „Willkommen hinter den Kulissen“ der Regionalredaktion Norderstedt des Hamburger Abendblatts teilgenommen. Das Abendblatt lädt seine Leser regelmäßig zu einem Rundgang an Orten ein, die in der Regel für die Öffentlichkeit tabu sind.

„Wie es hier aussieht – das tut weh“, sagt Petra Möller. Sie gehört zu den vielen Menschen in der Region, die viele Erinnerungen mit der 282-Betten-Klinik verbinden – als Mitarbeiter oder Patienten.

Klaus Stuber vom Kaltenkirchener Förderverein Patientenbetreuung und Gesundheitspflege erinnerte die Abendblatt-Leser an die Geschichte des Hauses, das zwischen 1970 und 1974 errichtet wurde. Am 1. Januar 2001 folgte der Verkauf des Kreiskrankenhauses an die Paracelsus-Gruppe, die pünktlich nach Ablauf der zehnjährigen Bestandsgarantie den Betrieb einstellte. Seitdem müssen Patienten nach Henstedt-Ulzburg, Neumünster oder Hamburg ausweichen.

Petra Möller fing zur Eröffnung 1974 in der Klinik an, zu der auch eine Schwesternschule gehört. Das Wohnheim steht neben der Klinik und soll als Erstes abgerissen werden. „Für 26 Plätze in der Schule hatten wir 300 Bewerber“, erinnert sich Petra Möller, als sie in den Trümmern des einstigen Schultrakts steht.

Bauleiter Daniel John mahnt seine Gäste zur Vorsicht beim Rundgang. Überall liegen in den schummrigen Fluren Steine und Scherben. Ohne Schutzhelm kommt niemand herein.

15 Männer des Abrissunternehmens ATR arbeiten mit Maschinen und schweren Hämmern. Sie sortieren das Abbruchmaterial sofort nach Beton und Glas, Kunststoff und Metall. Auch ein wenig Asbest fällt an, das fachgerecht entsorgt wird. Daniel John geht davon aus, dass nach dem Abriss auf dem Gelände 15.000 Tonnen Beton des alten Krankenhauses recycelt und wiederverwendet werden.

Bauherr ist die Deutsche Reihenhaus AG, die in dieser Woche mit dem Verkauf der Häuser beginnt, die bislang nur in den Planungsunterlagen existieren. Wo einst Ärzte und Schwestern Menschen behandelten, operierten oder auch zur Welt gebracht haben, werden Reihenhäuser mit einer Wohnfläche von 81, 116 oder 141 Quadratmetern entstehen. Die Preise beginnen bei 190.000 Euro. Das Unternehmen kann auf große Erfahrungen bei diesen Projekten verweisen: 250 Wohnparks mit 7500 Häusern habe die Deutsche Reihenhaus in der gesamten Republik bislang gebaut, sagt Unternehmenssprecher Achim Behn, während er den Weg für seine Gäste mit einer Taschenlampe ausleuchtet. Der erste Bauabschnitt soll Ende 2016 fertiggestellt werden.

Auch Psychiaterin Renate Paulsen-Wolf erinnert sich noch gut an die alten Zeiten im Krankenhaus. Von 1981 bis 1985 hat sie in der Inneren Medizin gearbeitet. Damals war es möglich, über eine Sprechanlage Ansagen im gesamten Haus fürs Personal zu verbreiten, sagt sie. Manchmal war der Satz „Bitte in die LH“ zu hören. „Jeder wusste, was das bedeutet“, sagt die Ärztin. „Die Leichenhalle befand sich im Keller.“

Metalldiebe rissen Leitungen aus Wänden

Bauleiter John und Achim Behn führen die Gruppe weiter durch dunkle Flure. In einer Ecke ist noch deutlich zu erkennen, dass dort Feuer gelegt wurde. Vor Beginn der Abrissarbeiten waren immer wieder Unbekannte in das seit Jahren leer stehende Gebäude eingedrungen. Professionelle Metalldiebe rissen Leitungen aus den Wänden. Andere Besucher randalierten, feierten Partys und übernachteten im Wohnheim. „Die Probleme haben wir jetzt nicht mehr“, sagt Daniel John schmunzelnd. „Seitdem wir hier sind, ist es ungemütlich geworden.“

Nach dem Rundgang stand für die Abendblatt-Leser Action auf dem Programm. Der Norderstedter Gerd Winkler bestieg begeistert die Kanzel des Abrissbaggers und bugsierte den Greifer in Richtung Bauschutt und Container. Achim Behn hat die Begeisterung für Bagger schon bei vielen Baustellenbesuchen erlebt. „Der Bagger ist etwas für große Jungs“, sagt er. Auch wenn sie schon seit Jahrzehnten aus dem Teeniealter heraus sind.