Norderstedt
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Nachkriegszeit: Kindheit auf dem Schießplatz

Heidrun Schmidt ist als Flüchtlingskind neben den Betonblöcken aufgewachsen

Heidrun Schmidt ist als Flüchtlingskind neben den Betonblöcken aufgewachsen

Foto: Wolfgang Klietz

Heidrun Schmidt wuchs als Flüchtlingskind auf dem ehemaligen SS-Gelände auf und kann sich noch gut an die Betonblöcke erinnern.

Norderstedt.  Als Leserin Heidrun Schmidt den Bericht im Hamburger Abendblatt über die rätselhaften Betonblöcke las, kamen sofort die Erinnerungen zurück. Als Flüchtlingskind ist sie auf dem Schießplatz aufgewachsen, den die SS geräumt zurückgelassen hatte. Nur die massiven Bauwerke standen noch dort. In einem der vier Schießstände hat Heidrun Schmidt mit ihrem Mutter und dem Stiefvater gelebt. Auch an die Betonquader kann sich die 74-Jährige noch gut erinnern.

Heidrun Schmidt, geborene Hooge, kam in Preußisch Stargard bei Danzig zur Welt. Ihre Eltern hatten eine Bäckerei, der Vater starb 1941 im Krieg. 1945 flüchteten Mutter und Tochter vor der vorrückenden Roten Armee in Richtung Westen. Zunächst kamen sie in einem Zentrallager bei Itzehoe unter. Die Flucht endete auf dem ehemaligen Schießplatz, auf dem ein ausrangierter Eisenbahnwaggon stand, in dem Mutter und Tochter zunächst unterkamen.

Dann hatte Otto Krenkel, Ex-Spieß bei der Wehrmacht und neuer Lebensgefährte der Mutter, eine Idee: Er baute die Schießstände neben den Betonblöcken zu Wohnhäusern aus. „Es waren vier Schießstände, die U-formig gebaut waren“, erinnert sich Heidrun Schmidt. „Zwischen den einzelnen Schießständen waren hohe Sandwälle aufgeschüttet.“ Die Flüchtlinge trugen den Sand ab und nutzten ihn für den Ausbau. Jeder einzelne Schießstand bestand im ursprünglichen Zustand aus zwei Seitenwänden, einem Dach und einer durchgehenden massiven Rückwand aus Beton, die bei Beschuss die Munition stoppte.

„Es wurden eine Kellerdecke, eine Zwischendecke, Treppen und Schornstein gebaut, die Front geschlossen und mit Fenster und Türen versehen“ erinnert sich Heidrun Schmidt. „In drei der ausgebauten Schießstände wohnten sechs Familien.“ Jede Familie hatte eine Wohnküche und einen Raum zum Schlafen. Kugelfang Nummer 7 nannte die Familie ihr neues Zuhause. Plumpsklosett und Wasserpumpe waren draußen auf dem Hof. Neben den provisorischen Wohnhäusern standen die Betonblöcke.

„Wir waren praktisch Selbstversorger“, berichtet die Norderstedterin. Im vierten Schießstand entstand ein Stall für ein Pferd, eine Kuh, ein Schwein, drei Schafe, Hühner, Gänse und Kaninchen. Gemüse, Getreide und Kartoffeln wurden nebenan angebaut. Die Fläche des heutigen Stadtparksees war damals nach Luftangriffen von Bombentrichtern übersät. „Da haben wir gespielt und sind auf den sandigen Abhängen gerutscht“, erinnert sich die Norderstedterin. Auf das Gelände der einstigen Schießstandes führte ein schmaler Sandweg, der sich auf der Höhe der heutigen Feuerwache befand.

Als die junge Heidrun im Frühjahr 1955 konfirmiert wurde, entstand vermutlich das einzige Foto, das die Schießstände zeigt. „Der rechte Block war unser Zuhause, in dem noch zwei Mütter mit ihren vier Kindern gelebt haben“, sagt Heidrun Schmidt. Links ist der Stall zu sehen.

Im Jahr 1962 heiratete Heidrun Schmidt und zog aus. Ihr Mutter lebte noch bis 1966 in den Schießständen, die dann einem Industriegebiet weichen mussten. Die Betonblöcke aber blieben. „Sie waren wohl zu massiv, um entsorgt zu werden“, glaubt Heidrun Schmidt.