Norderstedt
Norderstedt

„Tiefer kann man nicht sinken“

Norderstedter muss netto 91 Prozent mehr für seine Schlichtwohnung zahlen. Stadt verteidigt die drastische Erhöhung

Norderstedt.  „Tiefer kann man nicht sinken“, sagt Hans Ehmke und versucht, seine Wut zu zähmen. Der Rentner ist empört, er soll auf einen Schlag gut 72 Prozent mehr Geld für seine Wohnung zahlen. Netto fällt der Anstieg noch drastischer aus, da steigt der Satz um 91 Prozent. Der 68-Jährige lebt in einer Obdachlosenwohnung in Norderstedt und steht nicht allein vor der abrupten Kostenexplosion, die ihn aufregt und die Psyche belastet. Die Verwaltung geht davon aus, dass etwa 90 Männer und Frauen in der Stadt betroffen sind.

Sie alle sind Opfer einer Satzungsänderung: Die Stadtvertreter hatten Mitte Juli beschlossen, die Nutzungsgebühren für die Notunterkünfte von 189 Euro netto auf 361,85 Euro zu erhöhen. Begründet hatte die Verwaltung die Gebührenexplosion mit der wachsenden Zahl von Flüchtlingen, die die Stadt aufnehmen, unterbringen und betreuen muss.

„Ich habe nichts gegen Flüchtlinge. Aber wenn die Stadt denen hilft, die bei uns Zuflucht suchen, sollte sie darüber die Deutschen nicht vergessen, die hier wenig haben, gearbeitet und Steuern bezahlt haben“, sagt Ehmke, der zu 70 Prozent behindert ist, weil er nur noch einen Lungenflügel hat, gehbehindert und auch sonst gesundheitlich angeschlagen ist. Gerade hat der Frührentner einen Herzinfarkt verkraftet. Ihm wurden zwei Stents eingesetzt, demnächst bekommt er einen Stent. „Dann fahre ich zur Kur und bin erstmal weg. Mit der Verwaltung möchte ich nichts mehr zu tun haben“, sagt Ehmke, der nicht weiß, wie er die zusätzliche Belastung auffangen soll.

733 Euro Rente bekommt er, davon gehen das Geld für die Wohnung und weitere Kosten wie die für das Mobiltelefon und Versicherungen ab. Der gelernte Dreher hat ausgerechnet, dass ihm 294 Euro zum Leben bleiben. Das reicht doch nie, so Ehmke, um Lebensmittel, Schuhe und Kleidung zu kaufen, geschweige denn, mal rauszugehen.

Er kann nicht verstehen, dass die Verwaltung ihn so behandelt. „Ich wohne seit 31 Jahren hier, habe immer alles in Ordnung gehalten, den Garten angelegt und die Dachrinnen sauber gemacht, und nun das“, sagt der Betroffene, der in einer der Schlichtwohnungen an der Friedrich-Ebert-Straße gegenüber dem städtischen Betriebshof wohnt. Es geht ihm dabei nicht nur um die Sache selbst, er fühlt sich auch schlecht behandelt. Am 27. Juli habe ein Bote das Schreiben der Verwaltung persönlich abgegeben, nur vier Tage später griff schon die Gebührenerhöhung. „Da bleibt keine Zeit, um sich auf die neue Situation einzustellen“, sagt der Norderstedter.

Er habe Widerspruch eingelegt und im Rathaus seine Situation geschildert. Auf Verständnis sei er nicht gestoßen, vielmehr habe er sich noch anhören müssen, dass er ja in einer viel zu großen Wohnung lebe und sich eine neue suchen solle.

„Ich habe mich informiert und herausgefunden, dass schon nicht behinderten Menschen 47 Quadratmeter zustehen, ich habe nur 43 Quadratmeter“, sagt Ehmke, der allein lebt und sich nicht vorstellen kann, beim herrschenden Mangel an günstigem Wohnraum in Norderstedt eine andere Wohnung zu finden.

Sozialdezernentin Anette Reinders hat zwar Verständnis für die persönliche Situation des Mannes, aber: „Er steht für ein grundsätzliches Problem, das wir in Norderstedt haben. Die Notunterkünfte sind nicht als Dauerwohnung gedacht, sondern nur als befristete Lösung, bis die Bewohner eine andere Wohnung gefunden haben.“ Doch Ehmke sei kein Einzelfall, auch andere hätten sich in den Obdachlosenwohnungen häuslich eingerichtet.

Nach einer aktuellen Berechnung, die die Sozialdezernentin den Fachpolitikern präsentiert hatte, muss die Stadt jährlich gut 2,8 Millionen Euro aufbringen, um Asylbewerbern und Obdachlosen ein Dach über dem Kopf zu bieten. Die Nutzungsgebühr sei die einzige Möglichkeit für die Stadt, die Kosten wieder einzuspielen. Da diese Gebühr für alle gilt, die in Notunterkünften leben, sind auch Norderstedter wie Hans Ehmke betroffen, die in diesen Wohnungen leben.

In der Regel erstattet der Bund die Ausgaben für die Unterbringung von Flüchtlingen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz oder über die Grundsicherung. Für Betroffene wie Hans Ehmke trifft das so nicht zu. Aber: „Natürlich muss bei uns niemand verhungern. Wenn, wie in diesem Fall, die Rente nicht zum Leben reicht, greifen andere Sozialleistungen wie die Grundsicherung und Wohngeld, die den Lebensunterhalt sichern“, sagt Anette Reinders. Diese Leistungen müssten beantragt werden.

Die Dezernentin stellt klar, dass die Stadt zwar vor der Mammutaufgabe stehe, sich um die Flüchtlinge zu kümmern. Dennoch verliere sie die Norderstedter in schwierigen Lebenssituationen nicht aus dem Blick. Zum einen baut die Stadt gerade für eine Million Euro eine neue Obdachlosenunterkunft am Langenharmer Weg, die im Herbst fertig sein soll. Zum anderen sei das Projekt „Wohnen und Arbeit“ gestartet – die Stadt Norderstedt, der Kreis und das Jobcenter Segeberg sowie die Diakonie Hamburg-West/Südholstein wollen zunächst sechs obdachlose Menschen so gezielt und intensiv betreuen, dass sie ein eigenständiges Leben in normalen Wohnungen führen und einen Job finden.