Norderstedt
Ostküstenleitung

Die Bundesregierung macht Erdkabel möglich

Wird die sogenannte Ostküstenleitung nun doch stellenweise als Erdkabel verlegt? Netzbetreiber Tennet prüft die Möglichkeiten +

Wird die sogenannte Ostküstenleitung nun doch stellenweise als Erdkabel verlegt? Netzbetreiber Tennet prüft die Möglichkeiten +

Foto: Roland Weihrauch / dpa

Tennet will prüfen, wo Stromleitungen unter die Erde können. Lokale Politiker werten Entscheidung der Bundesregierung als richtigen Schritt.

Henstedt-Ulzburg.  Erdkabel statt Freileitung: Die Chancen für Henstedt-Ulzburg sind nach dem Beschluss der Bundesregierung gestiegen. Danach sollen künftige Stromautobahnen unter die Erde verlegt werden. Betroffen von diesem Beschluss ist auch die Ostküstenleitung, die als Drehstrom-Erdkabelprojekt in die Planungen aufgenommen werden könnte. Noch in diesem Jahr soll der Gesetzentwurf vom Bundestag diskutiert und möglicherweise beschlossen werden.

Um Bürgerproteste gegen die geplanten Stromtrassen zu verringern, will die Bundesregierung die Leitungen vorrangig als Erdkabel verlegen lassen. Diese Entscheidung hat in Henstedt-Ulzburg und Umgebung noch nicht für das große Aufatmen gesorgt, aber sie wird als ein Schritt in eine richtige Richtung gewertet.

„Die Landesregierung hat lange und intensiv darum gerungen, dass die Ostküstenleitung als Pilotvorhaben für Teilerdverkabelung in das Bundesbedarfsplangesetz aufgenommen wird und dadurch Erdkabel auf Teilstrecken zugelassen werden“, sagt Schleswig-Holsteins Energiewendeminister Robert Habeck. „Deshalb ist der Beschluss der Bundesregierung ein Erfolg für Schleswig-Holstein. Wichtig ist, dass jetzt der Bundestag dem Rechnung trägt und dem Gesetz zustimmt.“

Der Minister geht davon aus, dass die Option Erdkabel helfen kann, an „besonders schwierigen Stellen“ zur Entlastung von Mensch und Umwelt beizutragen. Minister Habeck sagt allerdings nicht, wo für ihn diese Stellen liegen. Es sei Aufgabe der Tennet, sich den Planungskorridor noch einmal ganz genau anzuschauen, um herauszuarbeiten, an welchen konkreten Abschnitten die rechtlichen Voraussetzungen für einen „Teilverkabelungsabschnitt“ erfüllt seien. Minister Robert Habeck kündigte am Donnerstag an, sein Ministerium werde in Absprache mit dem Netzbetreiber und den Kommunen auf die betroffenen Regionen zugehen. „Wir werden rechtzeitig den Gesprächsfaden aus dem Dialogverfahren weiterführen, um die Bürgerinnen und Bürger sowie Verbände in die Planungen einzubeziehen.“

Henstedt-Ulzburgs Bürgermeister Stefan Bauer begrüßt die Entscheidung der Bundesregierung „grundsätzlich“. Sein Anliegen aber geht über eine Erdverkabelung hinaus: Er will den Bau der 380-kV-Ostküstenleitung, die die wachsende Menge an erneuerbaren Energien abtransportieren soll, in Henstedt-Ulzburg ganz verhindern. Bereits vor Wochen hatte Bauer angekündigt, dafür notfalls auch vor das Verwaltungsgericht zu ziehen, um Schaden von der Gemeinde abzuwenden – eine Aussage, die er auch in Gegenwart von Minister Habeck wiederholte. „Jetzt muss geprüft werden, ob die Verlegung eines Erdkabels ein geringerer Eingriff wäre“, sagt Hen-stedt-Ulzburgs Bürgermeister.

Nicht nur in Henstedt-Ulzburg wird mit Spannung nach Berlin geguckt. Viele Menschen entlang der geplanten Stromtrasse in den Kreisen Segeberg, Stormarn, Ostholstein und im Raum Lübeck/Bad Schwartau hoffen auf eine Erdverkabelung – wenn die Leitung tatsächlich kommen sollte. Das „Bündnis gegen 380 kV“ bündelt die Interessen und Meinungen entlang der Trasse. Hartmut Quedzuweit aus Bad Schwartau, Sprecher der Initiative, wertet die Entscheidung der Bundesregierung als einen Teilerfolg. Allerdings sei die Erdverkabelung für die Initiative lediglich der „Plan B“. Genau wie Stefan Bauer ist für die Initiative die Verhinderung der Stromtrasse das vorrangige Ziel. Das Erdkabel wertet Quedzuweit als die „bevölkerungsfreundlichere Variante“, die zudem noch kostengünstiger sei als der Bau von Freileitungen.

Ob er mit dieser Meinung richtig liegt, muss geprüft werden. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel geht nicht davon aus: Er erwartet, dass die Erdverkabelung die Kosten in die Höhe treibt.

Beim Netzbetreiber Tennet in Bayreuth wurde die Regierungsentscheidung ebenfalls mit Interesse aufgenommen. Tennet-Sprecherin Ulrike Hörchens weist darauf hin, dass vor endgültigen Unternehmensentscheidungen zunächst das Gesetzgebungsverfahren abgewartet werden müsse. Sie sagt aber auch: „Wir machen die Augen natürlich nicht zu und bereiten uns darauf vor. Noch können wir allerdings nicht sagen, wo Erdkabel eingesetzt werden können.“

In Henstedt-Ulzburg hat der Protest gegen die 380-kV-Starkstromleitung quer durch die Gemeinde und über ein Teilgebiet des Waldkindergartens hinweg hohe Wellen geschlagen. Erstmals beteiligen sich alle Ratsfraktionen und die Gemeinde gemeinsam an einer Plakataktion unter dem Motto „Keine 380-kV-Stromtrasse“. Über diesen Protest ist inzwischen sogar bundesweit berichtet worden: Das ZDF filmte auf dem Marktplatz im Ortsteil Rhen die Unterschriften-Sammlung und ließ Politiker zu Wort kommen.